In Kooperation mit

Frank Wernecke/Christine Behle/Andrea Kocsis (Hrsg.)
Überzeugt, authentisch, kämpferisch
ver.di und ihr Vorsitzender Frank Bsirske 2001 bis 2019
260 Seiten | in Farbe | EUR 14.80
ISBN 978-3-96488-045-1

Hans-Jürgen Urban
Gute Arbeit in der Transformation
Über eingreifende Politik im digitalisierten Kapitalismus
264 Seiten | EUR 19.80
ISBN 978-3-96488-012-3

Lothar Schröder/Markus Franz
Eine warme Stimme schleicht sich in dein Ohr
Fluch und Segen von Künstlicher Intelligenz
Gewerkschaftliche Antworten
96 Seiten | EUR 8.00
ISBN 978-3-96488-034-5

Claudia von Braunmühl/
Heide Gerstenberger/Ralf Ptak/
Christa Wichterich (Hrsg.)
ABC der globalen (Un)Ordnung
Von »Anthropozän« bis »Zivilgesellschaft«
In Kooperation mit
Friedrich-Ebert-Stiftung, taz und Wissenschaftlichem Beirat von Attac
272 Seiten | Klappenbroschur |
EUR 12.00
ISBN 978-3-96488-003-1

Reinhold Gütter
Wohnungsnot und Bodenmarkt
Nachhaltige Alternativen für Wohnen und Stadtentwicklung
Eine Flugschrift
96 Seiten | EUR 9.80
ISBN 978-3-96488-028-4

Erik Olin Wright
Linker Antikapitalismus im 21. Jahrhundert
Was es bedeutet, demokratischer Sozialist zu sein
128 Seiten | Aus dem Englischen von Tim Jack und Daniela Kreuels |
EUR 12.80
ISBN 978-3-96488-006-2

Stephan Krüger
Profitraten und Kapitalakkumulation in der Weltwirtschaft
Arbeits- und Betriebsweisen seit dem 19. Jahrhundert und der bevorstehende Epochenwechsel
344 Seiten | durchgehend mit farbigen Abbildungen | EUR 24.80
ISBN 978-3-96488-023-9

Benjamin-Immanuel Hoff/Heike Kleffner/Maximilian Pichl/Martina Renner (Hrsg.)
Rückhaltlose Aufklärung?
NSU, NSA, BND – Geheimdienste und Untersuchungs­ausschüsse zwischen Staatsversagen und Staatswohl
272 Seiten | EUR 19.80
ISBN 978-3-89965-791-3

Ursula Prutsch
Populismus in den USA und Lateinamerika
200 Seiten | EUR 16.80
ISBN 978-3-96488-001-7

29. Juli 2019 Wolfram Morales/Rainald Ötsch/Axel Troost

»Overbanked« oder nicht »overbanked«

Frankfurter Bankenviertel. Foto: Andreas Wecker/flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0)

Unter dem Titel »Das Ende des Traums von einem international aufgestellten Geldinstitut« setzten sich Joachim Bischoff und Norbert Weber am 12. Juli auf SozialismusAktuell.de[1] mit aktuellen Veränderungen in der Deutschen Bank und mit dem europäischen sowie dem deutschen Bankensektor insgesamt auseinander. Dabei wurde die These vertreten, der deutsche Bankensektor sei »overbanked«.

Explizit wird aufgeführt:

  • Im Verhältnis zu den USA sei die Anzahl der Banken in Europa zu hoch.
  • Nach 2008 seien nur wenige Banken verschwunden, in den USA 40%, in Europa 13%.
  • Relativ zur Größe des Wirtschaftsraumes sei Europa »overbanked«.
  • Deutschland sei seit Längerem »overbanked«.
  • Gemessen an der Anzahl der Kund*innen gebe es in Deutschland zu viele Banken und Filialen.

Solche Wertungen setzen voraus, dass es eine optimale, für alle Regionen der Welt gültige Vergleichsgröße für die Bankenstruktur gibt, sozusagen eine Benchmark. Der Artikel lässt vermuten, dass die Autoren glauben, diese Benchmark sei das Bankensystem der USA. Dessen Struktur, so müssen die Leser*innen bei der Lektüre des Artikels schlussfolgern, ist offenbar optimal und damit vorbildhaft. Folglich gelte es sich daran auszurichten.

Mit derartigen Vergleichen wird seit Jahrzehnten Interessenpolitik betrieben. Gerade in den 1990er und den beginnenden 2000er Jahren, als die deutschen Großbanken den hiesigen Sparkassensektor auf politischen Wegen abschaffen wollten, war das »overbanked«-Argument sehr en vogue. Es wurde damals allerdings so sehr strapaziert, dass die Adressaten, Politiker*innen in Bund und Ländern sowie Kommunen, es nach einiger Zeit nicht mehr hören konnten.

Mit der Finanzmarktkrise wurde es dann um die »overbanked«-These ruhiger, da die deutsche Bankenstruktur, gerade wegen ihrer vielen Sparkassen und Genossenschaftsbanken sowie deren Orientierung auf das klassische, bodenständige Bankgeschäft (Einlagen- und Kreditgeschäft) und ihrer regional breiten Präsenz, sich als krisenstabiler und vorteilhafter für die Volkswirtschaft erwiesen hat, als Bankensysteme in anderen Staaten.

Seitdem stößt insbesondere das deutsche Sparkassen-Modell international auf gesteigertes Interesse. Dennoch taucht hier und da immer wieder einmal die alte »overbanked«-These aus der Versenkung auf. Sie wird aber auch durch vielfache Wiederholungen nicht korrekt.
Allein schon die nüchterne Statistik lässt an ihr zweifeln. So gibt es in den USA 27.000 Kund*innen je Bank, in der EU 62.000 und in Deutschland 47.000. Pro einer Million Einwohner*innen werden in Deutschland 444 Filialen und beispielsweise in Frankreich 560 Filialen vorgehalten. Der Logik der »overbanked«-These folgend könnte man also mit diesen Ergebnissen belegen, dass nicht Deutschland, sondern die USA nach Bank je Kunde betrachtet deutlich mehr »overbanked« als die EU oder Deutschland sind.

Auch die Betrachtung nach Erwachsenen im Verhältnis zur Anzahl der Bankfilialen bestätigt dieses Bild. Tradingeconomics.com beziffert für Deutschland 14 Bankfilialen auf 100.000 Erwachsene, so viele, wie in Österreich oder Ungarn. In den USA sind es 33 Bankfilialen auf 100.000 Einwohner, in Frankreich 38 und in UK 25. Auch so ergibt sich, dass offenbar dann die USA gegenüber Deutschland, Österreich und Ungarn sowie UK »overbanked« sind, Frankreich zugleich gegenüber den USA.

Wechselt man zur Betrachtung des Verhältnisses der Gesamt-Bilanzsumme des Bankensektors zum Bruttoinlandsprodukt des jeweiligen Landes ist für 2016 für die USA das 0,86-fache festzustellen, für Deutschland das 2,34-fache, für Frankreich das 3,36-fache und für UK das 5,31-fache. So gesehen ist vor allem UK »overbanked«.

Die Federal Reserve Bank of St. Louis ermittelte für 2016 für »Einlagen entgegennehmende Banken« (diese Betrachtungsweise ist wegen der Spezifika des US-Bankensektors, z.B. das viele Jahrzehnte in den USA vorherrschende Trennbankensystem dort üblich) in Deutschland eine Quote der zusammengefassten Bilanzsummen zum Bruttoinlandsprodukt von 93,4%, für Frankreich 112,5%, für das UK 130,5% und für die USA 62,7%. Nach dieser Betrachtung wäre UK »overbanked« und Frankreich noch immer schlechter als Deutschland. Klar wird, dass Deutschland mitnichten einen im Verhältnis zu seinem Bruttoinlandsprodukt größeren Bankensektor hat, als vergleichbare Staaten.

Wäre es so einfach, dass ein Bankensystem umso besser ist, je geringer dessen Größe im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt ist, dann gehörten die Bankensektoren von Uganda (19% Bankbilanzsumme am BIP), Niger (20%) und Ecuador (30%) zu den vorbildlichsten der Welt. Die westeuropäischen und nordamerikanischen Bankensysteme sowie die in Japan, Südkorea und China müssten dagegen als hoffnungslos »overbanked« gelten und möglichst schnell an das Niveau von Uganda angepasst werden. Der undifferenzierte Blick in die Statistiken zeigt vor allem eins. Die Gegenüberstellung von zwei willkürlich ausgewählten Zahlen zu den Bankenstrukturen besagen absolut gar nichts.

Teilweise hat nach einigen Daten der Bankensektor in den europäischen Staaten eine größere Bedeutung als das in den USA der Fall ist. Ob das gut oder schlecht ist, ob das passt oder eine Fehlstruktur ist, das lässt sich beim besten Willen nicht aus diesen Zahlen ableiten.
Man könnte dieser Sichtweise folgend genauso gut außerhalb des Bankensektors feststellen, dass z.B. in den USA eine Brauerei auf 43.919 Einwohner*innen und in Deutschland eine Brauerei auf 53.944 Einwohner*innen kommt. Demnach wären dann die USA »over-breweryed«. In Deutschland kommt in der Automobilindustrie eine beschäftigte Person auf je 101 Einwohner*innen, in Frankreich ist das Verhältnis 1:598, in den USA 1:343, in China 1:864 und in Italien 1:309. Hier wäre fraglos Deutschland »over-automotive-industrialized«.

Zu den Fakten, die für die Wertung des deutschen Bankensektors zu berücksichtigen wären, gehört, dass Deutschland ein dezentrales Bankensystem mit etwa 1.650 Instituten, darunter etwa 380 Sparkassen und 900 Kreditgenossenschaftsbanken hat. Das Regionalprinzip der Sparkassen besagt, dass ihre Geschäftstätigkeit auf das Gebiet ihrer Trägerkommunen beschränkt ist, wodurch eine Sparkasse nie mit einer anderen Sparkasse im Wettbewerb steht. Ähnlich ist es bei den Genossenschaftsbanken. Die Anzahl der Institute in Deutschland sagt daher viel über die territoriale Struktur aus und wenig darüber, ob es eine Überversorgung mit Bankdienstleistungen bzw. zu viel Konkurrenz gibt.

Trotz der großen Anzahl an regionalen Kreditinstituten und deren flächendeckend präsenten Filialen wird aus dünn besiedelten Gebieten immer wieder die Klage laut, dass wenn im Zuge von Anpassungen der Filialstrukturen an die Nutzungsfrequenz Filialschließungen stattfinden, der Zugang zu Bankdienstleistungen übermäßig erschwert würde, speziell für Ältere und Behinderte, die weder Pkw noch Computer oder Smartphone besitzen.

Ein Rückgang der Bankenanzahl um 40% in den USA, der als gelungenes Beispiel für die Konsolidierung nach der Krise angeführt wird, wäre in Deutschland nur mit einer massiven Fusionswelle im Lager der Sparkassen und Genossenschaftsbanken zu erreichen. Das stünde im Widerspruch zu ihren Hauptwettbewerbsstärken: der speziellen Ortskenntnis, der abschließenden Verantwortung und Entscheidungskompetenz vor Ort und nicht zuletzt auch den regionalen Gestaltungsinteressen von Trägern und Genossenschaftern. Dies würde fraglos zu einem starken Rückzug aus unprofitablen Landkreisen und Städten, also zu einer Unterversorgung mit Bankdienstleistungen für Privathaushalte und die gewerbliche Wirtschaft führen. Internationale Untersuchungen zeigen zudem, dass gerade die örtliche Nähe zu einer Bankfiliale wesentlich ist – insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen sowie für Freiberufler. Es braucht also andere Indikatoren und vor allem eine nationale Differenzierung, um die »overbanked«-These auf Stimmigkeit zu prüfen.

2014 veröffentlichte das nach der Finanzkrise eingesetzte offizielle Aufsichtsgremiums zur Identifizierung und Vermeidung von Systemrisiken, der Beirat des European Risk Board (ESRB), eine Studie zur Frage »Is Europe Overbanked?«, die die Autor*innen zwar bejahten, aber auch aus deren Bestandsaufnahme wird deutlich, wie heterogen die Strukturen innerhalb der EU sind. Wenn sich Lehren für den deutschen Bankensektor ziehen lassen, dann vor allem die, dass die Schlussfolgerung, dass das aufgeblähte Bankensystem Kapital und Menschen von einer produktiven Verwendung in anderen Wirtschaftssektoren abhält sowie Krisen begünstigt, sich nur auf einen Teil der deutschen Banken beziehen lässt.

Die Indikatoren, auf denen die ESRB-Autoren ihre Schlussfolgerungen aufbauen, sind zum einen ein stark gestiegenes Verhältnis von Bankkrediten zum Bruttoinlandsprodukt (im Vergleich zu anderen Staaten ist dieses in Deutschland nur wenig angestiegen). Zum anderen wird mithilfe von EU-Aggregaten das starke Wachstum an Derivaten und Auslandskrediten moniert. Beides sind aber Größen, die weder für Sparkassen noch für Genossenschaftsbanken, die einen beträchtlichen Anteil des deutschen Bankenmarktes ausmachen, eine nennenswerte Rolle spielen. Selbst die in Summe schwache Kapitalisierung (leverage ratio) ist allein einigen Großbanken anzulasten.

Zudem wird gezeigt, dass die auf das Geschäftsvolumen bezogene Fast-Verdopplung der Größe des EU-Bankensystems seit 1996 komplett dem Wachstum der 20 größten Banken zugeschrieben werden kann. Darunter zählten zum Zeitpunkt der Studie lediglich zwei deutsche Kreditinstitute, nämlich die Deutsche Bank und die Commerzbank. Erstere ist inzwischen zum Sinnbild einer Bank geworden, die sich mit der übersteigerten Konzentration auf das Investmentbanking verhoben hat. Die Commerzbank ist mittlerweile aus dem Top 20-Ranking ganz herausgefallen. Schnell wird somit klar, dass das für Europa behauptete »overbanking« nicht auf Deutschland zutrifft.

Eine weitere mit der »overbanked«-These verbundene Behauptung ist die, dass Banken in Deutschland nicht ausreichend profitabel sein können, eben wegen der angeblich zu vielen Banken, die sich zwangsläufig den begrenzten Kuchen teilen müssten. Langfristig zeigen die Statistiken der Bundesbank zur Ertragslage der Banken in Deutschland aber vor allem eins: nämlich dass interessanterweise die Großbanken in dieser Disziplin schlecht abschneiden. Ihr Kosten-Ertrags-Verhältnis lag 2017 bei 88,7, das der Sparkassen bei 67,1 und das der Genossenschaftsbanken bei 65,7. Das bedeutet, dass Großbanken fast 89 Cent einsetzen müssen, um einen Euro Ertrag zu erwirtschaften, Sparkassen und Genossenschaftsbanken dagegen nur rund 67 und 66 Cent.

Die Gruppen mit den meisten kleinen und mittleren Instituten, die arbeitsteilig in Verbünden kooperieren, sind interessanterweise am effizientesten. Das war regelmäßig in den letzten 17 Jahren der Fall. Bezogen auf die Profitabilität sind Sparkassen und Genossenschaftsbanken mit rund 10% Eigenkapitalrentabilität mit Abstand besser als die Großbanken und beweisen, dass man im deutschen Bankenmarkt sehr wohl erfolgreich und profitabel sein kann.


Jahresüberschuss vor Steuern in Prozent des bilanziellen Eigenkapitals (Eigenkapitalrentabilität)
 

Trotz aller Unterschiede wird im gesamten deutschen Bankenmarkt heute über 25% mehr verdient, als das im Jahr 2000 der Fall war, während die Kosten nur um 12% zulegten. Der Profit aus dem Kerngeschäft der Banken ist in den Jahren von 2000 bis 2015 um 20% gestiegen (Böcker, Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen, 14/2017).

Offenbar ist also der Bankenmarkt Deutschland nach wie vor attraktiv. Seit 2000 haben nicht zuletzt darum nennenswerte Wettbewerber Fuß gefasst, z.B. ING-Diba, Santander, Comdirekt, Targobank. In einem »overbanked« Bankenmarkt wäre es dagegen nahezu unmöglich, als neues Institut in den Markt einzutreten. Der Erfolg vieler Banken in Deutschland, speziell der mittelständischen Sparkassen und Genossenschaftsbanken, ist zudem Beleg dafür, dass Fusionen und die Schaffung größerer Einheiten nicht Voraussetzung für Erfolg im Bankensektor sind.

Reinhard H. Schmidt, Senior-Professor und international renommierter Bankenexperte an der Goethe Universität Frankfurt am Main, machte in der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen (Heft 1/2018) zudem darauf aufmerksam, dass für bankpolitische Entscheidungen der alleinige Blick auf den finanziellen Erfolg der einzelnen Banken nicht ausreichend ist.

Vielmehr müsse auch die volkswirtschaftliche Rolle der Banken betrachtet werden. In den Ländern, in denen es fast nur noch rein gewinnorientierte Banken gibt, stellten die Versorgung der Bevölkerung mit Bankleistungen in abgelegenen Regionen und die Kreditversorgung kleiner und mittelgroßer Unternehmen immer wieder thematisierte Probleme dar. Diese hätten sich nach der politisch beförderten Konsolidierung mittels Fusionen und der damit verbundenen drastischen Reduzierung kleiner, regionaler Banken, noch verstärkt.

In Deutschland gäbe es diese Probleme nicht, da Sparkassen und Genossenschaftsbanken nach wie vor in allen Teilen des Landes vertreten seien, anders als die Großbanken, die sich immer mehr aus dezentralen Regionen zurückziehen. Außerdem hätten Sparkassen und Genossenschaftsbanken, auch anders als Großbanken, in der Krise ihre Kreditvergabe nicht eingeschränkt, sondern sie sogar ausgeweitet.

Dezentrale, kleine und nicht primär gewinnorientierte Banken neigten auch weniger als von Aktionärsinteressen bestimmte Großbanken dazu, hohe Risiken einzugehen, die in einer späteren Krise schlagend werden, was ein Stabilitätsvorteil der deutschen Bankenstruktur ist. Schmidt schlussfolgert, dass Vermutungen, wonach Netzwerke eher kleiner dezentraler Banken wirtschaftlich auf Dauer nicht überlebensfähig wären, oder dass sie im Vergleich zu Großbanken nicht effizient wären, im deutschen Fall schlicht nicht zutreffend sind.

Das wirklich bemerkenswerte an den »overbanked«-Argumenten in der medialen Diskussion ist nicht, dass sie hier und dort zitiert werden, sondern dass dabei kaum jemand auf die Idee kommt zu fragen, ob die spezifische Bankenstruktur in einem Land mit der ansässigen Wirtschaft und deren Struktur, bzw. mit den politischen, historischen, geografischen Gegebenheiten zusammenhängen könnte.

In der Wissenschaft wurde längst thematisiert, dass die Struktur des Bankensektors eines Landes sich sehr effizient und schnell an die realökonomischen Bedürfnisse anpasst (Gischer/Ilchmann 2019 DIW Vierteljahresberichte 4/2019, Behr et al. 2013 u.a.). Daraus folgt, dass sogar ein auf den ersten Blick als »overbanked« erscheinender Bankensektor für die betreffende Volkswirtschaft exakt die richtige Struktur sein kann, um effizient die Bedürfnisse von Industrie, Dienstleistungen und Handel zu befriedigen. Es ist auch bekannt, dass die Unternehmensstruktur eines Landes die Bankenstruktur und die Größe des Bankensektors determiniert. Die einzigartige mittelständische Struktur des vergleichsweise starken verarbeitenden Gewerbes in Deutschland beeinflusst zweifelsfrei die Struktur des hiesigen Bankensektors.

Auch Gischer/Ilchmann machen darauf aufmerksam, dass die räumliche Verteilung der Bevölkerung auf die Größe und Struktur des Bankensektors entscheidend einwirken. In Deutschland und Italien lebe beispielsweise der größte Teil der Bevölkerung in kleinen Orten und Vororten, während in allen anderen westeuropäischen EU-Staaten die Masse der Bevölkerung in Städten wohnt. All dies müsse bei der Beurteilung der konkreten Struktur des Bankensektors berücksichtigt werden. Es scheine daher so zu sein, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass es bezüglich des Bankensektors international eine »one size fits all«-Regel geben könne.

Hinzu komme, dass es in Europa Staaten mit stärker kapitalmarktorientierten Finanzsystemen und solche mit mehr bankorientierten Finanzsystemen gibt. Frankreich und UK sind Beispiele für die starke Investmentbankorientierung. Die Niederlanden, Spanien und Italien sind stark retailbankorientiert. Deutschland hat hingegen mit 48% kapitalmarktorientierten Banken zu 52% retail-orientierten Banken eher einen ausbalancierten Bankensektor. Aber auch dieser Befund ermögliche keine Wertungen bezüglich der richtigen oder falschen Aufstellung im Vergleich zu Bankensektoren anderer Staaten.

Nicht zuletzt wirkt auch die konstitutionelle Verfassung eines Landes auf den Bankensektor durch. Deutschland ist ein Bundesstaat mit stark ausgeprägter Dezentralität und kommunaler Selbstverwaltung. Die staatliche Daseinsvorsorge, gerade auch im Finanzbereich, ist festgeschrieben und wirkt auf die Struktur und Entwicklung des Bankensektors des Landes. Frankreich ist hingegen ein eher auf das Zentrum ausgerichteter Staat. Die Bankenstrukturen folgen auch dort den staatlichen Strukturen.


Wolfram Morales ist Leiter des Büros des Geschäftsführenden Präsidenten des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, Rainald Ötsch wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag und Axel Troost Senior Fellow für Wirtschafts- und Europapolitik der Rosa Luxemburg Stiftung.

[1] Joachim Bischoff/Norbert Weber, Das Ende des Traums von einem international aufgestellten Geldinstitut, Sozialismus.deAktuell 12. Juli 2019.

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