23. August 2025 Joachim Bischoff: Fed wird Zinsen leicht anpassen, bleibt aber ihrem Grundsatz treu
US-Notenbank kommt Trump entgegen
Der Chef der US-Notenband Fed, Jerome Powell, hat in seiner Rede auf dem jährlichen Treffen der wichtigsten Notenbanker in Jackson Hole indirekt zu verstehen gegeben, dass der Pfad für sinkende Zinsen ab der September-Sitzung der Fed frei werden könnte.
Er ließ durchblicken, dass man im September mit einer Leitzinssenkung rechnen kann. Powell sprach in seiner Konjunkturbeurteilung lediglich von »neuen Herausforderungen« und »sich verändernden Risiken«. Damit deutete er an, dass die Explosion der Zölle langsam, aber sicher auf die Preise durchschlagen werden. Und dass die restriktive Immigrationspolitik des US-Präsidenten dem US-Arbeitsmarkt einen erheblichen Dämpfer versetzt. Zusammen genommen ergibt das eine Tendenz in Richtung Stagflation, d.h. die Schwächeperiode der US- Akkumulation dürfte anhalten.
Die steigenden Risiken für den Arbeitsmarkt und die Tendenzen zur Inflation bestehen zwar fort, aber die »Stabilität der Arbeitslosenquote und anderer Arbeitsmarktindikatoren ermöglicht es uns, bei der Erwägung von Änderungen unserer geldpolitischen Haltung vorsichtig vorzugehen«, sagte Powell. »Angesichts der restriktiven Geldpolitik könnten jedoch die grundlegenden Aussichten und die sich verändernden Risiken eine Anpassung unserer geldpolitischen Haltung rechtfertigen.«
Nach Powells Andeutungen gehen die Geldkapitalisten von der Vermutung aus, dass der Offenmarktausschuss der Fed bei seiner Sitzung am 16. und 17. September die Zinsen senken wird. Das vorsichtige Signal kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Fed-Vertreter uneinig sind, wie und wann die Geldpolitik in den kommenden Monaten angepasst werden soll. Einige verweisen auf die Widerstandsfähigkeit des Arbeitsmarktes. Andere warnen davor, dass erste Anzeichen einer Schwäche am Arbeitsmarkt zu einem deutlicheren Abschwung führen könnten.
Powell argumentiert, der Arbeitsmarkt befinde sich in einem »merkwürdigen Gleichgewicht«, das aus einer deutlichen Verlangsamung sowohl des Angebots als auch der Nachfrage nach Arbeitskräften resultiere. Er verwies auf die Beschäftigungsdaten für Juli, die zeigten, dass das Beschäftigungswachstum in den letzten Monaten deutlich schwächer ausfiel als zuvor gemeldet: »Diese ungewöhnliche Situation deutet darauf hin, dass die Abwärtsrisiken für die Beschäftigung zunehmen […] Wenn diese Risiken eintreten, können sie sich schnell in Form von deutlich höheren Entlassungen und steigender Arbeitslosigkeit niederschlagen.«
Er argumentierte jedoch weiterhin, dass die Politik sich vor der Aussicht hüten müsse, dass die Zölle von Präsident Donald Trump zu einer anhaltenden Inflation führen könnten. Die Auswirkungen der Zölle auf die Verbraucherpreise seien »jetzt deutlich sichtbar«, aber es sei davon auszugehen, dass sie relativ kurzlebig sein werden.
»Es ist jedoch auch möglich, dass der Aufwärtsdruck auf die Preise durch die Zölle eine länger anhaltende Inflationsdynamik auslösen könnte, und das ist ein Risiko, das bewertet und gesteuert werden muss. […] Wenn unsere Ziele wie derzeit in einem Spannungsverhältnis stehen, verlangt unser Rahmenkonzept, dass wir beide Seiten unseres doppelten Mandats in Einklang bringen«, so Powells Schlussfolgerung.
Änderungen des Rahmens
Der Fed-Vorsitzende skizzierte auch Änderungen, die die Verantwortlichen an ihrem geldpolitischen Rahmen vorgenommen haben, der die längerfristige Strategie für die Entscheidungen der Fed vorgibt. Zu diesen gehört die Klarstellung einer im Jahr 2020 vorgenommenen Änderung, die signalisierte, dass die Verantwortlichen die Zinsen bei niedriger Arbeitslosigkeit nicht anheben würden, um einer möglichen Inflation entgegenzuwirken.
Powell sagte, die politischen Entscheidungsträger seien sich weiterhin einig, dass es möglicherweise nicht notwendig sei, die Zinsen »allein auf der Grundlage« ihrer Schätzungen zur langfristigen Entwicklung der Arbeitslosenquote anzuheben. Er fügte jedoch hinzu, dass die Änderung im Jahr 2020 niemals beabsichtigt war, »dauerhaft auf die Möglichkeit zu verzichten«, die Zinsen anzuheben, wenn der Arbeitsmarkt stark ist und eine höhere Inflation zu erwarten ist.
Die Anpassung deutet auf eine geringere Toleranz gegenüber einem heißen Arbeitsmarkt hin, lässt der Fed jedoch alle Optionen offen, wie sie reagieren wird. »Vorbeugende Maßnahmen wären wahrscheinlich gerechtfertigt, wenn die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt oder andere Faktoren Risiken für die Preisstabilität darstellen«, begründete Powell.
Die Notenbanker bekräftigten auch ihr Inflationsziel von 2% und die Bedeutung einer stabilen Inflationserwartung. Die Entscheidungsträger verzichteten jedoch auf einen 2020 vorgestellten Ansatz, der vorsah, eine über dem Ziel liegende Inflation zu tolerieren, um Phasen zu kompensieren, in denen das Ziel unterschritten wurde. Außerdem strichen sie Formulierungen, die niedrige Zinsen als »prägendes Merkmal der Wirtschaftslandschaft« bezeichneten, so Powell.
Zinsdebatte
Die Entscheidungsträger senkten die Zinsen Ende 2024 dreimal, haben aber in diesem Jahr ihren Leitzins unverändert gelassen. Powell und seine Kolleg*innen haben sich für einen geduldigen Ansatz ausgesprochen, da sie befürchten, dass die Zölle zu einer anhaltenden Inflation führen könnten. Diese Sorgen wurden durch die jüngsten Inflationsdaten bestätigt, die zeigten, dass die Großhandelspreise im Juli so stark gestiegen sind wie seit drei Jahren nicht mehr.
Während im Juni die Mehrheit der Fed-Vertreter*innen von zwei Zinssenkungen in diesem Jahr ausging, sah eine beträchtliche Minderheit nur eine oder gar keine Senkung. Seitdem hat sich der Arbeitsmarkt abgeschwächt, aber auch die Abkühlung der Inflation ist ins Stocken geraten. Zuletzt war die Inflation in den USA mit 2,7% zwar auf hohem Niveau geblieben, aber nach Angaben des US-Arbeitsministerium im Vergleich zum Vormonat nicht gestiegen. Die US-Notenbank strebt, wie auch die Europäische Zentralbank (EZB), bei der Inflation eine Jahresrate von 2% an
Mehrere Entscheidungsträger haben Anzeichen einer Schwäche des Arbeitsmarktes hervorgehoben, wobei einige ausdrücklich argumentierten, dass die Fed wieder mit Zinssenkungen beginnen sollte. Die Fed-Gouverneure Christopher Waller und Michelle Bowman stimmten gegen die Entscheidung der Fed vom Juli, die Zinsen unverändert zu lassen, und verwiesen dabei auf den Arbeitsmarkt.
Nach einem überraschend schwachen Arbeitsmarktbericht für Juli, der wenige Tage später veröffentlicht wurde, signalisierten die Präsidentin der Fed von San Francisco, Mary Daly, und der Chef der Fed von Minneapolis, Neel Kashkari, dass sie eine Senkung im September unterstützen könnten.
Tendenziell will die Notenbank in Zukunft daher eine striktere Geldpolitik verfolgen, auch wenn das Donald Trump nicht schmecken sollte. Der Präsident hat zuletzt einen ultratiefen Leitzins zwischen 1% und 2% gefordert und dabei nicht den Anschein erweckt, dass er sich für Veränderungen des neutralen Zinses interessiert. Die Chance ist somit groß, dass es in Zukunft erneut zum Streit zwischen Trump und der Fed-Spitze kommen wird.
Trump und Powell
Was Trumps aggressive Zollpolitik in der Weltwirtschaft angerichtet hat, ist erst in Ansätzen absehbar. Der US-Präsident ärgert sich über die nachlassende Dynamik der US-Wirtschaft. Er verweist die Verantwortung an die Mehrheit der Notenbanker. Vor all Powell steht seit längerem in der Kritik, da die Fed den Leitzins entgegen seinen Wünschen nicht gesenkt hat. Er bezeichnet Powell als »Mister Zu Spät« und einen »großen Loser«, was wenig mit einer fachlichen Auseinandersetzung über die Steuerung der Ökonomie zu tun hat.
Mit Spannung erwartete ein Teil der Medien, ob sich Powell direkt zu Trump äußern würde. Dieser ignorierte zwar die persönliche Herabsetzung, aber eine kleine Spitze gegen den US-Präsidenten gab es trotzdem. So wies Powell darauf hin, dass die Mitglieder des Federal Open Market Commitee (FOMC) – das für Zinsentscheide zuständige Gremium – Entscheidungen ausschließlich auf der Grundlage ihrer Bewertung der Daten und deren Auswirkungen auf die Wirtschaftsaussichten und das Risiko-Ertrags-Verhältnis treffen: »Wir werden von diesem Ansatz niemals abweichen.«
Für Powell war es der letzte Auftritt in Jackson Hole, im nächsten Frühling tritt er als Fed-Chef ab. Mit dieser deutlichen Aussage machte er klar: Trump kann ihn noch so beleidigen, der erfahrene Notenbanker wird weiterhin so arbeiten, wie er es schon immer getan hat: sachlich, nüchtern, faktenbasiert.












