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27. März 2013 Joachim Bischoff / Bernhard Müller: Untersuchungen über Vermögensverteilung

Soziale Ungleichheit in der EU

Nach der Verabschiedung des Armuts- und Reichtumsberichts hat die Bundesbank jetzt die im Rahmen einer Untersuchung über die Vermögensverteilung in den 17 Mitgliedern des Euroraums erhobenen Daten für Deutschland veröffentlicht. Sie bestätigen die Daten einer Studie der schweizerischen Credit Suisse aus dem Jahr 2012.

Danach weist Deutschland bei der Vermögensverteilung nach den Niederlanden die größte soziale Asymmetrie im Euroraum aus.[1] Nach der Bundesbank-Untersuchung[2] lag das geschätzte durchschnittliche Vermögen der privaten Haushalte in Deutschland bezogen auf den Zeitpunkt Ende 2010 bei brutto 222.200 Euro. Abzüglich der Verschuldung – also netto – waren es 195.200 Euro.

Das ist aber nur der Durchschnitt, die Summe aller Vermögenswerte, geteilt durch die Anzahl der Haushalte. Doch eine solche Zahl hat nur beschränkte Aussagekraft. Denn wenn von zwei Menschen einer ein Vermögen von 100.000 Euro besitzt und der andere gar nichts, dann verfügen beide im Durchschnitt über 50.000 Euro.

Um das Vermögen eines mittleren Vermögenshaushalts realitätsnäher zu erfassen, greifen Statistiker auf den so genannten Median zurück. Wenn alle Haushalte gemessen an ihren Vermögen aufgereiht werden, ist der Medianwert die mittlere Position: Für diese Position gibt es ebenso viele reichere wie ärmere Haushalte. Dieser Median liegt für Deutschland brutto bei 67.900 Euro. Werden die Schulden herausgerechnet, sind es netto noch 51.400 Euro.


Dass diese Zahl so deutlich unter den Durchschnittswerten liegt, demonstriert, dass vergleichsweise wenige Haushalte über ein großes Vermögen verfügen, dass die Vermögen in Deutschland also sehr ungleich verteilt sind. Diese ungleiche Verteilung drückt sich in einer starken Konzentration an der Spitze aus. Die reichsten 10% der Haushalte verfügen über fast 60% der Nettovermögen. Um zur Gruppe des reichsten Zehntels zu gehören, braucht es in Deutschland gut 440.000 Euro.

Interessant ist, dass sowohl der Durchschnittswert als auch der Median des Nettovermögens in Deutschland niedriger liegt als in anderen großen Ländern des Euro-Raums, für die es vergleichbare Angaben[3] gibt. In Frankreich liegt das Median-Nettovermögen mit 113.500 Euro mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. In Spanien (178.300 Euro) und Italien (163.900) ist der Wert sogar mehr als drei Mal so hoch. In Österreich liegt er bei 76.400 Euro. Diese Differenz erklärt sich aus mehreren Faktoren:

Erstens ist in Deutschland die Ungleichheit in der Verteilung der Vermögen besonders groß. Die Berliner Republik weist bei der Vermögensverteilung nach den Niederlanden mit einem Gini-Koeffizienten von 78 die größte soziale Schieflage im Euroraum aus. Das hat zum einen mit der drastisch sinkenden Lohnquote in den letzen 20 Jahren zu tun, aber zum anderen auch mit der die Vermögenden in diesem Land enorm begünstigenden Steuerpolitik (Abschaffung Vermögenssteuer, Steuersenkungen für Unternehmen und Vermögensbesitzer).

Zweitens gibt es in Deutschland einen vergleichsweise niedrigen Anteil von Eigenheimbesitzern. In Spanien beispielsweise leben 83% der Haushalte in einer eigenen Immobilie, in Italien sind es 69%. In Deutschland ist die selbst genutzte Immobilie zwar ebenfalls der wichtigste Aktivposten beim Vermögensaufbau. Allerdings spielt Immobilienbesitz für das Gros der Bevölkerung eine deutlich geringere Rolle als etwa im Süden Europas. So liegt der Anteil der Eigentümer mit einem Hauptwohnsitz im gesamten Bundesgebiet bei 44,2%. In Ostdeutschland fällt er mit 33,7% sogar noch geringer aus. Das Grundeigentum hat in den letzten Jahrzehnten große Preis- und Wertschwankungen durchlaufen. Bis zum Platzen der Immobilienpreisblasen sind die Werte gleichsam explodiert, während der bis heute anhaltende Wertsenkungsprozess in den meisten Ländern noch nicht abgeschlossen ist.

Der typische Haushalt in Deutschland ist somit ein Mieterhaushalt, während in anderen Ländern selbst genutzte Immobilien zu einem nicht unerheblichen Teil in den Vermögensvergleich einfließen. Die Bundesbank spricht in diesem Zusammenhang für Deutschland von einem »breiten und differenzierter Markt für Mietwohnungen«, der »fortwirkendes Resultat der Wohnungsbaupolitik im Gefolge des zweiten Weltkriegs« ist. Allerdings sind auch in Deutschland die Zeiten des öffentlichen Wohnungsbaus seit geraumer Zeit passé.

Auch in Deutschland stehen dabei Hauseigentümer besser da als Haushalte ohne Wohneigentum: »Der Medianwert des Nettovermögens von Eigentümern einer entschuldeten Immobilie liegt in Deutschland bei 255.600 Euro. Bei Eigentümern einer hypothekarisch belasteten Immobilie ergibt sich ein Medianwert von 160.200 Euro. Bei Mieterhaushalten sind es nur 10.300 Euro«, schreibt die Bundesbank.

Was im Ländervergleich der Vermögen allerdings gänzlich fehlt, sind die öffentliche Infrastruktur (Sozialwohnungen, Straßen, Schulen etc., also das öffentliche Eigentum), die den BürgerInnen zur Verfügung steht, und die Sozialsysteme, die in den Ländern mit relativ niedriger Wohneigentumsquote in der Regel entwickelter sind, als in denen mit großen privatem Vermögen und hoher Wohneigentumsquote. »Für viele decken die Sozialversicherungen und die vom Staat bereitgestellten öffentlichen Güter die meisten der Lebensrisiken und Grundbedürfnisse zumindest prinzipiell ab: Arbeitslosigkeit, Alter, Krankheit, Pflegebedürftigkeit, und die Bildung auf Schulen und Universitäten.« (Bundesbank) Allerdings haben Privatisierung und Deregulierung im Zusammenspiel mit der Steuersenkungspolitik auch in Deutschland die Rolle des öffentlichen Eigentums und der öffentlichen Dienstleistungen für die Lebensverhältnisse der Bevölkerung stark reduziert und das »soziale Eigentum« (Robert Castel) der Lohnabhängigen durch Kürzung der Sozialleistungen drastisch gemindert.

Drittens spielen auch die deutsche Wiedervereinigung und der Einkommenstransfer in die neuen Bundesländer für die relativ niedrigen Vermögen in Deutschland eine Rolle. Betrachtet man allein Westdeutschland, dann beträgt das Durchschnittsvermögen wie in Frankreich rund 230.000 Euro und der Median knapp 79.000 Euro, ähnlich wie in Österreich, wo der Immobilienbesitz genauso selten ist wie hierzulande. Umso geringer sind die Vermögen im Osten Deutschlands, wo die Haushalte im Durchschnitt ein Nettovermögen von 67.000 Euro haben und im Median nur 21.400 Euro.

Der im Bundesbankbericht dokumentierten krassen Ungleichheit in der Verteilung der Vermögen unterliegt die wachsende Spreizung der Primäreinkommen. Diese Disparitäten in der Einkommens- und Vermögensverteilung sind aber nicht nur sozial ungerecht, sondern bedrohen auch die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Stagnierende bzw. sinkende Lohneinkommen und Sozialtransfers wie auch die durch die steuerliche Begünstigung der Vermögenseinkommen erzwungene Begrenzung der Staatsausgaben (Kürzungen öffentlicher Ausgaben für die Infrastruktur und Dienstleistungen) schwächen die inländische Nachfrage.

Um aus einer deflationären Konstellation herauszukommen, gibt es reichlich gesellschaftliche Stellschrauben Dazu gehören auch massive Eingriffe in die Verteilungsstrukturen (Erhöhung der Einkommenssteuer für Besserverdienende, Wiedereinführung der Vermögenssteuer etc.), die die Vermögensbesitzer zur Finanzierung öffentlicher Investitionen (Erhalt und Ausbau des öffentlichen Vermögens) und zur Begrenzung der staatlichen Verschuldung heranziehen würden. Für einen solchen Kurswechsel zeichnen sich allerdings gegenwärtig keine mehrheitsfähigen gesellschaftlichen Bündnisse ab.

Bemerkenswert an den Untersuchungen der europäischen Notenbanken über »Private Haushalte und ihre Finanzen« ist, dass damit ein relativ umfassendes und detailliertes Bild der Vermögens- und Verschuldungssituation sowie des Sparverhaltens der privaten Haushalte in Deutschland und den anderen europäischen Ländern ermittelt wird. Haushalte zeichnen sich national wie international gerade hinsichtlich ihres Vermögens durch große Heterogenität aus, so dass die Betrachtung auf Haushaltsebene über die gesamtwirtschaftlichen Aggregate hinaus wichtige zusätzliche Informationen liefert.

Seit den Immobilienpreisblasen wird immer unübersehbarer, dass die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in den reifen kapitalistischen Ländern eben auch stark durch die privaten Haushalte geprägt wird. Steigt aufgrund der Gesetze der politischen Ökonomie der falsche soziale Wert von Boden und Immobilien, dann hat dies weitreichende Konsequenzen für die Konjunktur und die Größenordnung von Realökonomie sowie Vermögens- und Finanzsektor. Die Grundkonstellation für die bürgerlichen Gesellschaften wird in den nächsten Jahren durch die »Entschuldung« gesetzt. Nicht nur öffentliche Haushalte und Unternehmen, sondern auch die privaten Haushalte und die Finanzinstitute müssen ihre Bilanzen den veränderten Wertstrukturen anpassen.

Die privaten Haushalte sind bei ihren täglichen Einkäufen, ihren Sparentscheidungen und ihrer Altersvorsorge von der Entwicklung des Geldwerts betroffen. Deshalb untersuchen die Notenbanken die finanzielle Lage der privaten Haushalte in der EU. Die Ergebnisse der Studie sollen Herrschaftswissen liefern, auf der eine präzisere Geld- und Stabilitätspolitik aufbauen kann. Durch diese Ergebnisse wird auch bislang eher unbekanntes Terrain über soziale Ungleichheit zutage gefördert.

Für die Bundesbankstudie über Deutschland wurden Interviews mit 3.565 Haushalten geführt. Der ersten Befragung im Herbst/Winter 2010 und Frühjahr 2011 sollen im Jahr 2014 die nächsten Interviews folgen. Danach werden weitere Befragungen in dreijährigen Abständen geführt. Diese Untersuchungen eröffnen also auch die Chance eines tieferen Einblicks in die sozialen Strukturen der aktuellen kapitalistischen Gesellschaften.

[1] Siehe den Bericht »EZB zögert Studie über Reichtum hinaus«, in: FAZ vom 12.3.2013, S. 9
[2]
Dr. Heinz Herrmann und Dr. Ulf von Kalckreuth, Private Haushalte und ihre Finanzen (PHF) Pressegespräch zu den Ergebnissen der Panelstudie Deutsche Bundesbank. http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Presse/Publikationen/2013_03_21_phf_praesentation.pdf?__blob=publicationFile. Die Umfrage wurde im Rahmen der Panelstudie »Private Haushalte und ihre Finanzen« zwischen September 2010 und Juli 2011durchgeführt. Die Untersuchung ist Teil des »Household Finance and Consumption Survey«. Das ist eine neue harmonisierte Befragung, die in allen Ländern des Euro-Raums durchgeführt wird. Ziel der Erhebungen sei die weitere Verbesserung der Entscheidungsgrundlagen der Zentralbanken im Eurosystem, schreibt die Bundesbank. Die Studienergebnisse könnten das Verständnis des Konsum- und Sparverhaltens oder der Verteilung von Vermögen und Verschuldung der privaten Haushalte verbessern. Dies ermögliche unter anderem eine bessere Beurteilung der Wirkung der Geldpolitik oder der Stabilität des Finanzsystems.
[3] Bei der Interpretation der europäischen Daten ist allerdings Vorsicht angebracht. So stammen die bisher verfügbaren Zahlen aus unterschiedlichen nationalen Studien, die noch dazu in unterschiedlichen Jahren durchgeführt wurden – die spanische Untersuchung etwa stammt aus dem Jahr 2008, als von der Euro-Krise noch keine Rede war. Die deutsche Analyse beruht hingegen auf der repräsentativen Befragung von 3.565 Haushalten in den Jahren 2010 und 2011. Für e auf der repräsentativen Befragung von 3.565 Haushalten in den Jahren 2010 und 2011. Erst die bei der Europäische Zentralbank (EZB) in Arbeit befindliche Gesamtstudie für den Euro-Raum wird besser vergleichbare Zahlen liefern. Dies wird jedoch nach Angaben aus Zentralbankkreisen nicht vor Ende April 2013 der Fall sein.

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