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VSA: Verlag – 50 Jahre Analysen & Alternativen

Einige Kontinuitäten aus 50 Jahren gibt es in dieser Präsentation.

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50 Jahren Verlagsarbeit
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50 Jahren Verlagsarbeit
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50 Jahren Verlagsarbeit
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Ein hellrotes Bändchen aus
50 Jahren Verlagsarbeit
96 Seiten | Klappenbr. | € 14.00
ISBN 978-3-96488-152-6

3. September 2022 Redaktion Sozialismus.de | Joachim Bischoff | Michael Brie

Zur Bedeutung von Michael Gorbatschow (2.3.1931–30.8.2022)

Am vergangenen Dienstag verstarb in Moskau Michael Sergejewitsch Gorbatschow im Alter von 91 Jahren. Er war von März 1985 bis August 1991 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und von März 1990 bis Dezember 1991 Staatspräsident der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR).

Neue Akzente in der sowjetischen Innen- wie Außenpolitik setzte er mit Glasnost (»Offenheit«), einem Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, und Perestroika (»Umbau«). In Abrüstungsverhandlungen mit den USA leitete er das Ende des Kalten Krieges ein, wofür er 1990 den Friedensnobelpreis erhielt. Der Umbau bzw. Übergang von der sowjetischen Planwirtschaft in eine sozialistische Marktwirtschaft dagegen gelang nicht. In der Konsequenz löste sich die Sowjetunion auf.

Im kapitalistischen Westen haben diverse Politiker*innen und Medien Gorbatschow mit zahlreichen Nachrufen gewürdigt und teilweise für ihre Sichtweise auf die Geschichte vereinnahmt. Der gesellschaftliche Hintergrund – der Versuch, den erstarrten Staatssozialismus zu reformieren und ihn in eine moderne sozialistische Marktwirtschaft mit demokratischer Beteiligung der Bevölkerung, also in eine Gesellschaftsformation mit einer spezifischen fortschrittlichen Ökonomie jenseits des Kapitalismus zu transformieren – blieb in der Regel ausgeblendet. In Russland und auch in China fallen die Reaktionen auf den Tod des Politikers kritischer aus, allerdings wird auch hier die faktische epochale Veränderung des Wirtschaftssystems nicht thematisiert. In Russland dominiert in der politischen Klasse und großen Teilen der Bevölkerungen zudem die negative Einschätzung von dem Verlust der Rolle als Weltmacht.

Die Zeitschrift Sozialismus und der VSA: Verlag haben sich schon früh mit den Hintergründen und Folgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion sowie des gesamten staatssozialistischen Lagers publizistisch auseinandergesetzt. Dabei wurde auch auf die Bedeutung von Michael Gorbatschow, vor allem aber die Bedeutung des Systembruchs eingegangen. Wir dokumentieren im Folgenden – jeweils deutlich gekürzt – zum einen den Beitrag von Joachim Bischoff aus Heft 7/8-1989 der Zeitschrift über Aspekte der Transformation der Ökonomie sowie zum anderen einen sozialbiografischen Artikel von Michael Brie zu Michael Gorbatschow aus dem im Jahr 2000 im VSA: Verlag erschienenen Band »Ketzer im Kommunismus«.


Joachim Bischoff
Die Transformation der sowjetischen Ökonomie
(gekürzte Fassung des in Heft 7/8-1989 in der Zeitschrift Sozialismus erschienenen Beitrags mit dem Titel »Philosophie der Perestroika«)


Die radikale Veränderung der Politik in der Sowjetunion hat nicht nur in den gesellschaftlichen Verhältnissen in Ost und West deutliche Spuren hinterlassen; nach wie vor geht von der von Gorbatschow verfolgten Konzeption der Perestroika auch eine weitreichende intellektuelle Faszination aus. Dennoch sind systematische Untersuchungen zu diesem weltpolitischen Vorgang bislang eher die Ausnahme. Im Folgenden sollen einige Thesen skizziert werden.

Das Kernproblem der Perestroika umriss der Generalsekretär in einer Diskussion folgendermaßen: »Wie kann es vorkommen, dass ein Unternehmen veraltete Produkte von niedrigem technischem Niveau herstellt, für die es keine Nachfrage gibt, aber das Unternehmen funktioniert trotzdem normal und besteht weiter. Unser Wirtschaftsmechanismus ermöglicht derartige Phänomene.«

Das bürokratisch-planwirtschaftliche System der SU sichert folglich keinen rationellen Umgang mit allen Formen des gesellschaftlichen Reichtums, sondern führt zu einer beträchtlichen Vergeudung von gesellschaftlicher Arbeit. Dabei waren Kommunisten und Sozialisten für die Schaffung einer neuen Stufe der Ökonomie der Zeit angetreten. Ihre Kapitalismus-Kritik fasst sich in der folgenden Marxschen These zusammen: »Während die kapitalistische Produktionsweise in jedem individuellen Geschäft Ökonomie erzwingt, erzeugt ihr anarchisches System der Konkurrenz die maßloseste Verschwendung der gesellschaftlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte, neben einer Unzahl [...] an und für sich überflüssiger Funktionen.« Mit der dem Kapitalismus immanenten Verschwendung sollte aufgeräumt und zugleich eine immer effizientere Ökonomie durchgesetzt werden, so dass bei entsprechender demokratischer Verteilungsich die eigentliche materielle Produktion mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den der menschlichen Natur würdigsten Bedingungen vollzieht.

Die zentrale Orientierung lautet daher: »Ökonomie der Zeit, sowohl wie planmäßige Verteilung der Arbeitszeit auf die verschiedenen Zweige der Produktion, bleibt also erstes ökonomisches Gesetz auf Grundlage der gemeinschaftlichen Produktion.« (Marx in den Grundrissen …) Aber der Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit zeigt, dass die vielen individuellen Arbeitskräfte eben nicht selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft agieren. Die einzige mögliche Schlussfolgerung lautet daher: Das bestehende System der materiellen Produktion muss radikal im Sinne der bewussten Organisation der Ökonomie der Zeit umgestaltet werden. Gorbatschow erklärte schon 1985: »Der Wirtschaftsmechanismus soll nicht in kleinen Schritten vervollkommnet werden; es ist viel­ mehr eine komplexe, vielseitige Umgestaltung vonnöten.«

Wie aber die dramatische Entwicklung in der VR China und auch die vorangegangenen - gescheiterten – Reformprojekte in der Sowjetunion zeigen, greift eine Politik der ökonomischen Modernisierung und Öffnung nach außen zu kurz; die führende Rolle der Kommunisten im Prozess der Umgestaltung muss sich gerade in der Fähigkeit der Mobilisierung des »subjektiven Faktors« erweisen. Der Witz der Marxschen Gesellschaftskritik besteht nämlich in der Auflösung des phantastischen oder sinnlich­übersinnlichen Scheins, wodurch sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in vermeintlich außerhalb der Subjekte existierende Verhältnisse von Sachen verwandeln. Hat man verstanden, weshalb sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in von dem bewussten individuellen Handeln unabhängige, sachliche Gestalten verwandeln können, dann ist es kein Widerspruch, dass zur Erneuerung oder vollständigen Umgestaltung der sozialistischen Produktionsweise zunächst eine umfassende Reform der gesellschaftlichen Willensbildung erfolgen muss.

Es geht in der Sowjetunion um die praktische Entwicklung einer neuen konsistenten Sozialismus-Konzeption. Der autoritäre Staatssozialismus ist an seine historische Grenze gestoßen und eine Erneuerung des Sozialismus muss betriebliche Selbstverwaltung und Marktbeziehungen mit politischer Demokratie verbinden muss.

Die Formulierung von den immanenten Grenzen des »Staatssozialismus« verweist auf einen komplizierten geschichtlichen Hintergrund. Zum einen hat das »befehlsadministrative System« durchaus längere Zeit die Entwicklung eines äußerst unentwickelten Landes vorangebracht. Zum anderen ist diese Herrschaft des autoritär-administrativen Kommandosystems selbst erst durch Vernichtung eines vorangegangenen anderen Entwicklungsmodells entstanden. Zum dritten wird die Ökonomie in der Sowjetunion seit längerem schon nicht mehr durch ein befehlsadministratives System als politischem Überbau beherrscht. Die verschiedenen Wirtschaftsreformen haben die »Kommandowirtschaft« schon längst in eine Art korporativistischer Verhandlungsökonomie verwandelt. Zwar taucht in vielen Reden von Parteifunktionären und Diskussionsbeiträgen von Intellektuellen immer noch dieser Bezug auf die Herrschaft des befehlsadministrativen Systems auf; aber die Charakterisierung von Tatjana Saslawskaja dürfte die realen Verhältnisse treffender beschreiben: Das System der Stagnationsperiode »stellt eine Art Hybridprodukt aus zentralisiertem planwirtschaftlichem und dem marktwirtschaftlichen System dar, wobei es sich um einen spezifischen, veränderten Markt handelt, indem nicht mit klassischen Begriffen wie Ware, Qualität, Preis operiert wird, sondern mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, auf die Funktionsbedingungen des Partners einzuwirken. Die tatsächlichen wirtschaftlichen und sozialen Eigenschaften dieser merkwürdigen Mischung sind zurzeit noch kaum untersucht und beschrieben.«

In diesem eigentümlichen System (Stagnationsperiode) setzte nun nicht nur ein flächendeckender Zersetzungsprozess von gesellschaftlichen Strukturen und Normen ein, sondern zugleich wuchsen in der Partei, der Presse und den universitären Einrichtungen jene Debatten, die schließlich den Umschlag in der öffentlichen Meinung Anfang der achtziger Jahre herbeiführten, der sich dann in dem Prozess der Perestroika verdichtete. Mit Recht hebt daher Gorbatschow immer wieder hervor, dass die Kraft für revolutionäre Veränderungen sich längst vor dem Jahr 1985 im Volk und in der Partei angesammelt hatte. »Es wäre ein Fehler, anzunehmen, dass ein Monat nach der März-Plenarsitzung des ZK im Jahr 1985, in der ich zum Generalsekretär gewählt wurde, plötzlich eine Gruppe von Leuten die Bühne betrat, die alles verstanden, alles wussten und auf alle Fragen klare Antworten hatten.«

Das von der Perestroika hervorgebrachte Material gibt der marxistischen Theorie nicht wenig Nüsse zu knacken. Das reicht von der neuen Sozialismuskonzeption über die Neubewertung historischer Entwicklungen und den darin involvierten historischen Persönlichkeiten, bis hin zur Überprüfung der Interpretationen zu den marxistischen Klassikern. Es gibt im Prozess der Perestroika Stimmen, die unter Hinweis auf die historische Dimension die marxistischen Klassiker ganz beiseiteschieben wollen; andere Stimmen wollen noch nicht einmal eine Prüfung der Frage vornehmen, ob mit den wenigen Texten des späten Lenin zur NÖP-Politik nicht auch eine gründliche Selbstkritik der vorangegangenen Positionen verknüpft ist; während es der Mehrheit in der kommunistischen Partei um eine neue Sozialismuskonzeption geht, die sich auf die Kreativität der befreiten und assoziierten Arbeit stützt, verfolgen sicherlich andere Reformer eine unkritische Anlehnung an die kapitalistische Marktwirtschaft.

Die Differenzierung von Eigentumsformen (Genossenschaften, Pacht, selbstverwaltete Betriebe) werden im Westen vielfach als Preisgabe der entscheidenden sozialen Errungenschaften eingeschätzt. Der Übergang zur vollständigen Eigenwirtschaftlichkeit der verschiedenen Wirtschaftsunternehmen ist jedoch keineswegs mit einem vollständigen Verzicht auf makroökonomische Steuerung und sozialstaatliche Interventionen verknüpft. Wer der Formel von der »Freiheit des kapitalistischen Marktes« aufsitzt, versteht weder die gesellschaftliche Auseinandersetzung um Deregulierung und Sozialstaat in den kapitalistischen Metropolen noch die anhaltende Auseinandersetzung, welche Formen und Strukturen der makroökonomischen Steuerung in der sozialistischen Marktwirtschaft zu etablieren seien. Gleichermaßen bedeutet das Beharren auf einem Ausscheiden von schlecht geführten und am Markt vorbei produzierenden Unternehmen keineswegs, dass die Anpassungskosten überwiegend den individuellen Haushalten, den Werktätigen, aufgebürdet werden. Erst die Ausgestaltung der Arbeitsmarktpolitik wird zeigen, ob hier ein Arbeitsmarkt kapitalistischer Provenienz entsteht.

In den praktischen Reformschritten und Reformdiskussionen wurde lange Zeit immer noch an einer neuen Form der makroökonomischen Steuerung und Kontrolle festgehalten. Richtig ist allerdings, dass eine entsprechende indirekte Steuerung in den kapitalistischen Gesellschaften nur stets unvollständig, unentwickelt und halbherzig praktiziert worden ist. Abgesehen von der stets gegebenen Gefahr, dass die Zulassung von verschiedenen Eigentumsformen erhebliche Fehlentwicklungen auslösen kann, muss die neue Qualität der makroökonomischen Steuerung und Kontrolle erst noch entwickelt und erprobt werden. Wenn man davon ausgeht, dass nicht die Wiederzulassung der Anarchie und Vergeudung des vom Profit gesteuerten kapitalistischen Marktes angestrebt wird, dann lässt sich in längerer Perspektive eine Verknüpfung von rationeller Ökonomie der Einzelbetriebe und gesellschaftlich gesteuertem Austausch­ und Distributionsprozess denken, so dass auch die Macht der einfachen mystifizierten gesellschaftlichen Beziehungen zurückgedrängt wird, wie sie der Warenzirkulation eigentümlich ist.

Das war nicht in der kurzen Frist zu leisten. Bekanntlich kann aber auch nur im Verlauf eines langen Entwicklungsprozesses neuer Bedingungen das »spontane Wirken der Naturgesetze des Kapitals und des Grundeigentums« durch das »spontane Wirken der Gesetze der gesellschaftlichen Ökonomie der freien und assoziierten Arbeit« ersetzt werden. Die gescheiterte Transformation der Planökonomie mündete in ein Hybridsystem: Im Prozess der Auflösung eigneten sich Oligarchen, eine kleine Gruppe von politischen Funktionären durch die Privatisierung von Staatseigentum umfangreiche gesellschaftliche Produktionsmittel an. Vor allem im Bereich der extraktiven Industrien (Öl und Gas) und der Schwerindustrie konnte aus der Mischung von wirtschaftlicher und politischer Macht ein spezifisches kapitalistisches Wirtschaftssystem etabliert werden.

 

Michael Brie
Michail Gorbatschow – Held der Demontage
(Gekürzte Fassung aus: Theodor Bergmann/Mario Keßler (Hrsg.), Ketzer im Kommunismus, 23 biographische Essays, VSA: Verlag Hamburg 2000, S. 436–457; der komplette Beitrag kann hier als pdf-Datei heruntergeladen werden)


Die folgenden thesenförmigen Bausteine zu einem sozialhistorischen Porträt Michail Gorbatschows konzentrieren sich auf die Zeit von März 1985 bis August 1991, auf die Periode zwischen dem Beginn und Ende einer eigenständigen politischen Rolle Gorbatschows im Rahmen des sowjetischen Systems. Ausgangspunkt ist die These, dass Geist und Praxis des Wirkens von Gorbatschow aus der immanenten Selbstaufhebung der sowjetischen staatssozialistischen Gesellschaft durch dessen tragende Akteure im Rahmen der krisenhaften Veränderung der internationalen Machtstrukturen zu erklären sind. Die verschiedenen Aspekte der Selbstaufhebung stellen deshalb im gegebenen Fall auch die Aspekte der Analyse der historischen Persönlichkeit Gorbatschows dar. Glanz und Elend der Selbstaufhebung des sowjetischen Staatssozialismus prägen Größe und Schwäche dieser politischen Persönlichkeit.

Mit der Wahl dieses Zuganges zum Verständnis von Gorbatschow ist die Auffassung verbunden, dass er selbst viel weniger als wirklicher politischer Gestalter historischer Prozesse in diese eingegriffen hat, denn als – zweifelsohne kühner und konsequenter – Vollstrecker des schon gefällten Urteils über einen in die Endkrise geratenen Staat und ein unhaltbar gewordenes System zu verstehen ist. Die Originalität Gorbatschows besteht vor allem in der – zumindest teilweise menschlich und politisch großen – Ausprägung eines bestimmten Sozialtypus der späten sowjetischen Eliten: In die Geschichte wird er als einer der wirklichen Heroen des Rückzuges (Hans Magnus Enzensberger), der friedlichen Demontage des Staatssozialismus sowie eines versuchten Aufbruchs zur Lösung der globalen Probleme eingehen.

Die hier gewählte Herangehensweise hat eine Reihe von Konsequenzen, auf die hingewiesen sein soll. Erstens handelt es sich ausdrücklich um ein Porträt, das dem Sozialtypus Gorbatschow oder – mit Marx gesprochen – seiner sozialhistorischen Charaktermaske nachspürt. Das vorhandene Material macht es fast unmöglich, sich ausreichend objektiv dem Individuum Gorbatschow anzunähern. Zudem ist er durch seine Stellung als Generalsekretär der KPdSU vor allem als Funktionsträger in Erscheinung getreten. Seine Reden und Handlungen sind zumeist die einer kollektiven Institution gewesen.

Zweitens treiben sich die rasante Selbstauflösung des sowjetischen Staatssozialismus und die Wandlung der Positionen Gorbatschows wechselseitig voran. Von einer Periodisierung dieses Prozesses sei jedoch Abstand genommen, da sie den Rahmen des Beitrages bei weitem sprengen würde. Es handelt sich deshalb im Folgenden immer um Tendenzaussagen. Drittens kann es sich aber auch nicht um eine umfassende Wertung des historischen Phänomens Perestroika und der Betrachtung der sowjetischen Gesellschaft und ihrer Akteure in dieser Zeit handeln. Michail Gorbatschow ist nur einer von ihnen, und er vertrat auch nur eine ihrer bedeutungsvollen Persönlichkeiten. Andrej Sacharow, Boris Jelzin, Eduard Schewardnadse und Aleksandr Jakowlew und Vytautas Landsbergis wären neben anderen zu nennen. […]


Die Politik der Nichtpolitik oder die Substituierung der Politik durch Ethik

Gorbatschows Politik, gegründet in seinem kommunistischen Humanismus, seiner allgemeinmenschlichen Neuinterpretation der historischen Mission der Sowjetunion und seiner Erhebung der Ideologie der Gegengesellschaft des Staatssozialismus zur offiziellen Doktrin, mündeten alle gleichermaßen in die Nichtpolitik der Demontage der Macht. Seine Visionen hatten keinen Gehalt in dauerhaften Institutionen. […]

Interessen waren ihm zu Idealen verklärt. Das Gefühl für Macht, der nicht nur der einzelne verlustig gehen kann, sondern deren spezifische Gestalt selbst und mit ihr die ganze ihr verbundene herrschende Gruppe untergehen kann, war abhanden gekommen. Seine Politik war welthistorisch produktiv in der Zerstörung. Sie nahm klägliche Züge an, sobald es um das wirkliche Entstehen einer neuen Gesellschaft und einer neuen Weltordnung ging.

In dieser Hinsicht steht Gorbatschows Politik in der Tradition vieler Reformer in der russischen Geschichte. Ihre Eigentümlichkeit hat der berühmte russische Historiker Kljutschewski sehr genau erfasst, der bezogen auf die Reformen des beginnenden 19. Jahrhunderts unter der Herrschaft Alexander I. durch den Minister Speranski schrieb: »Als er (Speranski) sich an die Erarbeitung eines allgemeinen Planes der staatlichen Reformen machte, blickte er auf unsere Gesellschaft wie auf eine große Schiefertafel, auf die man beliebige Konstruktionen von mathematisch richtigen Staatsformen zeichnen kann ... Als es aber dann darauf ankam, diesen Plan zu verwirklichen, vermochten es weder der Herrscher noch der Minister, ihn auf das Niveau der wirklichen Bedürfnisse und vorhandenen Mittel Russlands zu bringen.« (Kljutschewski, W.O. (1989): Werke in neun Bänden. Bd. 5: Vorlesungen zur russischen Geschichte. Teil V (russ.). Moskwa, S. 200)

Michail Gorbatschow wird als großer Vollstrecker des unvermeidlichen Untergangs des sowjetischen Systems in die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts eingehen. Vor allem auch ihm ist es zuzurechnen, dass dieser Untergang selbst von großen Hoffnungen begleitet war und wie in einer Sternstunde Menschheitserwartungen bündelte.

Gorbatschow ist eine große Persönlichkeit. Und für ihn gilt wohl das historische Gesetz, dass jede der Stärken einer solchen Persönlichkeit zugleich auch eine ihrer großen Schwächen ist. Seinem Setzen auf die Vernunft und seinen Erwartungen, in Aushandlungsprozessen das gemeinsame und allgemeinmenschliche Interesse durchsetzen zu können, fehlte die Kraft, alte durch neue Machtverhältnisse gestaltend zu ersetzen.

Versteht man die Perestroika als Versuch des Übergangs zu einem demokratischen Sozialismus und einer friedlichen Weltgesellschaft, dann ist sie bitter gescheitert. Absicht der Gruppe um Michail Gorbatschow und Resultat des historischen Prozesses fallen in eklatanter Weise auseinander. Für diesen Versuch gab es weder eine breite Unterstützung der Nomenklatura noch der Bevölkerung. Und jeder praktische Schritt der Demokratisierung untergrub die Machtbasis, von der aus die Politik des demokratischen Sozialismus formuliert wurde.

Misst man die Perestroika daran, ob es den herrschenden Gruppierungen gelungen ist, innerhalb des Wandlungsprozesses die eigene Herrschaft durch Veränderung ihrer Machtgrundlagen zu erhalten, so ist das Ergebnis sehr zwiespältig und noch keineswegs endgültig. Die Nationalisierung der Macht durch die Auflösung der Sowjetunion, die partielle Konvertierung von politischer in wirtschaftliche Macht, die Konvertierung vom Kommunisten zum Demokraten, Nationalisten oder/und Anhänger einer autoritären Herrschaft boten neue Chancen. Die Schocktherapie und die Instabilität der Macht haben teilweise konkurrierenden Kräften die Möglichkeit gegeben, sich zu entfalten.

Begreift man die Perestroika vor allem als sowjetische Form der Selbstaufhebung des Staatssozialismus im Ergebnis eines mehr als siebzigjährigen Evolutionszyklus, dann ist sie – wenn auch mit größten Verlusten – erfolgreich gewesen. Der Reproduktionszyklus des sowjetischen Staatssozialismus wurde unumkehrbar durchbrochen. Es gibt kein einheitliches Maß für die Frage, ob und inwiefern Gorbatschow als Politiker gescheitert ist.

Praktisch war Michail Gorbatschow einer der Repräsentanten der herrschenden Elite eines niedergehenden Weltreichs, die sich durch ihren Umbau, durch die eigene Perestroika und die Perestroika ihrer Machtgrundlage zu erhalten suchten. Aus der Erfahrung zunehmender Schwäche, aus dem Bewusstsein absehbarer Unterlegenheit, aus der Einsicht in die Unmöglichkeit des einfachen Weiterso erwuchsen die Fähigkeit zum argumentativen Dialog, die Appellation an die gemeinsame Vernunft, die Bereitschaft zum risikoreichen Wandel.

Aber der Wandel der UdSSR wurde als Mittel des Erhalts des westlichen Status quo missbraucht, eine Öffnung gegenüber vielen der globalen Probleme blieb aus, die Stimmen der Schwachen dieser Welt verhallen wieder ungehört in den Korridoren der Macht. Die angestrebte Entmilitarisierung der sowjetischen Gesellschaft und der Welt droht sich angesichts der Zerstörung des inneren staatlichen Gewaltmonopols und des Mangels an positiven Integrationsmöglichkeiten der Bürger einerseits und angesichts des Zerbrechens der globalen Stabilität der Nachkriegszeit und des Mangels an Entwicklungsmöglichkeiten für viele Völker der Dritten und Zweiten Welt andererseits in den offenen oder latenten Bürgerkrieg und Weltbürgerkrieg zu verwandeln.

Am Ende war Gorbatschows Fähigkeit zur Demontage größer als die zur Gestaltung. Machtabgabe ging letztlich vor Machtumgestaltung. Im ethischen Diskurs über die Menschheitsinteressen und die allgemeinen Werte ertrank die nüchterne machtpolitische Analyse. Der Dialog verwandelte sich innen- wie außenpolitisch immer mehr in Verhandlungen über die bedingungslose Kapitulation.

Selbst der fast völlige Verzicht auf Gewalt und die Berufung auf den Ethos des Allgemeininteresses wird deshalb zu einem Symptom der Schwäche und des Niedergangs. […] Die Ära Gorbatschow war unwiederbringlich vergangen. Der sowjetische Sozialismus ist mit humanistischem Gesicht und mit einem für Russland vorher nicht erreichten Maße an politischer und geistiger Freiheit untergegangen. Dieses unblutige, von großen Hoffnungen geprägte Ende des Bolschewismus war seine späte Ehrenrettung. Das hat er vor allem auch Michail Gorbatschow zu verdanken.

Und außerdem bleibt der große Versuch, das Schicksal einer Großmacht mit einem epochalen Schritt hin zur Lösung der globalen Probleme zu verbinden und damit zu einer anderen Zivilisation vorzustoßen. Jenen, die sich allein schon dem Gedanken an einen solchen Versuch entziehen, mag das Scheitern Gorbatschows als ein weiterer Beweis für ein einfaches »Weiter so« gelten. Alle anderen können daraus die Lehre von den unsagbaren Mühen der Verbindung von Vernunft und Macht ziehen und von sich sagen: »On the road again.«

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