31. August 2026 Redaktion Sozialismus.de Trump eskaliert den Zollstreit mit Kanada

Der Ontariosee soll ab sofort »Lake America« heißen

Foto: Screenshot Tagesschau

Erneut setzt US-Präsident Donald Trump das Mittel der Landkarte zu Provokationen ein (bereits im Januar 2025 hatte er per Dekret den Golf von Mexiko per Dekret in »Gulf of America« umgetauft). Er unterschrieb eine präsidiale Verordnung, dass der Ontariosee an der Grenze zwischen Kanada und den USA künftig »Lake America« heißen solle, damit würde der kleinste und östlichste von fünf großen Seen im Mittleren Westen diese noch »großartiger« machen.

Allerdings verläuft mitten durch den Ontariosee die Landesgrenze zwischen den USA und Kanada, wobei 53% des Gewässers zum kanadischen Hoheitsgebiet gehören. Das Weiße Haus begründete die Umbenennung damit, dass die tiefsten Stellen des Sees auf der amerikanischen Seite lägen und damit auch der größere Teil des Wassers amerikanisch sei.

Kanadas Premierminister Mark Carney hat die von Trump verkündete Umbenennung des Lake Ontario zurückgewiesen. Seine Landsleute würden das Gewässer an der Grenze beider Länder für immer beim bisherigen Namen nennen, denn dieser gehe viel weiter zurück als die Gründung Kanadas und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Er geht zurück auf den indigenen Stamm der Huronen zurück und bedeutet »See der glitzernden Wasser«. Die kanadische Provinz Ontario benannte sich bei ihrer Gründung 1867 danach.

Trump verhehlte nicht, dass die von ihm vorgenommene Umbenennung auch eine Strafaktion gegen Kanada im jüngsten Zollstreit ist: »Wenn mich die Leute fragen, welches Land sich beim Handel am schwierigsten aufführt, dann sage ich: Das ist einfach, Kanada!«

Hintergrund ist also der Handelskonflikt beider Länder (siehe hierzu den Beitrag Trumps Zollstreit mit Kanada). Seit dem Scheitern der Handelsgespräche ist der Streit zwischen den Nachbarländern eskaliert. Die USA verhängten Zölle von 50% auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Mrd. US-Dollar. Als Reaktion hat Kanada mit Gegenzöllen reagiert. In der Folge bezeichnete Trump Kanada als den »schlechtesten Handelspartner überhaupt«.

Die Größenordnung der Gegenzölle hat der kanadische Finanzminister François-Philippe Champagne wie folgt beziffert: »Mit Wirkung vom 8. September wird Kanada Gegenzölle von bis zu 15, 25 oder 50% auf Importe aus den Vereinigten Staaten von Amerika im Wert von 27,6 Mrd. US-Dollar erheben.« Die Gegenmaßnahmen würden insbesondere auf Produkte aus den Bereichen Stahl und Aluminium, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Ausrüstung, Zellstoff und Papier sowie Elektronik angewendet.

Das Verhalten Kanadas dürfte Trump nicht nur verärgert, sondern auch überrascht haben. Denn Kanada ist wirtschaftlich viel stärker von den USA abhängig als umgekehrt. 2024 gingen etwa 14% aller amerikanischen Exporte nach Kanada, während die Importe aus Kanada 13% ausmachten. Kanada hingegen führte rund 70% seiner Exportprodukte in die USA aus und bezog rund die Hälfte seiner Importe aus dem südlichen Nachbarland.

»Obwohl die USA wirtschaftlich am längeren Hebel sind, hat Kanada den Vorteil der politischen Einigkeit«, kommentiert Jacob Hensen, der bei der konservativen Denkfabrik American Action Forum in Washington für Handelspolitik zuständig ist. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung unterstützen den Kurs Carneys. In den USA hingegen lehnen in Umfragen rund 60% der Bevölkerung den Handelskonflikt mit Kanada ab.

Im Gegensatz zu Carney leidet Trump derzeit unter einem Popularitätstief. Wegen der steigenden Lebenshaltungskosten und des unbeliebten Iran-Kriegs steht er politisch unter Druck. »Dieses politische Element könnte die Ausgangslage ausgleichen und die Trump-Administration zwingen, ihre Strategie zu überprüfen.«

Darauf zielt  die Strategie der kanadischen Regierung. »Wir wählen Produkte aus, die gewisse Gliedstaaten in den USA anvisieren», sagte die kanadische Industrieministerin Mélanie Joly. »Wir gehen strategisch vor, um politischen Druck auszuüben.« Die Zölle zielen auf die industriell geprägten Gliedstaaten im Mittleren Westen wie Michigan, Indiana oder Ohio.

Diese Staaten sind wirtschaftlich eng mit Kanada verflochten. Michigan verkauft ein Drittel seiner Exporte ins Nachbarland, und die Lieferketten der Autoindustrie bauen auf dem freien Warenverkehr zwischen Kanada und den USA auf. »Die Autoteile und Fahrzeuge überqueren die Landesgrenze oft mehrmals, weshalb sie nun von den Zöllen sogar mehrmals belastet zu werden drohen«, sagte John Damoose, ein republikanischer Senator im Regionalparlament Michigans, gegenüber der BBC.

In Michigan finden Anfang November heftig umkämpfte Senatswahlen statt. Und in Ohio muss der republikanische Amtsinhaber John Husted um seine Wiederwahl bangen. Für die Demokraten, die bei den Zwischenwahlen eine knappe Mehrheit im Senat in Washington zu erringen hoffen, kommt der Handelsstreit mit Kanada daher wie gerufen. Der demokratische Senatskandidat Abdul El-Sayed erklärte, Trump lasse den Handelskonflikt mit Kanada aus purer Eitelkeit eskalieren, was jede Familie in Michigan Tausende von US-Dollar pro Jahr kosten werde.

Die von Kanada ebenfalls erhobenen Zölle auf Milchprodukte insgesamt und speziell auf Cheddar-Käse setzen die Landwirtschaft in Wisconsin unter Druck. In diesem Swing State wird im November zwar kein Senatssitz neu besetzt, doch nehmen die Demokraten hier wichtige Sitze fürs Abgeordnetenhaus ins Visier.

Auch mit Zöllen auf Fischprodukte zielte Kanada ursprünglich auf die an grenzenden Gliedstaaten Maine und Alaska, wo die Republikaner ebenfalls je einen gefährdeten Senatssitz verteidigen müssen. Der Verkauf und die Verarbeitung von Hummer aus Maine oder Lachs aus Alaska sind ganz auf das grenzüberschreitende Geschäft ausgerichtet. Nach dem Protest von kanadischen Fischern nahm die Regierung allerdings die angekündigten Zölle wieder zurück.

In Maine zeigte sich die republikanische Senatorin Susan Collins, deren Wiederwahl im November gefährdet ist, erfreut über die kanadische Kehrtwende. Gleichzeitig markierte sie offen Distanz zu Trump. Denn die Gegenzölle Kanadas drohen auch andere Exportprodukte aus Maine wie Holz, Papier oder Heidelbeeren zu belasten. »Neue Zölle gegen Kanada sind ein Fehler.«.

Solch offene Kritik an Trump aus den Reihen der Republikaner bleibt jedoch die große Ausnahme. Der Präsident selber scheint sich derweil nicht primär um die Zwischenwahlen zu sorgen. Als er den Ontariosee in »Lake America« umbenannte, bewegte er sich gedanklich in ganz anderen Dimensionen. »Wir haben nun einen Golf und einen See, nun brauchen wir nur noch einen Ozean«, sinnierte er. Vielleicht werde er jetzt über einen neuen Namen für den Atlantik oder den Pazifik nachdenken – oder gleich für beide.

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