Der Krieg und die Linken

4.3.2024 | Frankfurt a.M. | 19:00 Uhr
Kleine Hochstr. 5
Der Ukraine-Krieg hat die gesellschaftliche Linke tief gespalten. Inzwischen hat der neue Krieg im Nahen Osten weitere Spaltungslinien hervorgerufen, z.T. quer zu jenen beim Ukraine-Krieg. Was sind die zentralen  Kontroversen? Welche Argumentationsmuster stehen dahinter? Gibt es gemeinsame Perspektiven für die Nachkriegszeit? Peter Wahl stellt sein neues Buch vor und beantwortet diese Fragen.

Felix Jaitner
RUSSLAND: Ende einer Weltmacht
Vom autoritär-bürokratischen Staatssozialismus mit Ressourcenextraktivismus und Kriegswirtschaft in die Zukunft?
296 Seiten | Hardcover | EUR 29.80
ISBN 978-3-96488-190-8

Hajo Funke
Die Höcke-AfD
Eine rechtsextreme Partei in der Zerreißprobe
136 Seiten | EUR 10.00
ISBN 978-3-96488-093-2

Frank Deppe
Zeitenwenden?
Der »neue« und der »alte« Kalte Krieg
176 Seiten | EUR 14.80
ISBN 978-3-96488-197-7

Peter Wahl
Der Krieg und die Linken
Bellizistische Narrative, Kriegsschuld-Debatten und Kompromiss-Frieden
Eine Flugschrift
100 Seiten | Euro 10.00
ISBN 978-3-96488-203-5

Jörn Schütrumpf
Deutsche mit Anstand
Der »Bund Neues Vaterland« wird »Deutsche Liga für Menschenrechte«
Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxenburg-Stiftung
176 Seiten | EUR 14.80
ISBN 978-3-96488-185-4

Heiner Dribbusch
STREIK
Arbeitskämpfe und Streikende in Deutschland seit 2000 – Daten, Ereignisse, Analysen
376 Seiten | Hardcover | EUR 29.80
ISBN 978-3-96488-121-2

13. Dezember 2011 Christian Werthschulte: Die Ursachen der englischen Riots

Der Aufstand der Abgehängten

Die Riots im August 2011 sind eine Reaktion auf Armut und Polizeigewalt. Das ist das Ergebnis einer umfangreichen Studie, für die der Guardian gemeinsam mit der London School of Economics (LSE) 270 TeilnehmerInnen der Riots interviewt hat. In der letzten Woche wurden die Ergebnisse mit einer Artikel-Serie im Guardian präsentiert.

Die Studie ist die erste Gelegenheit für die TeilnehmerInnen der Ausschreitungen, ihre Sicht auf die Ereignisse darzulegen. Während der Unruhen dominierten die Stimmen von Politikern sowie nicht weiter legitimierten »community leaders« die Berichterstattung. Flankiert wurde dies von einer Reihe von Kommentaren, die wie z.B. Slavoj Žižek die Riots für redundante Wiederholungen der eigenen Position nutzten. Nach dem Ende der Riots wurden vereinzelte Interviews (z.B. in der BBC-Sendung Newsnight) veröffentlicht. Die Bildsprache, die den Kontrast zwischen einem seriös anmutenden BBC-Reporter und den vermummten Interviewten betonte, trug allerdings wenig dazu bei, die Teilnehmenden außerhalb ihrer Rolle als »Rioter« darzustellen.

270 TeilnehmerInnen an den Unruhen wurden befragt, nur 13 von ihnen sind für ihre Teilnahme verurteilt worden. Die Studie ergänzt die Daten, die bereits kurz nach den Unruhen anhand von Gerichtsakten verfügbar waren. An den grundsätzlichen Erkenntnissen ändert das nur wenig.

Die TeilnehmerInnen sind jung – knapp dreiviertel der Beteiligten waren unter 24, ein Viertel jünger als 18 Jahre, nur eine winzige Minderheit über 40. Sie sind überwiegend männlich (der Frauenanteil der Befragten beträgt 21%) und die Mehrheit von ihnen besitzt einen niedrigen bzw. gar keinen (15%) Bildungsabschluss. 59% derjenigen Befragten, die nicht mehr in Ausbildung waren, waren arbeitslos. 50% der Befragten bezeichnen sich als »Black«, 5% als »Asian« und 18% als »mixed race«. Hier existiert jedoch ein regionaler Unterschied. In Manchester und Salford nannte sich eine Mehrheit der Interviewten »weiß«. Die Mehrheit der Befragten lehnt denn auch eine Interpretation der Unruhen als »race riots«, als Konflikt zwischen Gruppen mit unterschiedlichem »ethnischem Hintergrund«, überwiegend ab.

Im Vordergrund der Beurteilung steht die Polizeigewalt. 85% der Befragten beantworten die Frage nach den Ursachen der Ausschreitungen mit »policing« und beschreiben die fünf Tage als kathartisch. Ein 21-jähriger Londoner sagt: »Wir hatten die Polizei unter Kontrolle… Sie sind vor uns davongelaufen, nicht wir vor ihnen. Diesmal waren sie die Kriminellen, wir haben die Regeln durchgesetzt. Wir haben sie [die Polizei, C.W.] aus der Stadt getrieben, weil sie eh nichts Sinnvolles für irgendjemanden getan hat.«

Die Polizei wird von den Befragten überwiegend als rassistisch wahrgenommen. Muslimische Befragte berichten von einem Klima der permanenten Einschüchterung und des Terrorverdachts: »Das begann schon in meiner Kindheit, es begann mit den Twin Towers«, beschreibt ein 19-Jähriger aus dem Londoner Süden seine Erfahrungen. Sie sind exemplarisch, nicht nur für Muslime.

Die Praxis des »Stop and Search«, bei der ohne Haftbefehl eine Festnahme und Körperuntersuchung durchgeführt werden kann, ist für das weitgehende Misstrauen gegenüber der Polizei verantwortlich. 73% der Befragten wurden in den 12 Monaten vor den Interviews von der Polizei untersucht. Laut einer Studie der LSE aus dem Herbst 2010 passiert dies bei dunkelhäutigen Jugendlichen im Vereinigten Königreich 26mal häufiger als bei weißen, bei asiatischen Jugendlichen immerhin noch 6,5mal häufiger.

In afro-britischen und afro-karibischen Communities scheint sich das Misstrauen gegenüber der Polizei als Reaktion über die Generationen hinweg verfestigt zu haben. Ein 25-jähriger Student berichtet davon, wie er schon als Kind vor der Polizei gewarnt wurde, indem er Geschichten über die Tottenham Riots von 1985 erzählt bekam. Auch bei den Interviews zeigte sich immer wieder, dass die Befragten nicht nur selbst erfahrene Polizeigewalt als Grund für ihre Antipathie gegenüber der Polizei anführten.

Sie berichteten auch von Freunden, von Verwandten oder von Prominenten wie dem Reggae-MC Smiley Culture, der im März 2011 bei einem Polizeieinsatz umgekommen ist. Auch der Tod von Mark Duggan, dem 29-jährigen Familienvater aus Tottenham, der von der Polizei kurz vor den Ausschreitungen erschossen wurde, wird immer wieder als ein Beispiel für grassierende Polizeigewalt genannt.

Auch wenn die Wut gegenüber der Polizei vielleicht der Auslöser für die Ausschreitungen war, erklärt sie die Ereignisse nur unvollständig. Die Riots waren in erster Linie ein Aufstand der Abgehängten. Nur 52% der Teilnehmer betrachten sich als Teil der britischen Gesellschaft: »Deine Stimme wird einfach nicht gehört. Sie interessieren sich einfach nicht für dich, weil du arm bist«, berichtet ein 21-Jähriger aus Salford (Greater Manchester).

Der zentrale Ausschlussmechanismus ist die Armut, die immerhin 86% der Befragten als Grund für die Ausschreitungen angaben. 51% aller während der Ausschreitungen verübten Verbrechen richteten sich gegen Geschäfte. Interessanter als die Zahlen sind aber die Rechtfertigungen der Befragten. Die Taten werden mit einer Kritik an großen Firmen gerechtfertigt, die »die Welt sowieso vergewaltigen«, so ein 19-jähriger Teilnehmer aus Battersea, Süd-London.

In den Plünderungen der »ungeheuren Ansammlung an Waren« zeigt sich die Ambivalenz der Ereignisse. In den Beschreibungen tauchen immer wieder die gleichen Namen auf: Foot Locker, PC World, Mobiltelefonketten, JD Sports. Trotz der kritischen Rhetorik berichten Teilnehmer von einer Euphorie, die sich während der Plünderungen einstellte, selbst wenn ihnen klar war, dass sie die gestohlene Ware unmöglich transportieren oder weiterverkaufen konnten. Teilweise wird von einem »Gefühl von Gemeinschaft« gesprochen, das sich während der Plünderungen eingestellt habe.

In vielen Fällen äußern sich die Befragten jedoch kritisch gegenüber ihren eigenen Diebstählen oder den Diebstählen Dritter, selbst wenn sie eine antikapitalistische Rhetorik an den Tag legen. Es ist schwierig, hier zu einem einheitlichen Bild über die Plünderungen zu gelangen, auch weil die Interviewten nur mit Alter und Wohnort zitiert werden. Gleichwohl widerlegen die Interviews die Aussage des britischen Premierministers David Cameron, dass es sich bei den Ausschreitungen um »reine Kriminalität« handele, die ihre Ursprünge in »zerrütteten Elternhäusern« gehabt habe. Die überwiegende Mehrheit der Interviewten gibt an, dass ihre Eltern ihre Teilnahme an den Riots nicht gebilligt hätten.

Letztendlich demonstrieren die Ergebnisse der Studie die Ahnungslosigkeit der politischen Klasse gegenüber den Ursachen der Riots. Passenderweise hat die Politik auf die Veröffentlichung der Studie auch kaum reagiert. Weder David Cameron noch der Labour-Vorsitzende Ed Miliband, der direkt nach den Riots die Einsetzung einer unabhängigen Kommission gefordert hatte, äußerten sich bisher zu den Ergebnissen.

Die Regierung hat ihre Linie nach der Veröffentlichung der Studie jedoch ein wenig geändert. Mittlerweile soll eine »verfehlte Arbeitsethik« für die Ausschreitungen verantwortlich sein. Am 9. Dezember machte Arbeits- und Rentenminister Iain Duncan Smith eine »Celebrity-Kultur«, die über Castingshows wie X-Factor sowie Fußballstars schnellen und anstrengungslosen Wohlstand propagiere, für die Plünderungen verantwortlich.

Damit scheint ein neuer Sündenbock gefunden zu sein. Während der Riots machte die Regierung noch soziale Netzwerke für die Plünderungen verantwortlich, Premier David Cameron drohte gar mit einer Abschaltung von Twitter. Auch hier zeigt sich eine eklatante Fehleinschätzung. Facebook spielte für den Verlauf der Ereignisse keine große Rolle, während sich über Twitter zwar Informationen über mögliche Sammelpunkte oder auch Gerüchte über besonders schockierende Ereignisse schnell verbreiteten, aber ebenso schnell widerlegt wurden (der Guardian hat dies in einigen Visualisierungen dargestellt).

In der Nutzung sozialer Netzwerke zeigt sich jedoch auch ein Klassenunterschied. Twitter diente in erster Linie dazu, Angehörige der Mittelklasse für Aufräumaktionen zu mobilisieren. Die Teilnehmer an den Riots nutzten jedoch den kostenlosen Blackberry Messenger (BBM) auf den gleichnamigen Smartphones. Für monatlich 5 Pfund kann man mit einem Blackberry ins Internet, weshalb er besonders bei Jugendlichen populär ist. Über BBM wurden Nachrichten mit Treffpunkten verschickt, das Netzwerk ist nicht-öffentlich und damit für die Polizei nicht ohne Weiteres einsehbar. Die wichtigste Informationsquelle war nach Angaben der Interviewten jedoch die Berichterstattung in Radio und TV. »Das Fernsehen ist dämlich«, erzählt ein 16-Jähriger aus Clapham Junction (Süd-London). »Wenn diese Medienleute sagen ›Da ist ein Riot in Clapham Junction‹, dann ist das eigentlich Werbung: ›Jugendliche, kommt nach Clapham Junction und tut, was ihr tun müsst.‹«

Trotz der beeindruckenden Menge an ausgewerteten Daten (270 Interviews und 2,6 Mio. Tweets) sollte man die Ergebnisse nicht unkritisch hinnehmen. Zum einen ist es immer noch schwierig abzuschätzen, wie repräsentativ die Untersuchung ist. Die große Mehrheit der Rioters ist weiterhin anonym, die Stichprobe enthält also noch viele unbekannte Faktoren. Zum anderen wäre es naiv anzunehmen, dass die in allen Medien geführten Debatten über die Riots keine Auswirkungen auf die Interviews gehabt hätten. Die Antworten der Interviewten ähneln teilweise im Wortlaut den Kommentaren, die schon zu Beginn der Riots Armut und Polizeigewalt für die Ausschreitungen verantwortlich gemacht haben.

Gleichzeitig lässt sich an dieser Stelle jedoch eine Verengung der Debatte beobachten. Fragen nach ökonomischer Steuerung, politischer Repräsentation oder Stadtplanung werden von den Interviewten selbst nicht artikuliert. Zuletzt verzerrt die Gewichtung der einzelnen Faktoren durch den Guardian die Ergebnisse. Am vergangenen Montag machte die Zeitung mit »Rioters say anger with police fuelled summer unrest« auf der Titelseite auf und widmete einen Großteil ihrer Berichterstattung der Polizeigewalt und Maßnahmen zur Entschärfung dieses Konflikts.

Dass seine eigene Untersuchung der Armut einen höheren Stellenwert einräumt, spielte auch in den folgenden Tagen beim Guardian eine eher untergeordnete Rolle, während die Berichterstattung über soziale Medien die Stärken des hauseigenen Datenjournalismus als Alleinstellungsmerkmal des Guardian demonstrierte. Ein Blick in die endgültige Veröffentlichung der LSE kann man sich also nicht ersparen. Im Frühjahr wird zudem ein zweiter Teil der Studie mit Interviews mit der Polizei, Vertretern der Communities etc. veröffentlicht werden.

Christian Werthschulte lebt in Köln und arbeitet in Bochum. An beiden Orten schreibt er für Zeitungen, Magazine und den Doktortitel über Pop, British Cultural Studies und Kanadische Literatur. Die bisherigen Ergebnisse der in diesem Beitrag behandelten Studie sind hier abrufbar.

Zurück