New York in den 1960er Jahren: In der 8. Straße werden die Sonntagsausgaben der New York Times gestapelt (Ullsteinbild/dpa)

»26. Dezember, 1967 | Dienstag

Weihnachten ist vorbei, und die New York Times hält schon wieder 68 Seiten für nötig, uns Kauf­möglichkeiten sowie auch die Welt darzustellen: Die Luftwaffe bombardiert von neuem im Norden Viet Nams. Feuer auf einem norwegischen Frachter im Hafen. Der Freistaat Bayern versteht sich als Brückenkopf gegenüber Osteuropa. Peking schweigt sich aus über seine Atomexplosion. Bürgermeister Lindsay bereut Fehler, gelobt Besserung und verfügt in seinem Hausbüro übrigens über eine versteckte Fernsehkamera, mit der er sich auf sechs new yorker Kanäle bringen kann. Nun wissen wir es; wer weiß wozu.

Einmal wird Marie über mich auch sagen: Meine Mutter war eine Leserin der New York Times; nicht als Indiskretion, als Kennzeichnung doch. So wird sie mich vergleichen mit Cresspahl in London, der aus dem Daily Herald die Labour Party hören wollte, mit Lisbeth Cresspahl, die nicht versehentlich den Manchester Guardian aus der Stadt mitbrachte, die in Meck­lenburg ganz zufrieden war, daß es da nur noch den Lübecker General-Anzeiger zu abonnieren gab und nicht den Volksboten, sozial­demokratisch, verboten, ausgeräubert. (…)«

Uwe Johnson, Jahrestage


Uwe Johnson hat in den »Jahrestagen« die ­tiefen ­sozialen und politischen Umbrüche zwischen dem 21. August 1967 und dem 20. August 1968 ­beschrieben und den Bogen weit über die zeitlichen und natio­nalen Horizonte hinaus gespannt. Auch seinen Bezug auf die Träger der Übermittlung von guten wie schlechten Nachrichten halten wir heute noch für bedenkenswert.

50 Jahre später sehen wir eine erneute Zäsur mit möglicherweise noch weiterreichenden Umbrüchen. Wir wollen uns dieser Herausforderung stellen, ihre Hintergründe aufhellen und für progressive ­Alternativen werben.

Als Verlag und Zeitschrift geht das nur gemeinsam mit Autor*innen und Unterstützer*innen. Für die Zusammenarbeit bedanken wir uns an der Wende zum Neuen Jahr ganz herzlich.

Joachim Bischoff, Richard Detje, Marion Fisch, Julia Koppke, Christoph Lieber, Bernhard Müller, Björn Radke, Katrin Reimann, Bernhard Sander, Klaus Schneider, Gerd Siebecke, Johannes Tesfai

VSA: Verlag | Redaktion Sozialismus | WISSENTransfer

Hamburg, im Dezember 2017

Quelle: https://www.sozialismus.de/kommentare_analysen/neujahrsgruss/