»Ihr Grundbegriff ist nicht Fortschritt, sondern Aktualisierung.«
Mittwoch, 15.4.2026 | 18:00 Uhr | Online
Christoph Lieber, Redakteur von Sozialismus.de, stellt Walter Benjamins materialistische Geschichtsauffassung vor und diskutiert, ob der Bruch mit einem konformistischen Fortschrittsglauben hilft, »unsere Position im Kampf gegen den Faschismus zu verbessern?«
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17. März 2026 Redaktion Sozialismus.de: Über die Bedeutung eines politischen Intellektuellen

Zum Tod von Jürgen Habermas

Foto: Europäische Kommission/Szabolás (CC-license 2.0)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte den am 14. März in Starnberg verstorbenen Jürgen Habermas als »großen Aufklärer« und als einen Denker, der die demokratische Kultur der Bundesrepublik geprägt habe. Kaum jemand habe so intensiv über die Öffentlichkeit und den demokratischen Diskurs der Bundesrepublik nachgedacht wie Habermas. Und kaum jemand habe die Selbstbeschreibung dieses Landes so nachhaltig geprägt.

Herfried Münkler weist in seinem Nachruf in der Süddeutschen Zeitung vom 16.3.2026 auf die Tragik hin, dass die Schlüsselthemen von Habermas theoretisch-intellektuellen Impulsen in den letzten Jahren erodiert sind: der Aufstieg populistischer Bewegungen, nicht nur in Deutschland, sondern überall in der freien Welt. Statt der Herrschaft des »zwanglosen Zwangs des besseren Arguments« sind wir mehr und mehr mit den Ressentiments und einem Umbau zu autoritären Strukturen in der gesellschaftlichen Kommunikation und ihren Institutionen konfrontiert.

Auch aus dem vom Habermas favorisierten Projekt einer Demokratisierung Europas ist eher ein politischer Scherbenhaufen übriggeblieben. Schließlich müsste man konstatieren – so Münkler abschließend –, dass auch die von Habermas beschworenen regelhaften und wertgestützten internationalen Ordnung in den jüngsten Kriegen untergegangen sei und eher autoritären politischen Ordnungen Platz gemacht habe.


Zivilisationsbruch als Triebkraft

Habermas’ Lebensthema Demokratie ging auch auf persönliche Erlebnisse zurück, was in den Rückblicken (mindestens als Motivation) häufig unterbelichtet blieb. Am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren und im rheinländischen Gummersbach aufgewachsen, wurde Habermas zur Nazizeit sozialisiert und im Krieg als Flakhelfer eingezogen. Als das Dritte Reich zusammenbrach, war er noch ein Teenager, doch die Frage nach den Folgen des deutschen Zivilisationsbruchs trieb ihn um: Prägend war die Erfahrung, »1945 festgestellt zu haben, dass man unter einem kriminellen Regime gelebt und es einen Rückfall in die Barbarei gegeben hat«, wie er einmal festhielt.

In den 1980er-Jahren, übte er im sogenannten Historikerstreit heftige Kritik an dem Historiker Ernst Nolte, der Parallelen zwischen den nationalsozialistischen und den stalinistischen Verbrechen zog. Habermas sah darin eine Relativierung des einzigartigen Zivilisationsbuch des Holocaust. Thomas Schmid betont zwar zurecht in seinem Nachruf in Die Welt:[1] »Im Historikerstreit der achtziger Jahre, den es ohne ihn nicht gegeben hätte, wehrte er den Versuch ab, dem Holocaust mit Verweis auf den Gulag seine Singularität zu nehmen.«

Die Bewertung, dass Habermas zugleich eine »damals in der Linken noch vorherrschende Verharmlosung des Stalinismus« unterstützt habe, bleibt allerdings eine völlig unbewiesene Behauptung. Gleichermaßen oberflächlich und nicht begründet ist die These von Schmid, Habermas habe mit großen »Mut […] den 68er-Phrasen widerstanden«, und ein weiteres Verdienst sei; dass er die »Frankfurter Schule«, die Georg Lukács 1933 als »Grand Hotel Abgrund« bezeichnete, »ein gutes Stück vom Abgrund weg« gerückt habe.

Nach seinem Studium der Philosophie, Ökonomie und der Deutschen Literatur (1949-1954), arbeitete er zunächst als freier Journalist.[2] Seine Veröffentlichungen weckten das Interesse Theodor W. Adornos – neben Max Horkheimer Begründer der »Kritischen Theorie« der Frankfurter Schule. Adorno holte Habermas an das Frankfurter Institut und eröffnete ihm die Mitarbeit an der Theorie der kritischen Gesellschaftsanalyse, die auf die Offenlegung ideologischer Grundlagen und Herrschaftsmechanismen zielt.

Wegen der Aversionen des Institutsdirektors Horkheimer gegen den jungen, auch marxistisch denkenden Habermas wich dieser zu dem Sozialisten Wolfgang Abendroth nach Marburg aus, um seine Habilitation abschließen zu können. Zwei Jahre später kehrte Habermas nach Frankfurt zurück und übernahm die Professur von Horkheimer für Philosophie und Soziologie.


Streit mit der Linken

Habermas ging es stets um das große Ganze. Dafür war er bereit zu streiten, und zwar mit der ihm eigenen Mischung aus philosophischer Reflexion und intellektueller Intervention. Seine Schriften besaßen nicht selten politische Sprengkraft, auch wenn seine Studierenden gelegentlich über die schwierigen Texte stöhnten.

Ende der 1960er-Jahre zählte Frankfurt zu den Hochburgen der Studentenproteste, viele 68er sahen in Habermas ihren geistigen Mentor. Doch als die Bewegung sich radikalisierte, ging Habermas auf Distanz. Seine Schrift »Die Scheinrevolution und ihre Kinder« war den Protestierenden linken Faschismus und Aktionismus vor. Viele Linke in Deutschland reagierten empört und trugen Gegenargumente vor. Oskar Negt gab noch 1968 in der Europäischen Verlagsanstalt den Band »Die Linke antwortet Jürgen Habermas« heraus, mit Beiträgen u.a. von Wolfgang Abendroth, Peter Brückner, Reimut Reiche, Claus 0ffe, Helmut Schauer, Wolfgang Lefèvre und Klaus Meschkat.

1971 ging Habermas als Ko-Direktor des neuen Max-Planck-Instituts nach Starnberg bei München. Dort veröffentlichte er sein zweibändiges Hauptwerk »Theorie des kommunikativen Handelns«(1981), in dem er eine Art Handlungsleitfaden für die moderne Gesellschaft entwarf. Seiner Theorie zufolge beruhen die normsetzenden Grundlagen einer Gesellschaft auf ihrer Sprache: Erst Sprache als Verständigungsmittel ermögliche soziales Handeln. Wie ist der »zwanglose Zwang des besseren Arguments?«, die »ideale Sprechsituation« oder der »herrschaftsfreie Diskurs« in einer Demokratie zu realisieren, so lauteten seine zentralen Fragen.

Erst 1983 kehrte Jürgen Habermas nach Frankfurt zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 Philosophie lehrte. Doch auch als »Pensionär« griff Habermas in die gesellschaftlichen Debatten Deutschlands ein. So unterstützte er 1999 den umstrittenen NATO-Einsatz im Kosovokrieg: »Wenn es gar nicht anders geht«, befand Habermas, »müssen demokratische Nachbarn zur völkerrechtlich legitimierten Nothilfe eilen dürfen.«

Als Befürworter der europäischen Integration verwies Habermas immer wieder auf Demokratiedefizite in der EU. Im Zusammenhang mit der »Eurokrise« warnte er vor einem zu rigiden Sparkurs und warb für den Ausbau der Währungsunion zu einer »supernationalen« Demokratie, in der die Nationalstaaten weitere Souveränität abgeben.

Zuletzt zog Habermas eine finstere Bilanz der Weltlage. In seinem 2024 erschienenen Gesprächsbuch »Es musste etwas besser werden ...« kritisiert er, angesichts der vielen Krisenherde lasse sich »das Bewusstsein der politischen Eliten im Westen von der Logik des Krieges mehr und mehr vereinnahmen«. Der Westen wirke konzeptionslos. So fehle es nach dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine an einer »rechtzeitigen Initiative angesichts der Barbarei eines Krieges, dessen festgefahrenes und perspektivloses Andauern der Westen mitverantwortet«. Dadurch sei das Schicksal der Ukraine nun ganz vom Ausgang der (damaligen) amerikanischen Wahl abhängig geworden.

Für sein gesellschaftliches Engagement hat Habermas unzählige Preise und Anerkennungen erhalten. Die Sekundärliteratur zu seinen Werken umfasst mehr als 14.000 Bücher und Artikel, darunter viele Doktorarbeiten. Habermas war gewähltes Mitglied wissenschaftlicher Akademien etwa in Russland, den USA und Israel. Sogar ein 1999 entdeckter Asteroid am Rande des Sonnensystems ist nach ihm benannt.


Habermas: Staatsphilosoph oder politisch wachsamer Mahner?

Das zentrale Thema der Nachrufe in den Leitmedien ist der staatstragende Habermas. Hier wird er vor allem als moralische Institution der Republik dargestellt. Politiker sprechen von einem leidenschaftlichen Verteidiger der demokratischen Vernunft; Vertreter mehrerer Parteien würdigten ihn als einen Denker, der der Bundesrepublik ein intellektuelles Fundament gegeben habe: als Stimme der Aufklärung, als Orientierungspunkt für die offene Gesellschaft.

Für den Bundespräsidenten verabschiedet sich das Land von einen ihrer großen Intellektuellen – mit einer Mischung aus Ernst und Selbstvergewisserung. Ähnlich Bundeskanzler Friedrich Merz. Der mitteilen ließ, Habermas habe mit »Weitblick und historischer Größe« politische und gesellschaftliche Entwicklungen begleitet; seine analytische Schärfe habe den demokratischen Diskurs weit über Deutschland hinaus geprägt.

Da Deutschland – im Unterschied zu Frankreich, wo Intellektuelle traditionell öffentlich streiten –nicht zu den Ländern gehört, die sich normalerweise über ihre Philosophen und Soziologen politisch vergewissern, darf man das mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Mit etwas Häme könnte man ergänzen, es wäre gut gewesen, auf die eine oder andere Intervention von Jürgen Habermas bereits zu Lebzeiten gehört zu haben.

Während die Politik den Philosophen der Republik als staatstragend loben, wird in den Feuilletons der Versuch unternommen, Habermas’ Werk noch einmal vorgenommen, um en Ort zu bestimmen, den Habermas im deutschen intellektuellen Selbstverständnis einnimmt. Die zentralen Werke über den Strukturwandel der Öffentlichkeit und die Theorie des kommunikativen Handelns stehen dabei im Mittelpunkt und blicken auch auf den politischen Kopf.

So erinnert die Süddeutsche Zeitung daran, dass Habermas die publizistische Bühne über Jahrzehnte nutze, sich noch bis ins hohe Alter über »«verzwergte politische Eliten« habe aufregen können. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ordnet ihn etwas kühler als letzten großen Vertreter jener deutschen Theorieambition ein, Gesellschaft im Ganzen zu begreifen. Und die Zeit beschreibt ihn als einen Denker, der »unermüdlich kämpfte: gegen die Irrationalität, für Vernunft und die bedrohten westlichen Werte«.


Habermas’ Idee der Öffentlichkeit

Habermas’ zentrale Idee war, dass moderne Gesellschaften ihre Konflikte nicht durch Macht oder Tradition lösen sollten, sondern durch Argumente. Er nannte das den »zwanglosen Zwang des besseren Arguments« und versuchte zu beschreiben, wie eine Öffentlichkeit aussehen müsste, in der diese Kraft wirken kann: ein Raum, in dem Bürger, Medien, Parlamente und Institutionen miteinander sprechen, einander widersprechen und sich – im Idealfall – überzeugen lassen. Habermas definierte Öffentlichkeit als »Netzwerk für die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen«: Und der »Begriff der kommunikativen Rationalität [müsse] am Leitfaden sprachlicher Verständigung analysiert werden.« Moderne Gesellschaften sollten also ihre Konflikte vermittels der Sprache austragen.

Aber das Argument braucht eine Grundlage: Erstens eine gemeinsame Realität, über die gestritten werden kann. Zweitens Diskursräume, in denen Argumente tatsächlich zirkulieren können– Parlamente, Medien, Universitäten. Und drittens die Bereitschaft, das bessere Argument anzuerkennen, auch wenn es vom politischen Gegner kommt (dies noch einmal den lobenden Politikern ins Stammbuch geschrieben) .

Inzwischen erodieren die Voraussetzungen des Arguments, denn es lebt davon, dass sich seine Gegner wenigstens auf denselben Gegenstand beziehen. Wenn sich Gesellschaften nicht mehr auf eine gemeinsame einigen können, verliert das Argument einen Teil seiner Kraft. Jeden Tag streiten Menschen über Migration, Pandemiepolitik oder Russlands Krieg gegen die Ukraine und beziehen sich dabei auf völlig unterschiedliche Informationswelten: auf verschiedene Medien, auf nachprüfbare Statistiken hier, auf SocialMedia-Kanäle dort – manchmal sogar auf verschiedene Fakten. In einem solchen Zustand wird das Argument nicht widerlegt, sondern schlicht ignoriert.

Habermas hat der Bundesrepublik über Jahrzehnte ein Bild über die eigenen Strukturen geliefert: eine Gesellschaft, die ihre Konflikte mit Argumenten austrägt – im Raum der Öffentlichkeit, mit Vernunft, über eine Debatte. Vieles davon wird in den Nachrufen angesprochen, anderes eher nur beiläufig erwähnt. Zu denen gehören seine aktuellen Interventionen zum Zeitgeschehen und seine Zeitdiagnosen.

Auch die Rolle als öffentlicher Intellektueller, der nie zögerte, sich in internationalen Medien zu brisanten politischen Ereignissen und krisenhaften Entwicklungen zu Wort zu melden, hätte eine stärkere Gewichtung verdient. Und sein öffentliches Eintreten für eine Kultur der Erinnerung an den Zivilisationsbruch und die deutsche Schuld daran, gerät zunehmend in Vergessenheit. Ebenso wie sein Beharren auf der Nichthintergehbarkeit von Menschenrechten und seine Thesen zum Völkerrecht. Die nicht selten bei jenen politischen Eliten Unmut hervorriefen, die ihn jetzt als staatstragenden Philosophen würdigen.

Denn seine Gesellschaftskritik nahm auch die Krisentendenzen in den Blick, die den kapitalistischen Markt- und Konkurrenzverhältnissen innewohnen. Wenn ihnen nicht mit den regulativen Mitteln demokratisch legitimierter Steuerungspolitiken entgegengewirkt werde, so Habermas, sei zu befürchten, dass zugleich mit anwachsenden ökonomischen und sozialen Ungleichheiten die Haltung der Solidarität immer mehr schwinde. Denn diese lasse sich weder mittels Geld kaufen noch durch Macht erzwingen. Autonome Entscheidungen, die zugleich gemeinwohlorientiert sind, bedürften einer Alltagskultur, die die Einsicht in die moralischen Verpflichtungen von jedermann befördert.

Anmerkungen

[1] Thomas Schmid, Das leuchtende Scheitern der Klugen, in: Die Welt vom 16.3.2026.
[2] Vgl. dazu Willi Winkler, Der Sturmvogel, in: Süddeutsche Zeitung vom 16.3.2026.

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