10. März 2026 Erhard Korn: Differenz zwischen Erst- und Zweitstimmen für Die Linke
Anmerkungen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg
In einem nicht auf Inhalte, sondern auf drei Spitzenkandidaten ausgerichteten Wahlkampf konnte Cem Özdemir sich (mit 30,2%) trotz Verlusten knapp vor Manuel Hagel von der CDU (29,7%) durchsetzen und in den letzten Wochen einen Rückstand von etwa 14% aufholen.
Özdemir koppelte sich nicht nur von den Bundesgrünen ab, sondern auch von seiner Landespartei und profilierte sich als Nachfolger des eher konservativen Landesvaters Kretschmann. Beide Fraktionen haben nun gleich viele Abgeordnete und eine bequeme Zweidrittelmehrheit für die erwartete Koalition.
Alarmierend erscheint der Niedergang der SPD, die nur knapp die 5%-Hürde überwinden konnte und ihr eh schon sehr bescheidenes Ergebnis von 2011 auf 5,5% halbierte. Der Landesvorsitzende Stoch trat umgehend zurück, die Jusos fordern einen völligen Neubeginn.
Das Partei-Establishment fordert, eine »Politik für Arbeitnehmer statt für Sozialhilfeempfänger« zu machen, um so Stimmen von der AfD zurückzuholen. Dies ist, man muss daran erinnern, schon bei den Hartz-IV-Reformen gründlich gescheitert, die ja arbeitslose Arbeitnehmer*innen zu Sozialhilfeempfänger*innen machten.
In der früheren SPD-Hochburg Mannheim eroberte die AfD sogar ein Direktmandat. Sie präsentiert sich als neue Arbeiterpartei und tauchte mit ihrer Vorsitzenden Alice Weidel und dem Spitzenkandidaten Frohnmaier sogar vor den Werkstoren von Daimler auf. Auch bei Menschen mit Migrationshintergrund will die AfD punkten – so wurden in Ludwigsburg Kandidaten mit griechischem und griechisch-türkischem Migrationshintergrund gewählt, die sich als harte arbeitende Aufsteiger darstellten, denen man die »Wohltaten für Geflüchtete« nicht geschenkt hatte.
Die AfD trat konservativ bis zur Selbstverharmlosung auf und konnte in erheblichem Umfang Wähler*innen der CDU gewinnen, die wiederum vom Niedergang der FDP profitierte. Angesichts der Krise in der Automobilindustrie inszenierte sie sich vor allem als Anti-Umweltschutz-Partei, als Auto-Lobby und Gegnerin von Verbrenner-Aus und Heizungsgesetz und konnte ihren Stimmenanteil verdoppeln.
An den großen Automobilstandorten wie Rastatt und Neckarsulm schnitt die Rechte überdurchschnittlich ab. Mit 36% ist sie inzwischen bei den Arbeitern die weitaus stärkste Partei, während die SPD auf 4% absackte und auch die Linke nur 4% dieser Wähler*innengruppe erreichte. Ein Blick auf die Bildungsabschlüsse zeigt, dass die AfD vor allem von Menschen mit »niedrigem« Bildungsniveau, Grüne mit 39% und die Linke mit 6% aber von Wähler*innen mit hohem Bildungsniveau bevorzugt werden.
Die Linke
Schaut man auf das Alter der Wählerschaft, so erscheint die CDU als Partei Ü60 – hier wird sie trotz ihrer rentenpolitischen Konzepte von fast der Hälfte der Menschen gewählt. Die Linke dagegen als junge Partei, die mit 14% bei der Altersgruppe von 16 bis 24 Jahren und 9% bei 25 bis 34 Jahren durchaus als Partei mit Zukunft erscheint, aber bei älteren Wähler*innen (2% Ü60) sehr schlecht abschnitt. Angesichts der quantitativen Verteilung der Altersgruppen reichen Erfolge bei den Jüngeren offenbar nicht aus.
Ähnliches gilt für die regionale Verteilung. Spitzenergebnisse von 13% in Freiburg II oder von 8-10% in Heidelberg, Tübingen, Stuttgart I, Karlsruhe und Mannheim reichten nicht aus, um Ergebnisse um und unter 3% im Schwarzwald, Hohenlohe und Oberschwaben auszugleichen. Ihr Wahlergebnis belegt ein kontinuierliches aber langsames Wachstum, die Zugewinne aus der Bundestagswahl konnten aber nicht gebunden werden.
Wähler*innenwanderung
Während die FDP in ihrem »Stammland« Stimmen an die CDU (plus 5,5%) verlor und so den Einzug in den Landtag verfehlte, verlor die SPD in erheblichem Umfang Stimmen an Özdemir und die Grünen. Dies liegt sicher auch am auf einen Zweikampf ausgerichteten Wahlkampf und zeigt sich an der Verteilung von Erst- und Zweitstimmen. Bei den für die Sitzverteilung maßgeblichen Zweitstimmen schnitt die SPD durchweg schlechter ab als bei den Erststimmen.
Dies gilt noch mehr für Die Linke. Hier war die taktische Verteilung der Stimmen zu Gunsten von Özdemir ausschlaggebend dafür, dass die Partei mit 4,4% den Einzug in den Landtag verfehlte. Bei den Zweitstimmen lag Die Linke meist 2 Prozentpunkte, teilweise gar um fast die Hälfte unter den Erststimme für die meist jungen und wenig bekannten Kandidat*innen, während die Grünen bei den Zweitstimmen besser abschnitten.
Offenbar gibt es ein linkes Wählerpotenzial, das bei dieser Landtagswahl taktisch Grün wählte, um einen Ministerpräsidenten Hagel zu verhindern, der nicht nur einen sehr spießbürgerlichen Eindruck machte, sondern gesellschaftspolitisch eher konservativ zu verorten ist. Özdemir als Arbeiterkind stellte sich nicht nur als Landesvater, sondern auch als stabile Brandmauer gegen die erstarkende AfD dar. Noch mehr präsentierten sich die Kandidat*innen der Grünen als entscheidende Kraft, »der AfD etwas entgegenzusetzen«, feministisch und vielfältig.
Die gestärkte AfD wird als Oppositionspartei versuchen, die CDU noch weiter nach rechts zu drücken. Özdemir wird sicher keinen so lammfrommen Koalitionspartner bekommen wie Kretschmann.
Für Die Linke wird es in den nächsten fünf Jahren darauf ankommen, sich in der Fläche zu verankern und kommunal- und landespolitisches Profil zu entwickeln, vor allem aber darauf, eine antifaschistische Profilierung sozial – noch besser sozialistisch – auch durch eigene wirtschaftspolitische Konzepte zu fundieren.
Erhard Korn ist stellvertretender Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg.


