16. Oktober 2026 Joachim Bischoff: Die Chancen der Republikaner bei den Midterms verbessert er nicht
Trump-Putin-Diesel-Deal verändert die Grundkonstellation
Russland will nach einem Deal mit den USA wieder Millionen Tonnen Diesel exportieren. Die Ölpreise geraten unter Druck, doch die Versorgung bleibt angespannt. Die Fakten: Russland will Diesel-Exporte wieder hochfahren; die USA lockern Sanktionen für Diesel aus Russland; gleichwohl könnte die Dieselknappheit laut IEA bis 2027 anhalten.
Diese überraschende Annäherung zwischen Washington und Moskau könnte den internationalen Kraftstoffmarkt beeinflussen. Nach Angaben des russischen Vizepremiers Alexander Novak sollen die Exporte in Kürze wieder anlaufen. Die zusätzlichen Mengen könnten helfen, die weltweit angespannte Versorgung mit Diesel zu verbessern.
Bereits am 10. Oktober hatte die russische Regierung ihr Exportverbot für Diesel teilweise aufgehoben. Zunächst wurden Lieferungen von 500.000 Tonnen freigegeben. Doch dabei soll es nicht bleiben: Laut Novak könnten die monatlichen Ausfuhren bis Ende 2026 auf drei bis 3,5 Mio. Tonnen steigen. Das entspräche nach russischen Angaben mehr als 10% des weltweiten Dieselmarktes.
Bemerkenswert ist vor allem die politische Kehrtwende Washingtons. Das US-Finanzministerium erlaubt über eine Sonderlizenz bestimmte Geschäfte mit russischem Diesel bis zum 7. April 2027. Dazu zählen auch Lieferungen und Importe in die Vereinigten Staaten. Die ersten Transporte sollen über direkte Verträge zwischen Unternehmen abgewickelt werden. Allerdings müssen die Vereinbarungen noch ausgehandelt und Tanker beladen werden. Ein konkreter Liefertermin steht deshalb bislang nicht fest.
An den Rohstoffmärkten verstärken die Nachrichten bereits die Hoffnung auf eine Entspannung. Die Nordseesorte Brent verbilligte sich zeitweise um rund 2% auf 103,78 US-Dollar je Barrel. Zudem gibt es Überlegungen der USA, auch Sanktionen gegen Teile der russischen Schattenflotte zu lockern. Besonders relevant wäre eine Wiederaufnahme größerer Diesellieferungen für die Preise von Mitteldestillaten und die Gewinnmargen der Raffinerien. Ein zusätzliches Angebot könnte dort den Preisdruck verringern.
Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt, dass die weltweite Dieselknappheit bis ins Jahr 2027 anhalten könnte. Grund sind beschädigte Raffinerien, eingeschränkte Exporte aus dem Nahen Osten und hohe Transportkosten. Zudem hat die Ukraine ihre Angriffe auf russische Raffinerien wieder aufgenommen. Ob Moskau seine ambitionierten Exportziele tatsächlich erreichen kann, bleibt deshalb offen.
Während Moskau beim Diesel die Exportbeschränkungen zurückfährt, könnte es bei Flüssiggas (LPG) in die entgegengesetzte Richtung gehen. Allerdings dürften mögliche Einschränkungen kaum Auswirkungen auf den Weltmarkt haben. Nach Reuters-Berechnungen stehen lediglich rund 2% der russischen LPG-Ausfuhren zur Diskussion. Betroffen wären laut dem Nachrichtenportal RBC möglicherweise ausschließlich Händler ohne eigene Produktion. Für Anleger ist die Entwicklung dennoch interessant. Zusätzliche Diesellieferungen könnten die hohen Raffineriemargen von Unternehmen wie Valero Energy und Marathon Petroleum unter Druck setzen. Transport-, Logistik- und Industrieunternehmen würden dagegen von sinkenden Kraftstoffkosten profitieren.
Trumps Schwanken
Das Abkommen von US-Präsident Donald Trump mit Moskau zerstört zugleich weiteres Vertrauen in Europa, es verlängert den Ukraine-Krieg und es ist ein Zeichen der Schwäche gegenüber Iran. An den Treibstoffpreisen wird sich wenig ändern.
Eigentlich hatte Trump seinen Wähler*innen versprochen, bestehende Kriege zu beenden und keine neuen mehr anzuzetteln. Stattdessen begann er im Februar einen Luftkrieg gegen Iran, der nach seinen Einschätzungen rund vier bis sechs Wochen hätte dauern sollen. Doch der Konflikt bleibt nun auch nach fast acht Monaten ungelöst, während die stark gestiegenen Treibstoffpreise dem amerikanischen Präsidenten und den Republikanern bei den Zwischenwahlen am 3. November eine herbe Niederlage bescheren könnten.
Im Vergleich zum Vorjahr sind die Preise für Diesel in den USA im Schnitt um 70% und jene für Benzin um 40% gestiegen. Trump aber machte dafür nicht seinen Krieg gegen Iran verantwortlich. Er versuchte die Schuld vor allem der Ukraine in die Schuhe schieben, die seit Monaten gezielte Angriffe auf russische Raffinerien fliegt.
Nach einem längeren Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin kündigte Trump überraschend an, bestehende Sanktionen auszusetzen und die Lieferung von Hunderttausenden Tonnen russischem Diesel auf den Weltmarkt und in die USA zu erlauben. Er rechtfertigte dies damit, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seiner Bitte nicht nachgekommen sei, die Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur zu beenden.
Eigentlich hatte Trump im Wahlkampf seinen Wähler*innen auch versprochen, den russischen Krieg gegen die Ukraine innerhalb von 24 Stunden zu beenden. Doch indem er als Vermittler vor allem Kiew unter Druck setzte und Putin höchstens mit lukrativen Geschäften für einen Frieden zu gewinnen versuchte, ermunterte er diesen dazu, diesen Krieg fortzuführen. Gleichzeitig unterstützt die Trump-Regierung in Europa rechtsnationale Parteien, die einer Unterstützung der Ukraine kritisch gegenüberstehen. Auch dies nährt in Moskau die Hoffnung, dass die europäische Solidarität für die Ukraine sich bald in Luft auflöst.
Trumps Timing für den Diesel-Pakt mit Putin wirkt besonders verstörend. Das russische Militär hat seine Angriffe auf zivile Ziele in der Ukraine intensiviert. Vergangene Woche kamen bei zwei Angriffen auf einen Linienbus und einen Wohnblock rund 50 Menschen ums Leben. Im Grunde wirkt Trumps Erlaubnis für russische Exporte von Diesel fast wie eine Belohnung für die Kriegsverbrechen.
Am Sonntag verkündete Trump, dass sich die Ukraine und Russland auf einen »Energie-Waffenstillstand« geeinigt hätten. Beide Seiten würden keine Angriffe mehr auf die Energieinfrastruktur des anderen Landes durchführen. Wenig später wurde ein ukrainisches Elektrizitätswerk in Charkiw getroffen. Selenskyj zeigte sich trotzdem bereit, sich an eine solche Teilwaffenruhe zu halten, sollte auch Moskau dies tun.
Die Nachsicht des amerikanischen Präsidenten mit Putin ergibt auch deshalb wenig Sinn, weil Moskau ein Verbündeter Irans ist. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete, soll Russland das Regime in Teheran mit Raketen beliefert haben, um dessen Arsenale aufzufüllen. Gemäß der Financial Times reisten russische Experten in den vergangenen Jahren zudem nach Iran, um bei der Entwicklung von Überschall-Marschflugkörpern beratend mitzuhelfen.
Zwar konnte Trump im Krieg gegen Iran seine Verhandlungsposition in den vergangenen Wochen wieder stärken. Mithilfe der amerikanischen Streitkräfte gelingt es den arabischen Golfstaaten bereits wieder, große Mengen an Rohstoffen durch die Straße von Hormus zu transportieren – wenn auch mit beträchtlichen Risiken und unter hohen Kosten. Gleichzeitig blockieren die USA mit ihrer Flotte die iranischen Erdölexporte und setzen die iranische Wirtschaft unter enormen Druck. Trumps Diesel-Deal mit Putin zeigt aber, dass der Leidensdruck in der amerikanischen Bevölkerung ebenfalls groß ist. Das wird auch Teheran ermutigen, nicht nachzugeben.
Was auch immer sich Trump von dem Abkommen mit Putin erhofft hat, es wird ihm und seinem Land kaum etwas nützen. Warum er damit den Europäern wieder einmal in den Rücken fällt, bleibt derweil rätselhaft. Während er die treusten Verbündeten der USA vor den Kopf stößt und das Leid in der Ukraine vergrößert, dürften die erwarteten russischen Dieselexportmengen an den Weltmarktpreisen wenig ändern.
Die K-förmige Struktur der US-Ökonomie: Ärmere leiden stärker
In vielen amerikanischen Gliedstaaten können die Wähler*innen ihre Stimme für die Midterms bereits abgeben. Bis zum Wahltag ist kaum noch ein großer Meinungsumschwung zu erwarten. Die Republikaner werden ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus mit großer Wahrscheinlichkeit verlieren. Der Kampf um die Mehrheit im Senat steht auf Messers Schneide. Sollten die Republikaner diese aber verlieren, wird dafür vor allem etwas verantwortlich sein: Trumps kostspielige Außenpolitik.
Für viele Amerikaner*innen sind die steigenden Lebenshaltungskosten zum Problem geworden, und bei Wahlen werden sie ihren Unmut zum Ausdruck bringen. Das Gefühl von Wähler*innen, wirtschaftlich abgehängt worden zu sein, verhalf Trump 2016 zu seiner ersten Amtszeit. Bei seiner Wiederwahl 2024 kamen ökonomische Faktoren abermals zum Tragen. Nun dürfte bei den Zwischenwahlen am 3. November die Unzufriedenheit Trumps Republikaner treffen. Gemäß einer Umfrage von Reuters/Ipsos sind die Lebenshaltungskosten derzeit für viele Wähler*innen das Hauptanliegen. Mehr als drei Viertel der Befragten waren mit Trumps Leistung in diesem Bereich unzufrieden.
Bei der Konsumentenstimmung ist Pessimismus über alle Einkommensgruppen ersichtlich. Bei Menschen mit kleinen Einkommen ist das Phänomen jedoch besonders ausgeprägt, wie aus Umfragedaten des University of Michigan zu entnehmen ist. Bei dieser Gruppe liegen die Umfragewerte auf historischen Tiefständen.
Für die gegensätzliche Entwicklung gibt es bereits einen Namen: »The K-shaped Economy« (die K-förmige Wirtschaft). Der Begriff verbreitete sich während der Pandemie, angelehnt an die zwei auseinanderzeigenden Arme des Buchstabens. Der nach oben gerichtete Teil steht für Wohlhabende, die vom boomenden Aktienmarkt profitieren, während der nach unten zeigende die Lage der Schwächeren verdeutlichen soll.
Das Konsumwachstum der vergangenen Jahre geht auf höhere Einkommensklassen zurück. Nach Berechnungen der Ökonomen bei Moody’s entfallen derzeit etwa 60% des Privatkonsums auf die einkommensstärksten 20%. Zu Beginn der 1990er-Jahre betrug der Wert nur etwa 50%. Die Börsenhausse der vergangenen Jahre spielt diesen Menschen in die Hände: Gemäß einer Statistik des Fed wird der überwiegende Anteil an Aktien und Fonds von den einkommensstärksten 20% der Bevölkerung gehalten.
Seit einigen Jahren untersuchen Ökonomen, wie die Teuerung von Menschen unterschiedlicher Einkommensklassen wahrgenommen wird. Mittlerweile ist dies ein gut erforschter Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Das Ergebnis: Ärmere Menschen bekommen die Inflation überproportional stark zu spüren. Laut einer Berechnung des Haushaltsbüros des amerikanischen Kongresses ist beispielsweise zwischen 1984 und 2020 das effektive Preisniveau für Menschen mit kleinen Einkommen um 154% gestiegen, bei den Besserverdienenden betrug der Zuwachs 128%.
Zum Teuerungsschub der vergangenen Jahre kommt erschwerend hinzu, dass die Preise für Wohnungsmieten, Benzin und Elektrizität einen überdurchschnittlich starken Anstieg verzeichneten. Diese Güter machen gerade bei Geringverdienern einen großen Teil des Budgets aus, wie das Amt für Arbeitsmarktdaten schreibt. Hinzu kommt der Effekt des Iran-Kriegs, der einen weltweiten Brennstoffmangel ausgelöst hat. Seit Anfang 2026 ist der amerikanische Benzinpreis um etwa 60% angestiegen, auf über 4 US-Dollar pro Gallone.
Die Zwischenwahlen kommen einem Wählerurteil über die Amtsführung von Trump und seiner Partei gleich. Die aktuellen Umfragen zeichnen für die Republikaner ein düsteres Bild: Ihnen droht der Verlust ihrer Mehrheiten im Repräsentantenhaus und möglicherweise auch im Senat. Sollten sich diese Prognosen bewahrheiten, ist klar: Viele Amerikaner*innen haben ihre Wut übersteigende Lebenshaltungskosten an der Urne entladen.













