»Wer nicht hören will, wird bestreikt!«

27.2.2024 | Berlin | 18:00 Uhr, Münzenbergforum, Franz-Mehring-Platz 1
Buchvorstellung und Diskussion mit dem Autor Claus-Jürgen Göpfert und Jürgen Hinzer, um dessen Arbeitskampf-geschichten in der NGG es in dem Buch geht. Mit einem Grußwort von Dr. Johannes Specht, Leiter der NGG-Tarifabteilung. Moderation: Holger Kloft, Geschäftsführer ver.di Mitgliederservice. Eine gemeinsame Veranstaltung der ver.di Service GmbH mit dem ver.di Bezirk Berlin, dem NGG Landesbezirk Ost und dem Münzenbergforum.

Felix Jaitner
RUSSLAND: Ende einer Weltmacht
Vom autoritär-bürokratischen Staatssozialismus mit Ressourcenextraktivismus und Kriegswirtschaft in die Zukunft?
296 Seiten | Hardcover | EUR 29.80
ISBN 978-3-96488-190-8

Hajo Funke
Die Höcke-AfD
Eine rechtsextreme Partei in der Zerreißprobe
136 Seiten | EUR 10.00
ISBN 978-3-96488-093-2

Frank Deppe
Zeitenwenden?
Der »neue« und der »alte« Kalte Krieg
176 Seiten | EUR 14.80
ISBN 978-3-96488-197-7

Peter Wahl
Der Krieg und die Linken
Bellizistische Narrative, Kriegsschuld-Debatten und Kompromiss-Frieden
Eine Flugschrift
100 Seiten | Euro 10.00
ISBN 978-3-96488-203-5

Jörn Schütrumpf
Deutsche mit Anstand
Der »Bund Neues Vaterland« wird »Deutsche Liga für Menschenrechte«
Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxenburg-Stiftung
176 Seiten | EUR 14.80
ISBN 978-3-96488-185-4

Heiner Dribbusch
STREIK
Arbeitskämpfe und Streikende in Deutschland seit 2000 – Daten, Ereignisse, Analysen
376 Seiten | Hardcover | EUR 29.80
ISBN 978-3-96488-121-2

20. April 2020 Michael Brie: Der 150. Geburtstag des großen russischen Revolutionärs

Von Lenin lernen – und es anders machen

Am 22. April jährte sich zum 150. Mal der Geburtstag von Lenin. Michael Brie wurde aus diesem Anlass zu mehreren Veranstaltungen eingeladen. Da diese nicht stattfinden können, gab es den Vortrag als Livestream auf der Facebook-Seite der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Leider ist die Übertragung nicht online, wir dokumentieren stark gekürzte Auszüge aus dem Vortrag. Sie basieren auf dem im VSA: Verlag erschienenen hellblauen Bändchen Lenin neu entdecken. In acht Fragen an die heutige europäische Linke verweist Michael Brie darauf, was in der aktuellen Vielfachkrise der kapitalistischen Zivilisation anders zu tun ist.


Am 22. April dieses Jahres ist der 150. Geburtstag von Wladimir I. Lenin. So umstritten er als Politiker ist, so unumstritten ist, dass er einer jener ganz wenigen Menschen war, der die Weichen des 20. Jahrhunderts gestellt hat. Ohne ihn wäre die Weltgeschichte anders verlaufen. Unumstritten ist auch, dass er Geist vom Geiste der Linken war, erklärter Kommunist und Marxist. Im Bolschewismus hat er beiden Begriffen neue Bedeutung gegeben. Es gibt gute Gründe, sich Anregungen holen, gerade bei Lenin, dem wirkungsmächtigsten Politiker der Linken im 20. Jahrhundert, was man in Zeiten der Ohnmacht und einer möglichen linken Offensive tun kann. Acht Fragen an die europäische Linke seien damit gestellt.

Erstens: Lenin begann mit einem sehr konkreten Nein zum Krieg. Er ist nicht nur einer der entschiedensten Gegner dieses Krieges, sondern qualifiziert ihn ohne Abstriche als imperialistischen Krieg – egal, welche Nuancen es gäbe. Welches konkrete Nein aber hat die europäische Linke? Was ist ihr überzeugendes Nein heute? Greta Thunbergs »How dare you!« ist ein solches Nein. Ein Nein sind auch die Boote, die Flüchtlinge im Mittelmeer retten, nachdem die EU ihre Mission dort aufgegeben hat.

Zweitens: Die langen ersten Monate des Weltkrieges verbrachte Lenin in Bern in Bibliotheken und las Hegel! Er begann eine Phase intensiver philosophischer Reflexion. Lenin schult sein Denken in Widersprüchen, unter den Bedingungen von Brüchen und Sprüngen, jähen Ereignissen. Mit welcher Philosophie aber bereitet sich die europäische Linke auf die völlig neue Situation vor? Der Gedanke selbst, dass dies unabdingbar sei, scheint nicht von ihrer Welt.

Drittens: Nach dem ersten Schock über die Politik der deutschen Sozialdemokratie und anderer Parteien der Zweiten Internationale entwickelte Lenin eine eigene alternative Erzählung. Der deutschen wie europäischen Linken aber ist die Vorstellung von einer gemeinsamen Erzählung fremd, wird in die Nähe von Märchen gerückt. Könnte es gelingen, die Vorstellung einer radikalen sozialökologischen Transformation zur neuen Erzählung zu machen – mit ihren globalen wie lokalen und regionalen Dimensionen?

Viertens: In den Jahren im Schweizer Exil während des Ersten Weltkriegs entsteht Lenins einführende Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Was Lenin interessiert, ist nicht die umfassende analytische Erklärung des Wesens von Imperialismus, sondern eingreifende Gesellschaftsanalyse. Wie gut ist die heutige europäische Linke mit solchen praktisch relevanten Analysen ausgestattet, die nicht so sehr sagen, was nicht geht, sondern was heute und jetzt möglich ist?

Fünftens: Nach der Februarrevolution 1917 wirft Lenin in nur wenigen Wochen die heiligste Kuh der russischen Sozialdemokratie, die Lehre von den zwei Phasen der Revolution, der bürgerlichen Revolution als Vorstufe zu einer sozialistischen Revolution, über Bord. Er setzt in seinen Aprilthesen diese Revolution auf die Tagesordnung. Welches Konzept von Revolution, Reform, Transformation aber hat die europäische Linke? Kann dazu ein Konzept einer doppelten Transformation im Kapitalismus über ihn hinaus beitragen?

Sechstens: In der gleichen Zeit entwickelt Lenin einen Begriff von Epoche als Handlungssituation. »Was tun?« und »Wer tut es?« waren immer die zentralen Fragen einer gesellschaftsverändernden Linken, sind offen für Weichenstellungen, die sich unerwartet ergeben. Warum wird in der europäischen Linken aber zumeist nur im Entweder – Oder, Richtig oder Falsch gedacht? Wir brauchen Szenarien, die der Offenheit der Situation und zugleich realistisch den konkreten Möglichkeiten gerecht wird.

Siebtens: In der Bibel findet sich in den Sprüchen Salomons der Satz: Ohne Visionen werden die Menschen wüst und wild. Es bedarf eines befreienden, eines emanzipatorischen, eines utopischen Horizonts auf eine »andere Welt«. In den Sommermonaten des Jahres 1917 schreibt Lenin an Staat und Revolution. Erstaunlich ist daran vor allem, dass er sich den Widersprüchen einer neuen sozialistischen Ordnung stellt. Was bei Lenin fehlt, ist das Bewusstsein, dass Politik nicht nur Herrschaft ist, sondern auch ein Raum des Dialogs, der Selbstverständigung, der die Freiheit der Andersdenkenden garantieren muss. Aber welche Vision hat die europäische Linke? Wie bereitet sie sich auf die Widersprüche vor, die ihre eigene Politik hervorruft?

Achtens: Alle genannten Fragen münden in das, was man Einstiegsprojekte nennen könnte. Lenin denkt sie sich nicht aus, wie man oft liest, sondern nimmt sie aus den Forderungen der Soldaten, der Arbeiter, der Bauern, der Vertreter unterdrückter Völker Russlands. »Alle Macht den Sowjets« und »Sturz der Provisorischen Regierung«, »Frieden ohne Vorbedingungen sofort«, »Arbeiterselbstverwaltung«, »Recht auf Selbstbestimmung« sind solche Losungen. Welches Programm von Einstiegsprojekten aber hat die europäische Linke? Was davon ist im Massenbewusstsein?

Die heutige europäische Linke kann und sollte Lenin nicht kopieren. Sie muss es tatsächlich grundsätzlich anders machen. Aber die genannten acht Anregungen kann sie sich bei Lenin holen. Ohne konkretes Nein, ohne dialektische Praxisphilosophie, ohne eigene Erzählung, ohne strategische Gesellschaftsanalyse, ohne Epochenverständnis und Szenarien, ohne emanzipatorische Vision mit ihren Widersprüchen und ohne im Konsens erarbeitete Einstiegsprojekte bleibt es bei der heutigen Ohnmacht der Linken in Europa. Sie wird dem Aufstieg der Rechten und dem Durchwursteln des herrschenden Blocks nichts entgegensetzen können. Eine neue Krise wird sie unvorbereitet vorfinden. Sie wird die Chancen einer offenen Situation nicht ergreifen können.

Deshalb: Lasst uns gemeinsam bei Lenin in die Schule gehen, um radikale transformatorische Gesellschaftsveränderung anders als er emanzipatorisch einzuleiten.

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