14. September 2026 Redaktion Sozialismus.de: Schwedendemokraten verlieren erstmals Stimmen
Politischer Richtungswechsel in Schweden?
In Schweden wurden am Sonntag die politischen Kräfteverhältnisse neu bestimmt. Die Wahl war eine Richtungsentscheidung für das Land und könnte auf eine Ablösung des Mitte-Rechts-Blocks unter Ministerpräsident Ulf Kristersson (Moderate) hinauslaufen, auch wenn das endgültige Ergebnis erst im Laufe des Mittwoch erwartet wird.
Nachdem 94% der Stimmen ausgezählt sind, hält der Mitte-Links-Block mit 176 zu 173 Sitzen die Mehrheit im Parlament. Zu diesem gehören die Sozialdemokraten, die Linkspartei, die Grünen und die Zentrumspartei. Die größte Partei bleiben trotz Einbußen die Sozialdemokraten. Die Linkspartei konnte ordentlich zulegen und überholte die Zentrumspartei. Auch die Grünen konnten sich verbessern.
Die wohl größte Überraschung spielte sich jedoch im rechten Block aus Moderaten, Christlichdemokraten und Liberalen ab, deren Minderheitenregierung von den rechtspopulistischen Schwedendemokraten toleriert und unterstützt wurde. Bei den letzten Wahlen waren diese noch die größte rechte Partei und es sah lange so aus, als ob sie dies auch bleiben würden. Am Sonntag wurden sie wider allen Vorhersagen von den Moderaten überholt. Diese holten 19,9%, die Rechtsnationalen fielen auf 17,6% zurück und verloren elf Sitze im Parlament.
Die Themen des Wahlkampfs
Der Wahlkampf wurde von den Themen Migration und Integration, innere Sicherheit, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit sowie Schwedens Rolle in der Europäischen Union und der NATO geprägt. Noch gewichtiger aber waren Fragen der Energiepolitik und vor allem der sozialen Sicherheit, insbesondere die Bezahlbarkeit der Lebensverhältnisse für große Teile der Bevölkerung.
Die bisherige Regierung hatte in den letzten vier Jahren eine fühlbare Rechtsverschiebung durchgesetzt. Der konservative Premierminister Kristersson konnte seine Koalition während der Legislaturperiode nur aufrechterhalten, weil er von den rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) toleriert wurde. Die vorherige Wahl im Jahr 2022 hatte markierte einen Wendepunkt in der Nachkriegsgeschichte Schwedens markiert, weil SD nach einer Kampagne, die sich auf Themen rund um Einwanderung und Gewaltverbrechen konzentrierte, zur zweitgrößten Partei Schwedens wurde.
Im Oktober 2022 unterzeichneten die bürgerlichen Parteien (Moderate, Christdemokraten und Liberale) das Tidö-Abkommen (benannt nach dem Schloss Tidö Schloss in Västmanland, wo das Abkommen unterzeichnet wurde) mit den Schwedendemokraten und setzten damit eine rechte Reformagenda in die Praxis um. Diese Konzeption stand für eine rechts geprägte schwedische Zukunft.
Die Schwedendemokraten, 1988 aus dem Milieu der militanten Rechten entstanden, stützten die Regierung seitdem zwar nur »aus der zweiten Reihe«, waren faktisch aber Taktgeber. Sie arbeiteten gut mit den Koalitionspartnern zusammen und boten ihren Wähler*innen zugleich eine pragmatische Form von Nationalismus. Expert*innen nennen das »Normalisierung«. Die von ihnen gestützte Mitte-Rechts-Koalition praktizierte eine dramatische Verschärfung der Migrationspolitik, einschließlich der Abschaffung des ständigen Aufenthalts für Flüchtlinge und verstärkter Abschiebungen.
SD-Chef Jimmie Åkesson nutzte dieses Entgegenkommen und forderte für die neue Legislaturperiode zugleich die Hälfte aller Ministerien für seine Partei, darunter drei der vier wichtigsten Ressorts und das Migrationsministerium. Die bisherigen Koalitionspartner haben ihm Verhandlungen zugesichert. Åkesson will spätestens 2030 Ministerpräsident sein. Das Wahlergebnis hat nun seinen Ambitionen einen deutlichen Dämpfer verpasst.
Grüne Industrie ...
Schweden ist mit den zwei großen politischen Blöcken an Koalitions- und Minderheitsregierungen gewöhnt. Insofern drehte sich der Wahlkampf auch oft um Koalitionsarithmetik: Wer kann mit wem regieren, welche Kleinpartei wird zum Zünglein an der Waage? Gleichzeitig haben sich die Parteien inhaltlich angenähert. Der rechte Block übernahm einige sozialpolitische Forderungen der Sozialdemokraten, diese wiederum näherten sich rechten Positionen bei Migration und Sicherheit an. Selbst die konservativen Moderaten versprachen kostenlose Kinderbetreuung nach der Schule – ein Vorschlag, der noch als zu radikal galt, als ihn die Sozialdemokraten machten. Umso wichtiger war die Frage, womit sich überhaupt noch neue Wähler*innen mobilisieren lassen.
Schwedens frühere Premierministerin und aktuelle Spitzenkandidatin der Sozialdemokraten, Magdalena Andersson, die als Gewinnerin aus den Wahlen hervorgegangen ist (zumindest wurde ihre Partei stärkste Kraft im Riksdagen, dem schwedischen Parlament) zielt darauf ab, das skandinavische Land wieder zu einem Pionier der grünen Industrie zu machen. Sie sagte, dass eine Mitte-Links-Regierung, die von ihr geführt wird, »in der Welt sehr klar und laut sein würde: Schweden ist zurück und wir sind offen für Geschäfte«. Schweden hat eine große Menge an überschüssiger Wasserkraft in seiner nördlichen Region zur Verfügung. Aber in den letzten zwei Jahren ist der schwedische Batteriehersteller Northvolt – Europas Haupthoffnung, China in der Technologie einzuholen – Bankrott gegangen, während Stegra, ein grünes Stahl-Start-up, von der Industriefamilie Wallenberg gerettet werden musste.
Gleichwohl sah die sozialdemokratische Spitzenpolitikerin »das Potenzial, wirklich an der Spitze der globalen grünen Transformation mit unseren traditionellen Industrieunternehmen und auch mit neuen zu organisieren. […] Wir haben eine fossilfreie Stahlproduktion, den grünen Bergbau, wir hatten eine Batteriefabrik, die vielleicht zu optimistisch war, wie schnell man expandieren kann. Wir haben das Potenzial, all diese neuen grünen Industrien auszubauen.«
Damit konnte ihre Partei in den Monaten vor den Parlamentswahlen in Meinungsumfragen einen beträchtlichen Vorsprung vor zwei Mitte-Rechts-Parteien um mehr als 10 Prozentpunkten erreichen, zuletzt ging dieser große Vorsprung wieder verloren. Die regierende Mitte-Rechts-Koalition, die zugesagt hatte, dass sie die Schwedendemokraten in eine zukünftige Regierung einbeziehen würde, konnte die Kluft in den Meinungsumfragen verringern, was zu dem jetzt knappen und noch immer offenen Ergebnis geführt hat.
Andersson hat zudem eine Aussage zur Frage verweigert, wie sie nach der Wahl eine Koalition bilden wird. Dem Vorwurf von Premierminister Kristersson, sie würde die linkeste Regierung in der jüngeren Geschichte Schwedens führen, weil sie von extremeren Parteien abhängig sei, entgegnete die sozialdemokratische Parteichefin, Schweden sei nicht »die USA; wir sind kein Zwei-Parteien-System« und fügte hinzu: »Ich denke, wir brauchen mehr Parteilichkeit in der schwedischen Politik, wenn wir langfristig breitere Vereinbarungen haben und nicht unbedingt gemeinsam in der Regierung arbeiten.«
Die Regierung Kristersson dagegen hatte eine der offensten Gesellschaften Europas zu einem Testfeld für härtere Politiken in den Bereichen Integration, Staatsbürgerschaft und Grenzkontrollen gemacht. Der Moderate hat seine Zusammenarbeit mit den Schwedendemokraten seit 2022 mit deren Unterstützung von Wachstum und niedrigeren Preisen für Energie und Lebensmittel, der Verringerung von Bandenkriminalität und Schießereien und der Senkung der Asylzahlen auf Rekordtiefs begründet.
In den letzten vier Jahren hat die Regierung den ständigen Aufenthalt für Flüchtlinge abgeschafft, die Sozialhilferegeln verschärft und die Ausweisungen derjenigen, die kein Bleiberecht haben, verstärkt. Während Kristersson andeutete, dass der Fokus nun auf Integration liegen solle, wollen die Schwedendemokraten die Abgrenzungs- und Re-Migrationspolitik ausbauen. »In Schweden sind es die schwedische Kultur, die schwedische Sprache, die schwedischen Gesetze, die schwedischen Normen, die schwedische Moral und die schwedischen Traditionen, die gelten«, sagte Mattias Karlsson, einer der engsten Verbündeten von SD-Chef Åkesson, gegenüber Reuters. »Wenn du das nicht akzeptieren kannst, musst du einen anderen Ort finden, um zu leben.«
Trotz eines Konsenses über eine strenge Einwanderungspolitik empfinden viele Schwed*innen immer noch ein tiefes Unbehagen über die extreme Rechte, zumal Kristersson versprochen hat, die Zusammenarbeit mit den Schwedendemokraten nach den Wahlen zu vertiefen und ihnen Positionen im zukünftigen Kabinett zu geben. Daraus wird nun angesichts des Wahlergebnisses wohl nichts. Bereits in Umfragen deutete sich ein hauchdünner Vorsprung der Mitte-Links-Opposition an.
... und bezahlbare Lebensverhältnisse
In der Wahrnehmung vieler Bürger*innen verwöhnte das Tidö-Abkommen die Reichen, während der Rest zu zahlen hatte: krank am Schreibtisch, mit überteuertem Zahnersatz, in Sorge um Wohnungsmarkt, Rente und Schule. Die Rechtsregierung nannte Entlastungen unbezahlbar. Die sozialdemokratische Plattform unter der Führung von Magdalena Andersson hielt dagegen mit konkreten, bezahlbaren Versprechen wie der Abschaffung des Karenztags, günstigeren Medikamenten, mit einer Zahnreform mit höchstens 10% Eigenanteil, mit Profitverbot für Schulen und für Mieten, die nicht dem Markt überlassen werden.
Schließlich war Andersson mal Finanzministerin und weiß: An Geld mangelt es Schweden nicht. Die Mitte-Recht-Regierung hat die Steuereinnahmen um über 100 Mrd. Kronen gesenkt, überwiegend zugunsten der Besserverdienenden. Allein die Erhöhung der Abzüge für Putzhilfen und Renovierungen kostet mehr, als es kosten würde, allen Arbeiterhaushalten eine gesunde Zahnbehandlung zu ermöglichen. Laut Umfragen haben Haushaltsfinanzen und Gesundheit die Kriminalität als wichtigstes Wahlkampfthema abgelöst.
Die Migration spielte auch bei dieser Wahl eine Rolle. Obwohl die Sozialdemokraten restriktive Migrationspolitik mittragen, machten die Schwedendemokraten sie zur Zielscheibe ihres Kulturwahlkampfs, sie würden »kriminelle Ausländer vor der Abschiebung« schützen und seinen allein schon deshalb ein Risiko. Die bisherige Regierung hat die Migrationspolitik von SD durchgesetzt, darunter auch erste Elemente von »Remigration«: Der Rückkehrzuschuss stieg 2026 auf 350.000 Kronen (rund 30.000 Euro) pro Erwachsenen. Die Wartezeit für eine Staatsbürgerschaft wurde verlängert, die Aberkennung erteilter Staatsbürgerschaften ermöglicht. Sogar jugendliche Kinder von Eltern mit gültigem Aufenthaltstitel erhielten Abschiebungsbescheide. Doch damit scheint die Regierung zu weit gegangen zu sein: Es kam zu Demonstrationen. Tidö-Koalitionärin Ebba Busch, Parteiführerin der Christdemokraten, zeigte sich reumütig.
Eine andere Politik ist möglich
Der Aufstieg der extremen Rechten hat die politische Landschaft Europas insgesamt umgestaltet. In Ländern wie Finnland, Italien, Kroatien und der Tschechischen Republik sind sie bereits Bestandteil der Regierungen, in Frankreich und Deutschland werden sie immer stärker. Die Schwedendemokraten unterstützten die letzten vier Jahre Kristerssons Politik im Parlament, manche Analysten sagen, Åkesson hätte zugleich begonnen, etwas extremistisches Gepäck über Bord zu werfen, weil sich die Partei im Jahr 2025 für vergangene neonazistische und antisemitische Ansichten entschuldigt habe.
Die Anerkennung ist den Schwedendemokraten zum Glück versagt worden. Sie haben sogar deutlich an Zustimmung verloren. Der (voraussichtliche) Sieg des Linksblocks mit der Sozialdemokratin Andersson an der Spitze zeigt, dass mit dem Konzept einer sozial-ökologischen Transformation und der Verbesserung der Lebensverhältnisse für die Menschen durch sozialstaatliche Reformen, die das Leben wieder bezahlbarer machen, die Rechtsverschiebung aufgehalten werden kann.
Sollte sich das Resultat bestätigen, wird es den Sozialdemokraten als größte Partei zufallen, eine Regierung zu bilden. Andersson steht dann vor einer schwierigen Aufgabe. Die Zentrumspartei lehnt eine Regierungsbeteiligung mit der Linkspartei ab. Die Linkspartei wiederum weigert sich, eine Regierung zu unterstützen, an der sie nicht beteiligt ist – erst recht, nachdem sie die Zentrumspartei überholt hat.
Aktuell ist unsicher, ob die Mehrheitsverhältnisse in letzter Minute nicht doch noch kippen könnten. Solange Andersson keine Regierungsalternative präsentieren kann, will der amtierende Ministerpräsident Kristersson seine Niederlage nicht eingestehen. Er setzt seine Hoffnung auf eine Spaltung der Opposition, um an der Macht zu bleiben. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Sollte die Zentrumspartei die Seite wechseln, käme der rechts-bürgerliche Block auf eine Mehrheit. Ein komplettes Scheitern der Regierungsbildung wiederum würde Neuwahlen erzwingen.













