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14. September 2018 Joachim Bischoff: Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite

September 2008: Das globale Finanzsystem vor dem Kollaps

Am 15. September 2008 hat das US-Finanzhauses Lehman Brothers einen Insolvenz-Antrag gestellt. Es kam zu heftigen Turbulenzen an den Börsen. Das Misstrauen stieg. Der Welthandel brach ein und in vielen Ländern stürzte die Wirtschaft in eine schwere Rezession. Diese Pleite einer Investmentbank brachte beinahe das globale Finanzsystem zum Einsturz und löste die Große Rezession aus.

Ein Ende der seit zehn Jahren weiter schwärenden globalen Finanzkrise[1] ist nicht in Sicht. In Deutschland beziffert die Bundesregierung die Kosten der Bankenkrise im September 2018 für die Steuerzahler*innen auf eine zweistellige Milliardensumme – und es wird noch teurer werden. Bis Ende 2017 summieren sich die Kosten der öffentlichen Haushalte auf 59 Mrd. Euro. Darin enthalten sind ausgereichte Garantien, Kredite und Kapitalspritzen. Diese Summe ist nur vorläufig, weil die Hilfen nicht abgeschlossen sind. Neue Zahlen weisen darauf hin, dass die Kosten auf mehr als 68 Mrd. Euro steigen werden (Süddeutsche Zeitung vom 12.9.).

Die damaligen Verantwortlichen der US-Notenbank (Ben Bernanke, Tim Geithner) und des Finanzministeriums (Hank Paulson) haben seither in Memoiren und sonstigen Verlautbarungen betont, dass das Zulassen der Pleite kein bewusster Entscheid der Behörden gewesen sei: Das Gesetz habe die Lehman-Rettung schlicht nicht erlaubt, weil die Notenbank einem insolventen Institut nicht habe helfen dürfen.

Die Lehman-Pleite war und bleibt bis heute der im kollektiven Gedächtnis verankerte Startpunkt des langwierigen und weltweiten Krisenprozesses. Gleichwohl:  Es gibt kein exaktes Datum für den Ausbruch der Finanzkrise im 21. Jahrhundert, die Amerika und die kapitalistische Hemisphäre in eine tiefe und hartnäckige Wirtschaftskrise stürzen sollte. Bereits in den letzten Wochen des Winters 2007 mehrten sich die Zeichen, dass im bis dahin boomenden Markt für Häuserkredite etwas nicht stimmt. Die britische Bank HSBC erklärte Anfang Februar, dass sie für faule Hypothekarkredite in den USA fast 11 Mrd. US-Dollar zurücklegen müsse. Feststeht rückblickend: Der Ausgangspunkt der Krise war zweifelsfrei der us-amerikanische Immobilienmarkt.

Der damalige Vorsitzende der US-Notenbank, Bernanke, erklärte im Januar 2009: »Obgleich das Debakel auf dem Subprime-Markt die Krise auslöste, waren die Entwicklungen auf dem US-amerikanischen Markt für Hypothekenkredite nur ein Aspekt eines sehr viel größeren und sehr viel umfassenderen Kreditbooms. Elemente des umfassenderen Kredit-Booms waren die Erosion von Haftungsstandards… Investoren und Ratingagenturen haben die Übersicht verloren, wachsende Abhängigkeit von komplexen und undurchsichtigen Kreditinstrumenten.«

Im Klartext: Das Finanzsystem hatte sich seit längerem vom realen Verwertungsprozess des Kapitals entkoppelt. Wertpapiere kann man nicht essen. Alle diese Produkte haben einen harten Kern: Ihre Eigentümer haben einen Anspruch (in Form von Zinsen) auf die Ergebnisse der wirtschaftlichen Gesamtleistung. Die Formen des leistungslosen Einkommens hatten ein Mehrfaches der verteilbaren jährlichen Resultate der Realökonomie erreicht. Vor Beginn des Crashs im Frühsommer 2007 war der Finanzüberbau, dieses artifizielle Kunstwerk über der globalen Realökonomie, wertmäßig knapp viermal zu groß. Es war überfällig: Die Pyramide von Ansprüchen brach vor unseren Augen zusammen.

Die zwangsläufigen Korrekturen an den Börsen liefen auf eine Redimensionierung oder Vernichtung von Eigentumstiteln (= Ansprüchen auf Teile des gesellschaftlichen Reichtums) hinaus. Der Großteil der Finanzinstitute schrieb Verluste, weil sie verbriefte Kredite in ihre Bücher genommen hatte, die notleidend geworden waren. Sie hatten also Probleme, weil die Werte der Aktiva gesunken sind und noch weiter sanken. Die Rückwirkungen der seit dem vierten Quartal 2008 einsetzenden Rezession auf den Finanzsektor haben die Entwertungen verstärkt. Ob die betroffenen Institute insolvent oder nur illiquide waren, ist nicht ohne weiteres zu erkennen.

Es folgte die Stunde der staatlichen Rettungsmaßnahmen der Regierungen und der Notenbanken. Die zentralen Notenbanken, aber auch die Einlagensicherungsfonds oder die Teilverstaatlichung von Banken haben den umfassenden Entwertungsprozess durch frisches Kapital aufgehalten. Noch heute sind in vielen Bankhäusern notleidende Kredite aus dieser Zeit thesauriert. Durch diese Politik wurde das Finanzsystem vor dem Kollaps gerettet, aber auch die Bankenkrise verlängert und zugleich der großen Mehrheit der Bevölkerung (als Steuerzahler*innen) die Lasten der Krise aufgebrummt. Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat diese Aufwendungen – kumulierte Verluste und Abschreibungen der Banken vom 2. Quartal 2007 bis zum 2. Quartal 2011 – weltweit erfasst. Leider endet die Datenreihe im 2. Quartal 2011, d.h. die Erfassung krisenbedingter Verluste wurde 2011 eingestellt, obwohl die Krisenlasten bis heute anhalten.

Kern der Krise war eine massive Immobilienblase in den USA. Dort existierten Kreditverträge über rund 12 Bio. US-Dollar. Da die Häuserpreise seit 2007 sanken, wurden immer mehr Hypothekenkredite notleidend, d.h. sie konnten nicht mehr mit Zinsen und Tilgungsraten bedient werden. Ende Dezember 2008 wiesen 8,3 Mio. oder rund 20% aller Hypothekarverträge einen Schuldbetrag auf, der über dem Wert des Wohneigentums liegt. Bei weiteren 2,2 Mio. Verträgen seien die Schulden nur noch um höchstens 5% kleiner als der Wert des belehnten Objekts. Zudem ist festzuhalten, dass der Marktwert des Wohneigentums in Amerika damals innerhalb eines Jahres um 2,4 Bio. US-Dollar gefallen ist. Seit 2007 hatte diese Krise alle Segmente des Hypothekensektors erfasst und neben den Konsumentenkrediten (Kreditkartenschulden, Automobil- und Ausbildungskredite) waren auch Teile der Unternehmenskredite notleidend.

Neoliberale Politik hatte seit Jahrzehnten die Konsumenten zur Verschuldung ermutigt, die bürgerliche Gesellschaft in den USA über ihre Verhältnisse gelebt. Das zeigte sich an dem aufgehäuften Schuldenberg der privaten Haushalte, der unter dem wachsenden Druck der Verteilungskonflikte nicht abgetragen werden konnte. Dies zeigte sich weiter neben einer extrem hohen Verschuldung der kapitalistischen Unternehmen auch bei der öffentlichen Verschuldung (über 10 Bio. US-Dollar) und der extremen Abhängigkeit der USA vom Kapitalzufluss, um die vielfältigen Konsumansprüche aufrechterhalten zu können.

Weil die Refinanzierung der Hypothekenkredite stockte, kamen mehr und mehr Banken in Liquditätsprobleme. Die US-Investmentbank Lehman Brothers musste schließlich einen Insolvenzantrag stellen. Infolge der Krise rissen weitere Zahlungsketten. Die Geldkrise, bestimmt als besondere Phase jeder allgemeinen Produktions- und Handelskrise, ist wohl zu unterscheiden von jener speziellen Sorte der Krise, die man auch Geldkrise nennt, die aber selbständig auftreten kann, so dass sie auf Industrie und Handel nur rückschlagend wirkt. Es sind diese Krisen, deren Bewegungszentrum das Geldkapital ist, und daher sind Banken, Börsen und sonstige Finanzinstitute das eigentliche Terrain der Verwüstung.

Die globale Finanzkrise war begleitet von einer gravierenden, langwierigen Abschwächung der realen gesellschaftlichen Wertschöpfung der Weltwirtschaft. Der Crash im Bereich der Hypothekenkredite enthüllte die scheinbare Prosperität, die sich in den zurückliegenden Jahrzehnten – den industriellen oder konjunkturellen Zyklus übergreifend – im Kontext der chronischen Überakkumulation ausgebildet hatte.

 

Ursachen und Funktion der Finanzmarktkrise

Für den hinter der eigentlichen Finanzkrise zusammengebrochenen Kreditboom gilt: »In einem Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Reproduktionsprozesses auf dem Kredit beruht, wenn da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch bare Zahlung gilt, muss augenscheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach Zahlungsmitteln. Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze Krise nur als Kreditkrise und Geldkrise dar.«[2]

Ausgangspunkt war eine Kreditkrise, die eine durch den Kredit bewirkte Ausdehnung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses ausdrückt. Rückschlagend verstärkt die Diskontinuität den Krisenprozess. Es werden bloße Schwindelgeschäfte sichtbar, »ferner mit fremdem Kapital getriebene, aber verunglückte Spekulationen; endlich Warenkapitale, die entwertet oder gar unverkäuflich sind, oder Rückflüsse, die nie mehr Einkommen können. Das ganze künstliche System gewaltsamer Ausdehnung des Reproduktionsprozesses kann natürlich nicht dadurch kuriert werden, dass nun etwa eine Bank, z.B. die Bank von England, in ihrem Papier allen Schwindlern das fehlende Kapital gibt und die sämtlichen entwerteten Waren zu ihren alten Nominalwerten kauft. Übrigens erscheint hier alles verdreht, da in dieser papiernen Welt nirgendswo der reale Preis und seine realen Momente erscheinen, sondern nur Barren, Hartgeld, Noten, Wechsel, Wertpapiere.«[3]

Das kapitalistische Weltsystem wurde durch die schwersten Turbulenzen des Finanzsystems seit der Weltwirtschaftskrise 1929 erschüttert. Auslöser der globalen Krise war der Zusammenbruch einer Vermögensblase, die sich auf dem Hypothekenmarkt in den USA ausgebildet hatte. Das Platzen dieser Blase löste einen Zusammenbruch eines weit umfangreicheren Kreditbooms aus. Die Wertpapierbörsen wurden gegenüber den Höchstständen von Oktober 2007 um 40-50% abgewertet und für viele der nicht an den Börsen gehandelten Papiere bestimmten Notverkäufe das Preisniveau.

Auch wenn der Ausgangspunkt in den USA lag, die Krise hat sich in den nachfolgenden Jahren zu einer globalen Krise ausgeweitet und über Kapitalbewegungen sowie Entwertungsprozesse auch Europa und die Schwellenländer in diesen Abwärtsprozess mit hineingezogen. Die Krise von 2008ff. hat somit ein weit größeres Ausmaß angenommen als die Wirtschafts- und Finanzkrise im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Seit Mitte der 1970er Jahre treten mehr und mehr Phänomene einer chronischen Überakkumulation in Erscheinung. Das enorm gewachsene Gewicht der Eigentums- und Vermögensbestände bricht sich über die Bewegung des Geldkapitals Bahn. In den Verteilungsverhältnisse registrieren wir schrittweise die Hegemonie des leistungslosen Einkommens (Zinsen). Der Übergang zu weitgehend unregulierten Geld- und Kreditmärkten setzte eine beschleunigte Akkumulation des Finanzkapitals in Gang – allmählich bildete sich die finanzielle Globalisierung heraus. Diese Entwicklung unterstützte den Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik zum Neoliberalismus: Mit Deregulierung, Privatisierung und Umverteilungspolitik wurde die Dynamik des Finanzkapitals politisch gefördert. »Eine Weile kann durch diese Umverteilung die Leistungsfähigkeit der ›realen Ökonomie‹ zum Schuldendienst an den Finanzsektor aufrechterhalten werden, jedoch nicht auf Dauer, weil ihre Substanz unterminiert wird.… Die Umverteilung der Einkommen zugunsten der Geldvermögensbesitzer löst nicht nur sozialen Widerstand aus, sondern hat auch eine Reduktion der Massennachfrage zur Folge, die für den reibungslosen Absatz von Waren oder auch zur ›ordentlichen‹ Bedienung von Hypothekenschulden fehlt.«[4]

Diese Politik der Nachfragebelebung durch Kredit wurde begleitet von einer radikalen Liberalisierung der Finanzmärkte. Wäre das enorme Kreditvolumen durch die Zentralbanken, die staatliche Bankenaufsicht und – dadurch veranlasst – von den Finanzunternehmen selbst umsichtig gemanagt worden, hätte das Risiko in Grenzen gehalten und auf das Grundgeschäft beschränkt bleiben können. Wäre es untersagt gewesen, die Hypothekendarlehen zu verbriefen, wären zwar auch Stützungsaktionen für Banken unvermeidlich geworden, aber der Systemcrash wäre uns erspart geblieben. Deregulierter Kapitalverkehr und Aufweichung der Haftungsregeln auf dem Finanzmarkt haben das Risiko erheblich vergrößert und weltweit verbreitet. Es ist deshalb auch von Grund auf falsch, die Analyse der Finanzkrise auf den US-Immobilien- und Hypothekenkreditmarkt zu verengen. Was jetzt auf der Tagesordnung steht, ist eine völlige Neuorganisation des internationalen Finanz- und Währungssystems. Dies ist umso notwendiger, weil die gegenwärtige Sanierung des Finanzmarktes das Kreditvolumen weiter massiv gesteigert hat, sowohl durch private als auch durch staatliche Verschuldung.

In der Krise werden die Marktpreise von Vermögens- und Eigentumstitel schlagartig an die Realökonomie angepasst. In der faktischen Konstellation einer blitzartigen Insolvenz des Bankensystems und deren Rückwirkungen sucht die Mehrheit der politischen Klasse durch Staatsintervention einen Ausweg. Die Konsequenz in der Krise: Die staatlichen Mittel für Kapitaleinschüsse und Garantien zur Rettung der Finanzinstitute übertrafen das in den USA im September 2008 verabschiedete, 700 Mrd. Dollar schwere Rettungspaket um mehr als das Zehnfache. Bei der Addition der Einzelposten (Zentralbank und Regierung) kommt man auf 8.500 Mrd. Dollar. Das ist mehr als die Hälfte des amerikanischen Inlandsprodukts. Im Prinzip sind die immer noch anwachsenden Kreditausfälle und Vermögensverluste durch staatliche Mittel nicht zu kompensieren.

Wenn versucht wird, die Finanzkrise durch öffentliche Garantien und Kapitaleinschüsse einzuhegen, dann läuft dies faktisch auf eine Sozialisierung der Verluste hinaus. Ohne Zweifel: Das Bankensystem durchläuft in den meisten kapitalistischen Metropolen eine systemische Krise. Mit staatlichen Einschüsse und Garantien ist der riesige Schuldenberg nicht vor einem umfassenden Abwertungsprozess zu bewahren. Aus Furcht vor den gefährlichen Rückwirkungen auf den gesellschaftlichen Gesamtreproduktionsprozess verpfändet die Mehrheit der politischen Klasse die öffentlichen Finanzen – d.h. auch die künftigen Steuereinnahmen – zur Rettung der wertlos werdenden Kredit- und Eigentumspapiere.

 

Alternativen zur Sozialisierung der Verluste

Die einzige Alternative: Nach einer umfassenden Verstaatlichung des gesamten Sektors könnte durch politische Entscheidungen ein Vernichtungsprozess von Schulden und Vermögenstiteln organisiert werden, der zum einen den gesamtgesellschaftlichen oder makro-ökonomischen Notwendigkeiten Rechnung trägt und zum anderen die Schuldtitel unter dem Gesichtspunkt von sozialer Gerechtigkeit entwertet. Es sollte immer bedacht werden, dass zu den Bestandteilen des riesigen Kreditbooms auch Ansprüche auf Altersrenten und sonstige Ersparnisse wie Rücklagen der breiten Bevölkerungsschichten gehören.

Unter dem Druck der Krise fordert nun selbst der Mainstream der Finanzwelt Reformen. Aber wie immer in solchen Situationen werden solche Reformen kontrovers debattiert. Alles hängt davon ab, wessen Interessen die Reformen bestimmen. Wenn Banker nach Staatsinterventionen rufen, meinen sie die Sozialisierung der Verluste, während die Gewinne in privaten Händen bleiben sollen. Wenn Banker über Reformen reden, meinen sie bruchstückhafte (Re)-Regulierung und kurzfristiges Krisenmanagement – und damit letztlich den Versuch, die neoliberale Grundregeln zu erhalten und sobald wie möglich zum »Buisness-as-usual« zurückzukehren.

Im Interesse der Mehrheit der Bürger*innen wird jedoch ein echter Paradigmenwechsel gebraucht: Die Finanzmärkte müssen zu sozialer Gerechtigkeit, ökonomischer Stabilität und nachhaltiger Entwicklung beitragen. Wir können nicht einfach zum Status quo ex-ante zurückkehren.

Das ganze Finanzsystem in seiner neoliberalen Form hat sich als ökonomisch instabil und ineffizient und als schädlich für Gleichheit, die allgemeine Wohlfahrt und die Demokratie erwiesen. Darum sind systemische Veränderungen notwendig. Entscheidend ist zunächst: Wer trägt die Entwertung der  diversen Papiere und Eigentumstitel? Die Verstaatlichung der Finanzinstitute müsste darauf gerichtet sein, den Verteilungsprozess der Verluste zu steuern. Kapitalgedeckte Renten, Rücklagen für die Absicherung von Gesundheit, Pflege und Ausbildung sollten ausgenommen werden, während zinstragende Eigentumstitel  abzuschreiben sind.

Die grundsätzliche Orientierung für eine spätere Umkehr muss darauf gerichtet sein, die Dominanz der Finanzmärkte über die Realökonomie zu brechen. Einige geeignete Instrumente für diesen Zweck sind:

  • die Besteuerung aller Arten von Finanztransaktionen (inklusive von Devisentransaktionen), um Spekulation zu reduzieren, die Geschwindigkeit der Finanzmärkte zu verlangsamen und die Kurzfristorientierung der Finanzmärkte zu reduzieren. Wenn der Staat  mit öffentlichen Geldern in den Wettbewerb eingreift, ist auch eine Preisregulierung für die begünstigten Unternehmen gerechtfertigt.
  • die progressive Besteuerung von Kapitaleinkommen. Einer der wesentlichen Faktoren für das Anschwellen der Finanzmärkte ist die steigende Konzentration von Vermögen. Deshalb ist eine substantielle Umverteilung von Einkommen und Vermögen von oben nach unten ebenso notwendig wie die Reduzierung von Anreizen für exzessive Profite, um den Finanzmärkten Grenzen zu setzen und sie zu stabilisieren.
  • der Stopp bzw. die Rückgängigmachung der Privatisierung der Sozialsysteme und wichtiger öffentlicher Infrastrukturen – wie Energie oder die Bahn. Generell dürfen künftig existentielle Risiken nicht mehr über kapitalgedeckte Produkte abgesichert werden, was bedeutet, dass Altersrenten, Gesundheit und Bildung als öffentliche Güter ohne Zugangsbeschränkungen konstruiert sein müssen.

Auch wenn der Erwerb von Staatsschuldtiteln privaten Anlegern und Banken grundsätzlich weiter offen stehen kann, ist der Handel mit diesen Finanzaktiva möglichst zu unterbinden. Die Verbriefung von Krediten ist allgemein zu untersagen, weil sie das Risiko verbreitet, nicht aber mindert. Grundsätzlich sollte der Finanzierungsbedarf des Staates und der Unternehmen mit Darlehen gedeckt werden, nicht aber durch Wertpapiere. Der Handel mit existierenden Wertpapieren sollte mit Umsatzsteuern (Börsenumsatzsteuern wie der »Tobin-Tax«) eingedämmt werden. Außerdem sind Zielzonen für die Wechselkurse nötig. Das eigentliche Ziel müssen feste Wechselkurse sein.

In der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise ist, im Gegensatz zu den meisten früheren Finanzkrisen und Abschwüngen, das öffentliche Gut »Kreditwesen« national und international so in Gefahr, dass ein Kollaps der Gesamtökonomie droht, wenn der Staat nicht eingreift. Da der bisherige institutionelle Rahmen für eine Sanierung des bundesdeutschen Bankensystems nicht ausreicht – daran haben auch die bisherigen Regulierungsversuche nichts durchschlagend geändert -, brauchen wir eine weitergehende Konzeption: Die Banken müssen weitgehend einer staatlichen Restrukturierungsbehörde unterstellt werden. Die Behörde übernimmt mit der Kontrolle der Geschäftstätigkeit auch das Management der Vermögenswerte. Die Restrukturierung und Verwertung der Vermögenswerte muss die Möglichkeit eröffnen, die verschiedenen Anlageklassen an den Verlusten zu beteiligen. Dies ist für eine schnelle Bereinigung der Krise unverzichtbar.

 

10 Jahre später: Halbherzige Regulierung, gestiegene Risiken und politischer Rechtsruck

Fakt ist aber: Die Regulierungsansätze sind halbherzig und unvollständig geblieben. Es hat sich auch zehn Jahre nach der Bankenkrise kaum etwas gebessert. Es wird weitergewurstelt, jeden Tag kann es etwas besser werden oder etwas schlechter. Das Eigenkapital der Großbanken ist seither im Verhältnis zu ihrer Bilanzsumme zwar leicht angestiegen, es ist aber nach wie vor viel zu gering. Solange nichts schiefgeht und keine Bank implodiert, ist die Öffentlichkeit nicht beunruhigt. Es gibt zudem weiterhin viele Geldinstitute, die unter normalen Bedingungen nicht existieren würden.

Durch die neueren Entwicklungen im Bereich des Geld- und Kreditwesens ist die Gefahr einer »großen Liquiditätskrise« tendenziell gewachsen. Schon die letzte Krise hat Aspekte einer Liquiditätsverknappung gehabt, als die Liquidität hochriskanter Finanzinstrumente zusammenbrach, in denen Finanzinstitute sich engagiert hatten. Die von den Notenbanken zur Bekämpfung der Krise ergriffenen Maßnahmen – der Erwerb von Wertpapieren und die Einführung von Null- und Negativzinsen – müssen in der nächsten Zeit rückgängig gemacht werden. Eine der wichtigsten Veränderungen, die zu der befürchteten Liquiditätskrise beitragen können, ist der weitreichende Wechsel von aktiven zu passiven Anlagen. Die Exchange Traded Funds (ETF) und Quant-Funds halten 50 bis 65% aller global verwalteten Aktien. Seit 2008 seien weltweit die von ETF verwalteten Aktiva von 0,8 Bio. auf fünf Bio. US-Dollar gestiegen. ETF, Indexfonds, kurzfristig orientierte quantitative Handelstechniken (mitsamt automatischem High-frequency Trading und Algorithmic Trading) und Optionen generierten heute rund 90% des gesamten Handelsvolumens.

Der strukturelle Rückgang der aktiven Kapitalverwaltung reduziert die Fähigkeit des Marktes, große Rückschläge zu verhindern oder sich von ihnen zu erholen. Zwischen 2008 und 2018 hat sich der Schattenbankensektor stark entwickelt – wie zum Beispiel Black Rock, die tatsächlich »too big to fail« ist und ein Vermögen von mehr als 6.000 Mrd. Dollar verwaltet. Dieser Sektor ist besonders undurchsichtig und besitzt eine beunruhigende Macht. Der Bankrott von Lehman Brothers steht für das Fiasko eines Finanzkasinosystems, in welchem die Schulden, die Wetten und der Zynismus die Oberhand über die Ersparnisse, die Investitionen und das Vertrauen gewonnen haben. Daran hat es keine grundlegenden Korrekturen gegeben.

Heute erkennen wir, dass die wichtigste Nachwirkung der Großen Finanzkrise der Rechtsruck in den meisten Ländern des demokratischen Kapitalismus ist. In einer aktuellen Untersuchung haben Schularick u.a.[5] die politischen Auswirkungen von Finanzkrisen in 20 Industrieländern über 140 Jahre und über 800 Wahlen hinweg untersucht. Die zentralen Ergebnisse der Studie lauten:

  • Die Regierungsmehrheiten schrumpfen, und die parteipolitische Polarisierung nimmt nach einer Finanzkrise zu.
  • Die politische Unsicherheit wächst.
  • Wähler neigen zu ultrarechten Parteien, die im Allgemeinen Ausländer oder Minderheiten zu Sündenböcken machen. Stimmenzuwachs um durchschnittlich 30 Prozent.

Schlussfolgerung: Die massive Unterstützung, die populistische Politiker*innen und Parteien in den USA und großen Teilen Europas genießen, ist eine verspätete Reaktion auf die Verwerfungen auf den Finanzmärkten von 2008 und die darauffolgende anhaltende Rezession in vielen Ländern, d.h. die Unsicherheit der Lebenslage.

[1] Siehe auch die Literatur zu Entstehung und Geschichte – etwa Adam Tooze, The Forgotten History of the Financial Crisis, Foreign Affairs 13.8. 2018; Rainald Ötsch/Axel Troost, Chance vertan. Zehn Jahre Finanzkrise und Regulierung der Finanzmärkte – Eine Bilanz, RLS-Analysen Nr. 47, August 2018; Rudolf Hickel, Zehn Jahre nach dem Crash: Trotz vieler Aktivitäten bleiben die Risi­ken einer neuen Finanzmarktkrise hoch!, September 2018 (unveröffentlichtes Manuskript); Joachim Bischoff, Finanzgetriebener Kapitalismus. Entstehung – Krise – Entwicklungstendenzen, Hamburg 2014.
[2] Karl Marx, Das Kapital, 3. Band, in: MEW Bd. 25, S. 507.
[3] Ebd.
[4] Elmar Altvater, Die kapitalistischen Plagen, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 3/2009, S. 51
[5] Manuel Funke, Moritz Schularick and Christoph Trebesch, Going to extremes: Politics after financial crises, 1870–2014, European Economic Review, 2016, vol. 88, issue C, S. 227-260. Vgl. auch Manuel Funke, Moritz Schularick, and Christoph Trebesch, The Financial Crisis Is Still Empowering Far-Right Populists. Why the Effects Haven't Faded, Foreign Affairs 13.9.2018.

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