3. Oktober 2026 Joachim Bischoff: Kriegsfolgen, Affordability Crisis und die Midterms
Trumps Fiasko im Iran
Aus einem Krieg, von dem der amerikanische Präsident Donald Trump zu Beginn noch gesagt hatte, er werde vier oder fünf Wochen dauern, sind inzwischen mehr als sechs Monate geworden. Über 50 000 Soldaten waren laut Angaben des Verteidigungsministeriums bisher im Einsatz.
Die Kampfhandlungen haben 22 amerikanische Soldaten das Leben gekostet. Auf israelischer Seite und bei weiteren Verbündeten wurden mindestens 280 Personen getötet. Aufseiten Irans sind es laut Schätzungen der Uno rund 4.000.
»Epic Fury« (»epischer Zorn« oder »epische Wut«) ist der offizielle Codename für die US-amerikanisch-israelische Militäroperation gegen Iran, die Ende Februar 2026 begann und im Juli 2026 »offiziell« für beendet erklärt wurde. Aber ein Ende ist nicht in Sicht. Sie ist zudem verbunden mit der Blockade der Straße von Hormus, die die internationale Schifffahrt massiv beeinträchtigt. Zusätzlich ist mit der Meerenge Bab al-Mandab am Roten Meer mittlerweile eine weitere zentrale Schifffahrtsroute gefährdet.
Der Krieg ist im Wesentlichen ein Luftkrieg mit eindeutigen Kräfteverhältnissen: Die USA und Israel überzogen Iran mit einer ungeheuren Masse an Bomben und Raketen, wobei israelische Streitkräfte in den ersten zwei Kriegsmonaten einen Großteil der Feuerkraft bereitstellten. Anfang April schlossen die USA und Iran eine Waffenruhe. Der Krieg verlor an Wucht. Israel zog sich aus den Kämpfen in Iran zurück und verlagerte seinen Fokus wieder auf Libanon und den Gazastreifen.
Auch die USA fuhren ihre Angriffe deutlich zurück. Ganz verstummten die Waffen jedoch nie. Als die Waffenruhe Anfang Juli von Trump aufgekündigt wurde und der Präsident die völlige Vernichtung des Iran proklamierte, eskalierte der Konflikt erneut, allerdings mit deutlich weniger Luftangriffen. Dennoch haben rund 3.700 Attacken die Munitionsbestände der USA stark ausgedünnt. Iran wiederum nahm Stützpunkte und Infrastruktur von amerikanischen Verbündeten in der Golfregion mit rund 1.100 Gegenangriffen ins Visier, was die amerikanische Infrastruktur in der Region erheblich beschädigte.
Iranische Drohnen und Raketen trafen nicht nur amerikanische Ziele, sondern auch zivile Infrastruktur in Israel und den Golfstaaten. Um sich gegen diese Angriffe besser schützen zu können, bestellten die Länder in den USA eiligst Abwehrsysteme, Munition und weitere Waffen im Wert von rund 45 Milliarden US-Dollar. Wie stark der Krieg die Staaten der Region insgesamt finanziell belastet, lässt sich noch nicht präzise beziffern. Klar ist, dass die Golfstaaten wegen der Blockade der Wasserwege in Hormus und Bab al-Mandab erheblich weniger Erdöl exportieren können als vor dem Krieg.
Das Regime hat überlebt
Zwar hat Trump den Krieg schon mehrmals für »gewonnen« und »beendet« erklärt, doch seine vorgegebenen Ziele bleiben bis heute unerfüllt. Und seine Glaubwürdigkeit tendiert gegen null. So wurden zwar wichtige Kommandostrukturen und Führungsmitglieder des Regimes in Teheran ausgeschaltet, allen voran den Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei. Doch auch der versprochene Regimewechsel konnte nicht erzwungen werden. Das Gewaltmonopol liegt weiterhin bei Armee und Revolutionswächtern.
Auch wenn die Schwächung des iranischen Raketen- und Drohnenprogramms Fakt ist – rund zwei Drittel der Raketenstellungen und 70% sollen bereits in den ersten beiden Kriegsmonaten zerstört worden seien – hinderte dies das Regime hinderte jedoch nicht daran, weiterhin Woche für Woche Drohnen und Raketen auf Ziele in der Region abzufeuern. Laut »Wall Street Journal«, das sich auf Geheimdienstinformationen beruft, habe Iran die Produktion von Raketen und Drohnen wieder aufgenommen. Dafür seien unterirdische Produktionsstätten eingerichtet worden, die sich mit amerikanischen Bomben nur schwer zerstören ließen.
Ähnliches gilt für das iranische Nuklearprogramm, das schon vor Kriegsbeginn unter die Erde verlegt wurde. Wiederholt flogen die USA Angriffe auf Nuklearanlagen, darunter in Isfahan und Natanz. Spekuliert wird darüber, ob nicht südöstlich von Teheran und unter dem »Pickaxe Mountain« unweit von Natanz Anlagen für das Nuklearprogramm ausgebaut werden. Trump droht zwar damit, die ausgebauten Anlagen notfalls erneut zu bombardieren.
Doch der Schwerpunkt des Krieges hat sich längst vom Nuklearprogramm aufs Meer verlagert. Mit der nur eingeschränkten Passierbarkeit der beiden Wasserstraßen erfügt Iran über einen Hebel, mit dem es weit über die Region hinaus Druck ausüben kann – und die Kosten dieses Krieges für die USA weiter in die Höhe treiben.
Kosten des Krieges
Mehr als sechs Monate nach Beginn des nie vom Kongress beschlossenen Krieges gegen Iran haben zwei amerikanische Behörden umfassende Bilanzen der bisherigen Kriegskosten veröffentlicht. Vorgelegt wurden diese vom Congressional Budget Office (CBO), einer überparteilichen Kontrollstelle des Kongresses, sowie vom Generalinspektor des Verteidigungsministeriums. Die Berechnungen stützen sich auf öffentliche Daten, teils auf Schätzungen. Allein für die Kampfeinsätze im Rahmen von »Epic Fury»« wurden bisher ca. 38 Milliarden US-Dollar ausgegeben.
Neben den direkten Verlusten spürt die US-Bevölkerung vor allem die indirekten Folgen wie verstärkte Rüstung und Inflation. Im Juli 2026 wurden zudem weitere amerikanische Militärangehörige getötet und viele weitere verletzt. Die Kosten für Erdölprodukte stiegen während der Schließung der Straße von Hormus ebenfalls deutlich. Am 16. September 2026 verabschiedete das Repräsentantenhaus mit 220 zu 204 Stimmen eine Resolution zur Beendigung des Krieges, wobei auch sieben Republikaner der Initiative der Demokraten zustimmten. Der Senat hatte bereits am 24. Juni 2026 mit 50 zu 48 Stimmen (unterstützt von vier Republikanern) eine ähnliche Resolution nach dem War Powers Act von 1973 verabschiedet. Diese Resolutionen sind zwar rechtlich nicht bindend für Trump, üben jedoch starken politischen Druck im Vorfeld der Zwischenwahlen aus.
Trumps sinkende Zustimmungswerte und die Midterms
Trumps Beliebtheitsrate ist von einem Höchststand von 47% kurz nach seiner Amtseinführung im Januar 2025 auf etwa 32% im September 2026 gesunken. Für diesen Rückgang sind mehrere Gründe verantwortlich, darunter der Umgang mit der Immigration und seine Zollpolitik, die zu höheren Verbraucherpreisen geführt hat, sowie Berichte, dass Trump und seine Familie sich zuletzt durch Insidergeschäfte mindestens zwei Milliarden US-Dollar angeeignet haben sollen. Vor allem aber der Iran-Krieg dürfte für einen Großteil des Rückgangs der Popularität des Präsidenten verantwortlich sein.
Am 3. November finden die Zwischenwahlen (Midterms) statt, bei denen die Oppositionspartei traditionell im Vorteil sind und die Präsidentenpartei Sitze in beiden Parlamentskammern verliert. Im Durchschnitt waren es seit dem Zweiten Weltkrieg 26 Sitze in der großen Kammer und 3 oder 4 Sitze in der kleinen Kammer. Deshalb dürften die Demokraten das Repräsentantenhaus mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückerobern, aber nicht unbedingt den Senat.
In den vergangenen Monaten sind die Chancen für die Demokraten allerdings gestiegen, auch eine Mehrheit im Senat zu gewinnen, denn nur noch etwa jeder dritte Amerikaner ist zufrieden mit dem Präsidenten. Positive Umfrageresultate haben sich für die Demokraten bei vergangenen Wahlen allerdings oft als trügerisch erwiesen. Sie müssten in fünf republikanischen Hochburgen mindestens drei Senatswahlen gewinnen. Für ganz ausgeschlossen halten das Experten wie Charlie Cook, Gründer des »Cook Political Report«, nicht, wie er kürzlich in einem Interview mit ABC News’s »This Week« sagte: »Vor einem Jahr war es nicht realistisch, dass sich die Machtverhältnisse im Senat ändern könnten«, aber seither habe sich dies geändert. Sechs Bundesstaaten stehen dem »Cook Political Report« zufolge auf der Kippe, dort könnten die amtierenden Senatoren von der gegnerischen Partei besiegt werden.
Affordability Crisis (Bezahlbarkeit des Alltagslebens)
Bei den Midterms könnten für die Republikaner um Trump vor allem die höheren Kosten der alltäglichen Lebenshaltung vieler Amerikaner zu einem politischen Problem werden. Es drohen hohe Zusatzkosen für die medizinische Versorgung. Die anhaltende Verteuerung von Energie – vor allem Benzin - dürfte die Stimmung der Wähler belasten. Gegenüber dem Vorjahr sind die Preise im August um 3,4% angestiegen.
Gemäß einer Umfrage von Reuters und Ipsos von Ende August sagt knapp die Hälfte der Amerikaner, dass das Thema Lebenshaltungskosten ihren Wahlentscheid am 3. November am stärksten beeinflussen wird; im Fokus stehen vor allem Gesundheits- und Wohnkosten, Nahrungsmittel und Benzin. Die Wähler geben Trump bei der Frage, wie er die Teuerung adressiert, besonders schlechte Noten, auch fast die Hälfte der republikanischen Wähler sind mit seinem Umgang mit der Inflation unzufrieden.
Vor der Inflation ist nicht jeder gleich, die von Bürgern erfahrene Teuerung unterscheidet sich je nach Lebensstil stark. Der Effekt ist auch regional geprägt, was bei den Zwischenwahlen ins Gewicht fällt: Während die meisten Amerikaner über Gasheizungen oder strombetriebene Klimaanlagen und Wärmepumpen verfügen, sind in den kleineren Gliedstaaten Neuenglands Ölheizungen verbreitet. In New Hampshire etwa, wo die Republikaner einen Senatssitz erobern wollen, wärmen 39% der Haushalte ihr Eigenheim mit Heizöl, dessen Preis eng mit Diesel korreliert. In Maine, wo die Partei einen gefährdeten Sitz verteidigen muss, sind es gar 53%, dort kostete der Liter Heizöl noch weniger als einen Dollar, jetzt ist es über die Hälfte mehr. Pro Tankfüllung macht das einen hohen dreistelligen Betrag aus.
Diesel kostet in den USA inzwischen im Schnitt 1.65 US-Dollar pro Liter, so viel wie nie zuvor. Auch wenn die meisten Amerikaner benzinbetriebene Autos fahren, erhöht der Dieselpreis die Produktionskosten für die Landwirtschaft und verteuert den Transport aller Güter. In den kommenden Wochen dürfte daher der Preisdruck insbesondere bei Lebensmitteln hoch bleiben. Maßgeblich tragen die Folgen des Iran-Kriegs dazu bei, denn Iran versucht durch diverse Aktionen, den USA vor den Zwischenwahlen Kosten aufzubürden.
Die hartnäckige Teuerung ist auch ein wichtiger Grund, weshalb die Zinsen in den USA derzeit so hoch sind. Die Folgen bekommen die Amerikaner beim Hauskauf zu spüren: Auf die dort übliche 30-Jahr-Hypothek müssen Käufer einen Zinssatz von fast 6,8% entrichten. Das führt dazu, dass viele jüngere Amerikaner sich ihren Traum vom Eigenheim nicht erfüllen können.
Für die Demokraten kommt die »Affordability Crisis« zum bestmöglichen Zeitpunkt, was sie im Wahlkampf unter Verweis darauf, dass Trump die hohen Preise durch seine Zollpolitik und den noch immer nicht beendeten Krieg gegen Iran herbeigeführt habe, weidlich ausnutzen. Dass die amerikanische Wirtschaft wächst und insofern noch keine »Krise« ausgebrochen ist, braucht die Demokraten nicht zu kümmern. Ihnen spielt in die Karten, dass Trump den Wählern 2024 sinkende Preise versprochen hat und dieses Versprechen nicht gehalten hat.
Trump hat umgekehrt mehrfach erklärt, zuletzt am Parteitag in Dallas, dass er teureres Benzin in Kauf nehme, um Iran zu besiegen. Er und die Republikaner setzen inzwischen auf die Strategie »Augen zu und durch«, und anstatt über die Inflation sprechen sie darüber, dass die Demokraten eigentlich Kommunisten seien, die das Land zerstören würden. Insofern bleibt die Frage, wie es mit dem Iran-Krieg weitergeht, auch im weiteren Wahlkampf relevant.
Am 2. September berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass hochrangige Berater des US-Präsidenten auf eine Begrenzung der militärischen Eskalation gegenüber Iran vor den Wahlen im November drängen, weil sie Nachteile für die Republikaner befürchten. Zugleich werde im Weißen Haus erwogen, militärische Maßnahmen nach der Wahl auszuweiten. Auf jeden Fall solle aber der wirtschaftliche Druck auf Iran weiter zunehmen.
Was passiert nach den Zwischenwahlen im Iran-Krieg?
Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers und Spezialisten für internationalen Beziehungen im Nahen Osten mit dem Schwerpunkt Iran, Mohhamad Ghaedi, wird die weitere Entwicklung maßgeblich vom Wahlausgang in den USA abhängen. Unabhängig davon habe der Iran jedoch wenig Interesse daran, den Konflikt auf eine deutlich höhere Eskalationsstufe zu heben. Sollten die Demokraten die Kontrolle über den Kongress gewinnen und versuchen, Trumps Kriegsführung einzuschränken, könnte Teheran sogar noch vorsichtiger agieren. Die iranische Führung dürfte alles vermeiden wollen, was in den USA zu einem parteiübergreifenden Schulterschluss könnte.
Aus iranischer Sicht wäre eine Rückkehr zum »Islamabad-Memorandum« vom Juni offenbar die bevorzugte Option. Das betonte Irans Präsident Massud Peseschkian Ende August auf dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Iran werde zum Memorandum zurückkehren, wenn auch die Vereinigten Staaten ihre Verpflichtungen wieder erfüllten. Ghaedi verweist auf ein wesentliches Hindernis: »Das stellt die erste Bestimmung des Abkommens dar, die einen israelischen Rückzug aus dem Libanon voraussetzt, ein Schritt, den Teheran vor den israelischen Wahlen für unwahrscheinlich hält.«
Allerdings halten andere Kräfte im Iran eine rasche Rückkehr der USA zu dem Abkommen für unwahrscheinlich. Denn gleichzeitig signalisiert die Führung in Teheran öffentlich weiterhin Härte. »Wir werden den Krieg bis zum endgültigen Sieg fortsetzen«, erklärte Ali Nikzad, stellvertretender Parlamentspräsident, am 9. September am Rande einer Veranstaltung vor Journalisten. Auch Hossein Mohebbi, Sprecher der Revolutionsgarden, erklärte am 8. September, die USA müssten »den Krieg vollständig einstellen« und auf weitere Drohungen verzichten, wenn sie die aktuelle Situation beenden wollten. Zugleich drohte er mit einer umfassenderen Reaktion der Revolutionsgarden, sollten die Angriffe andauern.
Der iranische Wirtschaftswissenschaftler Ahmad Alavi, der in Schweden lebt, warnt zudem davor, wirtschaftlichen Druck automatisch mit politischen Zugeständnissen gleichzusetzen: »Wenn die Führung der Islamischen Republik zu dem Schluss kommt, dass das Ziel des Drucks nicht darin besteht, ihr Verhalten zu ändern, sondern sie zu schwächen oder zu stürzen, könnte sie Zugeständnisse als eine größere Bedrohung für ihr Überleben ansehen und stattdessen auf eine Eskalation der militärischen Aktionen zurückgreifen.« Teheran werde eher dann zu Zugeständnissen bereit sein, wenn eine tatsächliche Verringerung des Drucks möglich sei und ein verlässlicher Verhandlungskanal bestehe.
Oman und mehrere Golfstaaten bemühen sich inzwischen erneut um eine diplomatische Lösung. Nach Angaben der »Financial Times« planen die Außenminister der Golfstaaten demnächst ein Treffen mit ihrem iranischen Amtskollegen im omanischen Salala. Ziel sei ein Abkommen, das die kommerzielle Schifffahrt durch die strategisch wichtigen Meerengen vorübergehend sichern soll. Ein solches Abkommen dürfte allerdings die Zustimmung Washingtons benötigen, da die USA ihre Seeblockade gegen Iran aufrechterhalten.












