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haben nicht nur alle, die spätestens am 26.9. ihre zwei Kreuzchen an der richtigen Stelle anbringen müssen. Auch uns fordert der Wahltag heraus, weil wir die Ergebnisse und erste sich abzeichnende Folgen bewerten wollen. Deshalb wird die Oktober-Ausgabe der gedruckten Fassung von Sozialismus.de erst am 6. Oktober verschickt.

In Kooperation mit

Jane McAlevey
Macht. Gemeinsame Sache.
Gewerkschaften, Organizing und der Kampf um die Demokratie
Herausgegeben von Stefanie Holtz (IG Metall Jugend) und Florian Wilde (Rosa-Luxemburg-Stiftung)
224 Seiten | EUR 14.80
ISBN 978-3-96488-115-1

Sabrina Apicella
Das Prinzip Amazon
Über den Wandel der Verkaufsarbeit und Streiks im transnationalen Versandhandel
Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung
240 Seiten | EUR 16.80
ISBN 978-3-96488-098-7

Stephan Krüger
Weltmarkt und Weltwirtschaft
Internationale Arbeitsteilung, Entwicklung und Unterentwicklung, Hegemonialverhältnisse und zukünftiger Epochenwechsel
Kritik der Politischen Ökonomie und Kapitalismusanalyse, Band 6
608 Seiten | Hardcover | EUR 34.80
ISBN 978-3-96488-021-5

Gine Elsner
Augustes Töchter
Auf den Spuren engagierter Frauen
464 Seiten | Hardcover | Abbildungen | EUR 32,80
ISBN 978-3-96488-040-6

Reinhold Niemerg/Maria Cerull/Susanne Mohrig/Silvia Dulisch/Ruth Potschka-Zwickl (Hrsg.)
Das Ende der Angst
Charité Berlin: »Outgesourcte« Therapeut:innen erstreiten ihre Rückführung
WIDERSTÄNDIG
108 Seiten | EUR 9.00
ISBN 978-3-96488-050-5

Alex Demirović/Andreas Fisahn/Birgit Mahnkopf/Carolin Mauritz/Christa Wichterich/Fritz Reheis/Peter Wahl/Stefanie Hürtgen/Thomas Sablowski/Ulrich Duchrow
Das Chaos verstehen
Welche Zukunft in Zeiten von Zivilisationskrise und Corona?
Zeitdiagnosen aus dem Wissenschaftlichen Beirat von Attac
224 Seiten | EUR 16.80
ISBN 978-3-96488-100-7

Micha Brumlik
Postkolonialer Antisemitismus?
Achille Mbembe, die palästinensische BDS-Bewegung und andere Aufreger
Bestandsaufnahme einer Diskussion
160 Seiten | EUR 14.80
ISBN 978-3-96488-112-0

25. Juli 2021 Klaus Bullan: Was junge Metallarbeiter:innen in der Coronapandemie bewegt

»Raus aus der Krise«

Foto: Sefkan Evin/Michael Wallmüller | IG Metall

Die Coronapandemie hat starke negative Auswirkungen auf die aktuelle Erwerbs- bzw. Ausbildungssituation, das persönliche Wohlbefinden sowie den sozialen Nahbereich und die Zukunftspläne junger Menschen. Dies zeigt eine aktuelle Studie der IG Metall Jugend.

Die Bundesjugendsekretärin der IG Metall, Stefanie Holtz, schreibt in ihrem Vorwort: »Die Corona-Pandemie trifft die junge Generation hart. Das wissen wir nicht nur aus unserem persönlichen Erleben oder den Erzählungen von Freund_innen. Durch unsere Jugendstudie ›Plan B‹ können wir auf Grundlage verlässlicher Zahlen auswerten, wie sich die Pandemie auf junge Menschen in Ausbildung, Studium und den Beginn ihrer Berufstätigkeit auswirkt.«[1]

Die Jugendstudie kommt hinsichtlich der persönlichen Konsequenzen für die Gruppe der bis 27- Jährigen, die hier befragt werden, zu vergleichbaren Ergebnissen wie andere Untersuchungen: »Ihre allgemeine persönliche Situation beschreiben junge Menschen im Pandemie-Winter 2021 eher düster. 61% der Befragten geben an, ihre psychische Gesundheit habe sich verschlechtert, 55% klagen über negative Effekte auf die Beziehung zu ihren Freund_innen und 51% konstatieren, sie hätten das Gefühl, ihr eigenes Leben nicht mehr zu kontrollieren. Hier zeigen sich die enormen psychosozialen Auswirkungen der pandemiebedingten Kontaktbe­schränkungen und Unsicherheiten auf junge Menschen.« /5/

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Dabei ist auffällig, dass die Jugendlichen aus der Befragung über die Geschäftsstellen der IG Metall, die überwiegend, aber nicht zu 100% Gewerkschaftsmitglieder sind, über deutlich größere persönliche Auswirkungen berichten als die Jugendlichen aus der Repräsentativbefragung, was auf ein größeres Problembewusstsein der überwiegend gewerkschaftlich-politisch aktiven Jugendlichen schließen lässt. Generell gilt, dass gerade für die junge Generation der Kontakt zu Gleichaltrigen eine sehr große Rolle für ihr Aufwachsen spielt und in der Pandemie sehr stark eingeschränkt war. Hinzu kommen Verunsicherungen (»Gefühl, dein eigenes Leben zu kontrollieren«) und ein sinkendes Vertrauen in das Krisenmanagement der Regierung.

Besonders interessant an der Studie ist, dass hier die Arbeitswelt in den Fokus genommen wird. Die größte persönliche Veränderung am Arbeitsplatz ist der Trend zum Homeoffice in der Pandemie. 62% der Auszubildenden und 83% der dual Studierenden sind davon betroffen, bei den jungen Beschäftigten liegt dieser Anteil bei 42%, während von ihnen fast die Hälfte von Kurzarbeit betroffen ist.

Veränderte Arbeitsabläufe betreffen fast 50% der beschäftigten Jugendlichen und jungen Erwachsenen: »Um das Ansteckungsrisiko zu verringern, wurden Teams in kleinere Einheiten eingeteilt, Versammlungsorte wie Kaffeeautomaten oder Kantinen geschlossen, wodurch in Betrieben viel von dem Zusammenhalt stiftenden Miteinander fehlt.« /25/ Ein Drittel der Befragten plagen Zukunftsängste als Auswirkung der Pandemie, wobei Studierende und befristet Beschäftigte besonders betroffen sind. Junge Frauen haben generell größere Zukunftsängste.

Unterschiede zwischen den Auszubildenden, den dual Studierenden und den jungen Beschäftigten sind aufgrund ihres je spezifischen Status im Betrieb und/oder in Ausbildung festzustellen.


Auszubildende

Auffällig ist zunächst, dass nur ein Drittel der Auszubildenden den Ausbildungsabschluss als höchsten angestrebten Bildungsabschluss sehen, die Mehrheit will sich nach dem Abschluss weiter qualifizieren.

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Die Ausbildungssituation hat sich in der Wahrnehmung der Jugendlichen deutlich verschlechtert. Auch die Zukunftsperspektive im Beruf und in der Branche ist unsicherer geworden und damit auch die Arbeitsplatzsicherheit. Neben den Auswirkungen der Pandemie, die die Befürchtung einer Entwertung der erworbenen Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt (»Generation Corona«) mit sich bringt, und vor allem auch die von den Jugendlichen wahrgenommene Qualitätsverschlechterung in Berufsschule und Ausbildung durch mangelnden Praxisanteil bzw. Restriktionen in der Arbeits- und Lernorganisation im Betrieb sowie Mängel im digitalen Unterricht spielt bei der Verunsicherung auch der Strukturwandel in relevanten Teilen der Metallindustrie wie der Automobilindustrie und der Luftfahrt eine wichtige Rolle. Gerade auch die Auszubildenden spüren diese doppelte Bedrohung für ihre Situation hautnah.

»53% der Befragten erwarten schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch ihren Abschluss während der Pandemie, jeweils 48% sehen eine Verschlechterung des gesammelten Wissens und der Abschlussnote durch die Krise, 46% haben weniger praktische Arbeitserfahrungen und 40% der Auszubildenden erwarten, mit ihrem Abschluss weniger Fähigkeiten zu erlernen. Auszubildende befürchten, dass sie die verpassten praktischen Erfahrungen nicht aufholen können, nicht übernommen werden und mit einem vergleichsweise minderwertigen Abschluss (einige sprechen von ›Corona-Ausbildung‹) auf dem Arbeitsmarkt mit schlechteren Chancen dastehen.« /36/

Hinzu kommt, dass die Motivation auch aufgrund des zunehmend zurückgehenden Gemeinschaftsgefühls bei der Arbeit (und in der Berufsschule) wegen des »social distancing« stark zurückgegangen ist: Jede(r) zweite Auszubildende sieht das als Verschlechterung in der Pandemie.

Auch unter den Auszubildenden sind die jungen Frauen diejenigen mit dem höheren Problembewusstsein. Die Verschlechterung der Arbeitserfahrungen nehmen 51% der weiblichen gegenüber 43% der männlichen Azubis wahr, den Rückgang bei den erlernten Fähigkeiten 44% der Frauen gegenüber 37% der Männer.

Gewerkschaftliche Interessenvertretungen im Betrieb nimmt die überwiegende Mehrheit der Auszubildenden, die an der internen Befragung der IG Metall teilgenommen haben, als hilfreich auch in der Pandemie wahr, das gilt für Jugend- und Auszubildendenvertretungen wie für Betriebsräte.


(Dual) Studierende

Die Situation für die Studierenden im herkömmlichen oder im dualen Studium stellt sich, was die Auswirkungen aufs Lernen in der Pandemie betrifft, ähnlich dar wie die der Auszubildenden. Das gilt sowohl für die Verschlechterungen der Studiensituation durch fehlende Kontakte zu Kommiliton:innen, die Lernsituation im Lernumfeld und die Motivation. Auffällig ist, dass die Situation von den Studierenden im dualen Studium leicht positiver gesehen wird. Hierzu trägt auch bei, dass die ökonomische Situation der Studierenden im dualen Studium aufgrund ihrer Ausbildungsvergütungen positiver gesehen wird als die der herkömmlich Studierenden, die aufgrund wegbrechender Nebenjobs in massive finanzielle Probleme geraten. Auch der Wegfall von Praktika und allgemein dem Praxisbezug ist bei diesen Studierenden noch gravierender als bei denen im dualen Studium.

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Die größte Befürchtung ist für die Studierenden, dass ihre Zukunftschancen durch eine Entwertung ihrer Qualifikationen aufgrund von Beeinträchtigungen durch die Pandemieschutzmaßnahmen sich gegenüber anderen Jahrgängen verringert haben. Diese Befürchtungen sind bei den dual Studierenden, die ja eine betriebliche Anbindung während ihres Studiums haben, etwas geringer. Weibliche Studierende haben wie die weiblichen Auszubildenden ein noch größeres Problembewusstsein.

»Auch dual Studierende beklagen eine pandemiebedingte Erosion der Ausbildungsqualität in Hochschule (65%) und Betrieb (38%) sowie schwindende Motivation (54%). Auch der für das duale Studium konstitutive Praxisbezug habe sich für 43% der Befragten verschlechtert, ebenso die Lernmotivation (64%). Die Krise trifft dual Studierende im ähnlichen Maße wie Auszubildende in Bezug auf ihre Perspektiven: Fast jede_r Dritte fürchtet um die eigene Übernahme. Auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten sich für ein Drittel verschlechtert, genauso wie die eigene Einschätzung des Wertes des angestrebten Abschlusses (23%). Auch hier liegt der Schluss nahe, dass eine didaktisch und methodisch nicht durchdachte Digitalisierung des dualen Studiums auf Kosten der Qualität geht.« /5/

Für die in den Betrieben beschäftigten jungen Erwachsenen stellen sich die Corona-Folgen ähnlich dar wie für die Auszubildenden und die Studierenden, wobei bei ihnen Fragen der (Aus)Bildung eine untergeordnete Rolle spielen, nicht aber das Problem der Entwertung von Qualifikationen. Insbesondere die befristet Beschäftigten sehen große Probleme bei der Sicherung ihres Arbeitsplatzes und zunehmende Konkurrenz, die durch den Mangel an alternativen Jobangeboten verschärft wird. Hinzu kommt auch für sie die Notwendigkeit, sich dem Strukturwandel anzupassen.

Aufgrund der ebenfalls erhobenen Daten über Einstellungen und Engagement der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im sozialen und politischen Leben schließt die Studie ausgesprochen optimistisch: »Junge Menschen, die sich aufgrund der Corona-Krise persönlich oder beruflich neu orientieren müssen, sind engagierter als andere. Sie sind mehr an gesellschaftlichen Themen interessiert und eher bereit, sich für diese Themen in unterschiedlichen Formen und Organisationen zu enga­gieren. Insofern stellt die Krise eine große Chance für die Beteiligung junger Menschen dar. Und Gewerkschaften bieten genau das, was junge Menschen jetzt benötigen: eine Struktur, die ihnen Halt gibt, auf ihre Bedürfnisse bezüglich Bildung, Beruf und Beteiligung eingeht und sich als starke Wertegemeinschaft für die junge Generation einsetzt.« /71/

Insofern unterstreicht die Bundesjugendsekretärin zu Recht: »Die Ergebnisse der Studie zeigen: Wir sind Zukunftsgestalter_innen! Junge Menschen können in unseren Strukturen Selbstwirksamkeit erfahren und wachsen.« /3/

Anmerkung

[1] IG Metall Jugendstudie Plan B – Datenreport, Frankfurt am Main, Juni 2021, S. 3, alle Zitate und Abbildungen sind aus diesem Text. In der Studie wird unter 16-27 jährigen Auszubildenden, dual Studierenden und jungen Berufstätigen ermittelt, wie sich die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen im Bereich der Berufsschulen, in den Betrieben und an den Hochschulen auswirken. Neben einer Repräsentativbefragung gab es eine interne Befragung über bundesweit 49 Geschäftsstellen der IG Metall. Der Befragungszeitraum lag im ersten Quartal 2021.

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