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23. September 2020 Joachim Bischoff/Bernhard Müller

Robert Jarowoy (15.12.1952-21.9.2020)

2010 las er auf einem Fest des VSA: Verlags aus seinem Krimi »Chinagate Altona«

Am 21. September 2020 ist Robert Jarowoy in Hamburg-Altona einem Krebsleiden erlegen. Er war bis zuletzt in der Linkspartei verankert und hat erst kürzlich den Vorsitz der Linksfraktion in der Bezirksversammlung Altona niedergelegt. Die Hamburger LINKE verliert damit einen ihrer profiliertesten Politiker, der seit dem Zusammenschluss von WASG und PDS zur LINKEN 2007 nicht nur die Stadtteilpolitik in Altona, sondern auch die Landespolitik maßgeblich mit beeinflusst hat.

Robert Jarowoy wurde 1952 auf einem Geflügelhof in Gauchsmühle in der damaligen Gemeinde Moosbach bei Nürnberg geboren. Politisiert hat er sich in der 68er-Bewegung und den Protesten gegen den Vietnam-Krieg. Nach dem gewaltsamen Tod von Benno Ohnesorg 1967 geht er zu einer Demo in Hamburg, um »gegen den Polizeistaat« aufmerksam zu machen. Der Schüler, später Geschichtsstudent, schließt sich der »Bewegung 2. Juni« an und verbüßt wegen einiger Raubüberfälle von 1973 bis 1979 als »anarchistischer Gewalttäter« eine Gefängnisstrafe, davon vier Jahre in Isolationshaft. Die Unvermeidlichkeit von gewaltsamer Gegenwehr bleibt seither für ihn eine Leitlinie. Noch 2018 spricht sich Jarowoy für »Gegengewalt […], gegen ein gewalttätiges System« aus.

Aus der Zeit der Haft stammen seine ersten Bücher: das zusammen mit Fritz Teufel verfasste Märchen aus der Spaßgerilja sowie Die Prinzessin und der Schnellläufer und Mit Geduld und Energie. Doch er muss erkennen: »Die Zeit war noch nicht reif. Die Leute hatten das Gefühl, der Kapitalismus bringe doch etwas Gutes zustande.« Jarowoy bleibt zeitlebens bei der Einschätzung, dass der Kapitalismus bei allen zivilisatorischen Errungenschaften doch auch ein Gewaltregime ist.

Nach seiner Zeit im Gefängnis begründete er mit Freund*innen den Verlag Libertäre Assoziation. »Wir haben auch einen Knast-Ratgeber und andere Sachbücher über Gorleben und internationalistische Themen herausgegeben.« Er konzentrierte sich zuletzt auf das, was in seiner unmittelbaren Umgebung geschah – in Altona. Der Protest gegen die Bebauung des ehemaligen Menck & Hambrock-Geländes (heute Kemal-Altun-Platz) war ein prägendes Engagement. Es folgte der Kampf um das Bismarckbad, für den Erhalt der Altonaer Kleingärten oder den Altonaer Bahnhof, um den Spritzenplatz, gegen die Innenhof Bebauung an der Leverkusenstraße oder IKEA in der Neuen großen Bergstraße, um nur einige Aktionsfelder zu nennen.

Von 1995 bis 2004 war Jarowoy Geschäftsführer der Stadt-Land-Genossenschaft (Naturkost-Großhandel) und ab 2006 Bio-Käsehändler in Kooperation mit einem Gemüsekisten-Abo. 2002 trat er in die PDS ein und war auch maßgeblich beteiligt am Zusammenschluss von WASG und PDS zu DIE LINKE, ab 2008 war er Mitglied der Bezirksversammlung Altona und bis 2020 Fraktionsvorsitzender der Linkspartei. Außerdem war er Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft, Arbeit und regionale Stadtteilentwicklung und Mitglied im Stadtplanungsausschuss. Zuletzt gehörte er noch den Ausschüssen für Bauen und Planung an.

Sein parteipolitisches Engagement in der PDS und dann nach dem Zusammenschluss von WASG und PDS in der LINKEN hatte für den früheren Anarchisten »bestimmte Gründe. Der Kampf in Initiativen, zu denen ich mich immer noch zugehörig fühle, hat mir gezeigt, wie problematisch es ist, wenn die wieder verschwinden und ein Loch entsteht – wie bei der Initiative zum Erhalt des Bismarckbades oder für den Kemal-Altun-Platz in Ottensen. Da war die Frage, eine Kontinuität herzustellen und deswegen habe ich mich der Linken angeschlossen. Das hat zumindest den Vorteil, dass man an bestimmte Informationen kommt.«

Denn im Bereich Stadtplanung können Abgeordnete in den Bezirken durch die Aufstellung von Bebauungsplänen und die Genehmigung von Bauvorhaben noch am meisten mitreden. Als Mitglied des Bauausschusses in Altona war es Robert wichtig, dass nicht nur die Interessen der Investoren zählen, sondern auch die der Einwohner. Es ging zentral um den Erhalt der Wohnqualität und um bezahlbaren Wohnraum. 

Transparenz war ihm dabei oberstes Gebot. »Ich bin eine Art Mittler. Weil ich die Informationen früher kriege, kann ich mit den Betroffenen vor Ort ins Gespräch kommen«, sagte Jarowoy 2017 in einem »taz«-Interview. Dass die Bürger*innen möglichst früh die Möglichkeit bekommen sollten, mitentscheiden zu können, lag ihm ebenso am Herzen wie ihnen überhaupt eine Stimme zu geben. Beim G20-Gipfel 2017 war er einer der Anmelder des Camps im Volkspark.

Sein Engagement auf Bezirksebene begründete er insgesamt mit dem Wunsch, »Altona lebenswert für alle zu gestalten. Die großen Entscheidungen werden zwar meistens auf anderer Ebene gefällt (Schließung des Altonaer Fern- und Regionalbahnhofs, Verkauf der Kleingartenflächen und sogar der Abriss des Bismarckbades), aber im Zusammenwirken mit den Bürgerinitiativen vor Ort kann man mitunter auch mal dem Senat ganz kräftig vor‘s Schienbein treten.«

Fast alle Bürger*innenbegehren und -entscheide in Altona haben Robert Jarowoy und DIE LINKE Altona nach Kräften unterstützt und auch respektiert, wenn sie anders ausfielen als gewünscht, was allerdings bislang nur bei IKEA der Fall war. Roberts größter Wunsch wäre ein erfolgreicher Volksentscheid zur Abschaffung der Hamburger Einheitsgemeinde, der Altona wieder ein gewisses kommunales Selbstbestimmungsrecht ermöglichte.

Jarowoy hat eine Reihe Krimis geschrieben, in denen er seine Erlebnisse in der Altonaer Kommunalpolitik ironisch verarbeitet hat und im Selbstverlag über die Altonaer und vor allem Ottenser Buchhandlungen vertrieben (nur Chinagate Altona erschien 2010 im VSA: Verlag). »Eigentlich bin ich kein Krimi-Autor, sondern habe mich auf Krimis kapriziert, um bestimmte, mir wichtige politische Inhalte aus Altona etwas appetitlich zu verpacken und öffentlich zu machen.«

Wichtig war Robert auch immer sein Engagement für die Kurden. »Seit 1980 bin ich in der Kurdistan-Solidarität aktiv. In Kurdistan wird versucht, ein basisdemokratisches rätekommunistisches Gesellschaftsmodell aufzubauen. Die Geschlechter, ethnische und religiöse Minderheiten sind gleichberechtigt. Das ist ein Gesellschaftsmodell, wie ich es mir wünsche, seit ich 16 bin.«

Seit Anfang der 1990er Jahre organisierte er gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Beate Reiß Delegationsreisen nach Kurdistan. Durch diese Arbeit ist vielen Hamburger*innen die kurdische Realität nähergebracht worden. In diesem Zusammenhang gründete er gemeinsam mit anderen 1992 die Kurdistanhilfe e.V., die bis heute erfolgreich humanitäre Unterstützung leistet.

Während Robert auf der Bezirksebene eher einen »pragmatische« Linie verfolgte und durch sein Engagement in und für die Bürgerinitiativen und sein praktisches Wirken in der Bezirksversammlung Verbesserungen für die Bürger*innen Altonas durchzusetzen, war er auf der Ebene der Landespartei stets ein Gegner radikaler Reformpolitik, und daher auch ein entschiedener Gegner jeder Überlegung einer möglichen Regierungsbeteiligung der LINKEN in Hamburg. Nach seiner Auffassung wären bei einer Regierungsbeteiligung unvermeidlich die Grundsätze sozialistischer Politik preisgegeben worden.

Robert Jarowoy war zeitlebens ein Kämpfer gegen Ungerechtigkeit und ein streitbarer Interessenvertreter für die Einwohner*innen im Stadtteil. In Altona werden ihn viele als kautzigen und sympathischen Vorkämpfer für die Verbesserung der Lebensverhältnisse vermissen.

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