29. März 2026 Redaktion Sozialismus.de: Eskalation und Deeskalation im Iran-Krieg
Der US-Präsident steckt politisch fest
Als Donald Trump ins Weiße Haus einzog, versprach er, die Lebenshaltungskosten zu senken. Doch seit er im Amt ist, bewegt er sich konsequent in die Gegenrichtung. Zuerst hat er den Handelspartnern der USA hohe Zölle auferlegt. Dann hat er in einer rohstoffreichen Region einen Krieg ohne erkennbare Exit-Strategie entfacht. Beides bewirkt dasselbe: Sie erhöhen die Lebenshaltungskosten.
Vor vier Wochen begann der US-israelische Krieg gegen Iran – und laut US-Präsident Trump sollte es sich nur um einen kurzen Einsatz handeln. Doch ein Ende ist noch immer nicht absehbar. Vier Wochen später gehen die Angriffe auf die Golfstaaten weiter. Der Krieg in Nahost verschärft die ohnehin angespannte Lage der Weltwirtschaft. Innerhalb weniger Wochen ist der Erdölpreis um rund 40% gestiegen, die Internationale Energieagentur (IEA) warnt vor einer Rohstoffkrise historischen Ausmaßes. Immer deutlicher zeigt sich, dass die Störung der Öl- und Gasversorgung durch die Blockade der Straße von Hormus die Inflation vielerorts antreibt und zugleich das Wachstum bremst.[1]
Die Sperre der Meerenge, durch die normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Erdöl- und Erdgasangebots transportiert wird, ist nicht der einzige Grund für den alarmierenden Konjunkturausblick. Hinzu kommen erhebliche Schäden an der Energieinfrastruktur in der gesamten Golfregion. Nach Schätzung der IEA wurden mindestens 40 Anlagen in neun Ländern beschädigt. In Katar dürfte die Produktion im weltgrößten Werk für Flüssigerdgas (LNG), das durch einen iranischen Angriff beschossen wurde, erst in drei bis fünf Jahren wieder das Vorkriegsniveau erreichen.
Daraus ergibt sich, dass selbst nach einem Ende der Gefechte die Preise für Erdöl, Erdgas und daraus gewonnene Produkte wie Diesel, Kerosin oder die für Düngemittel nur langsam wieder sinken werden. Erschwerend wirkt der träge Schiffsverkehr: Tanker müssen am richtigen Ort verfügbar sein, einen Platz zum Beladen finden und anschließend einen Reise von mehreren Wochen antreten, um ihr Ziel zu erreichen. Das alles hat weitreichende Folgen für sämtliche Industriezweige und letztlich Privathaushalte.
Zwischen Eskalation und Deeskalation: Ausweitung des Kampfgebietes?
US-Präsident Trump verstärkt den US- Kriegsapparat gegen den Iran. Es sollen Tausende zusätzliche US-Soldaten in den Nahen Osten verlagert werden. Nach übereinstimmenden Berichten werden unter anderem Kräfte der 82. Luftlandedivision in die Region verlegt, hinzu kommen Marineeinheiten und weitere Verstärkungen. Außenminister Marco Rubio betonte zwar, die USA könnten ihre Ziele auch ohne Bodentruppen erreichen, doch gerade der Aufmarsch befeuert Spekulationen über weitreichendere Optionen der US-Regierung.
Selbst wenn Washington keinen Bodenkrieg plant, könnte Teheran versuchen, eine begrenzte US-Operation in einen zermürbenden Konflikt hineinzuziehen. Iran dürfte kaum in der Lage sein, einen massiven amerikanischen Vorstoß konventionell zurückzuschlagen – naheliegender wäre deshalb eine Strategie, die auf Abnutzung, Nadelstiche und politische Ermüdung setzen.
Recherchen der Financial Times deuten darauf hin, dass die deutlichen Schwankungen am Ölmarkt in den vergangenen Wochen mit Äußerungen von Trump zum weiteren Kriegsverlauf zusammenhängen. Ein Energiehändler verwies auf ein Muster: Immer dann, wenn die US-Ölpreise sich 95 bis 100 US-Dollar pro Barrel näherten, intensivierte sich die deeskalierende Rhetorik der Regierung und die Marktspekulationen über mögliche staatliche Eingriffe im Ölmarkt wurden lauter. So wie Anfang dieser Woche: Die Kehrtwende von Trump hatte zum Wochenstart die Ölpreise um bis zu 14% einbrechen lassen, nachdem dieser erklärt hatte, das Verteidigungsministerium angewiesen zu haben, Angriffe auf iranische Kraftwerke und die Energieinfrastruktur für fünf Tage auszusetzen. Inzwischen hat er das Ultimatum noch einmal verlängert, zuvor hatte die Androhung solcher Angriffe die Ölpreise deutlich steigen lassen.
»Benzin über vier Dollar ist ein politischer Killer«: Trumps Popularität schwindet
Dieses Muster – bei hohen Preisen Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende machen – unterstreicht die zentrale Bedeutung der Ölmärkte: »Es ist klar, dass Trump Angst vor hohen Preisen an der Zapfsäule hat. Benzin über vier Dollar ist ein politischer Killer«, sagte ein Öl-Analyst gegenüber der Financial Times.
Trotzdem gibt es auch immer wieder Drohungen von Trump, denn »auf der anderen Seite steht sein Ego. Er darf nicht als Verlierer angesehen werden.« So schwankt der Konflikt ständig zwischen weiterer Eskalation und Deeskalation. Während hohe Preise Trump vor allem an Handelstagen zu versöhnlichen Worten veranlassen, wird die Rhetorik am Wochenende, wenn die Märkte geschlossen sind, mit Drohungen gefüllt.
Die Auswirkungen des Krieges sind für die US-Verbraucher*innen so oder so spürbar – und das kommt für den Trump zur Unzeit, denn in diesem Jahr stehen die Midterms in den USA an. Und die Zustimmungswerte für den US-Präsident sind zuletzt auf den niedrigsten Stand seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus gefallen. Am Wochenende demonstrierten im ganzen Land nach den Veranstaltern des dritten »No Kings«-Aktionstag in allen 50 Bundesstaates der USA mehr als acht Millionen Menschen gegen die Politik des US-Präsidenten. Eine der größten Demonstrationen war die in St. Paul im Bundesstaat Minnesota mit zahlreichen prominenten Gästen.
Mit verantwortlich für den wachsenden Protest dürften die gestiegenen Energiepreise sein, auch wenn Trump immer wieder versucht, die Auswirkungen abzufedern. So hat er zum Beispiel den »Jones Act« aussetzen lassen, nach dem Güter, die zwischen US-Häfen transportiert werden, auf Schiffen unter US-Flagge befördert werden müssen Das Gesetz aus den 1920er-Jahren, das den amerikanischen Schiffbausektor schützen sollte, wird häufig dafür verantwortlich gemacht, dass Benzin teurer wird.
Der Ölpreis ist seit Beginn des Iran-Kriegs zum Gradmesser für die Inflations- und Konjunktursorgen geworden. Bis zu 120 US-Dollar kostete ein Fass der Nordseeöl-Sorte Brent zwischenzeitlich. Vor Kriegsbeginn hatte der Preis noch unter 70 US-Dollar pro Barrel gelegen. Auf die Preissteigerungen folgten in den vergangenen Wochen auch immer wieder sinkende Preise – zum Teil drückten Hoffnungen auf eine Waffenruhe den Ölpreis zwischenzeitlich auf unter die 100-US-Dollar-Grenze. Anschließend stiegen sie dann wieder, Brent und das US-Öl WTI verteuerten sich in der Spitze um jeweils 2,4% auf 104,75 beziehungsweise 92,47 US-Dollar je Fass.
Krieg belastet die Weltwirtschaft, auch die deutsche Ökonomie
Doch geholfen hat das bisher nicht, die Energiepreise bleiben auch in den USA hoch – und dürften dieses Jahr auch das Wirtschaftswachstum dort abschwächen. Laut der Prognose der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) dürfte das Wirtschaftswachstum in den USA in diesem Jahr bei 2,0% liegen, im kommenden Jahr dann bei 1,7%.
Und der Iran-Krieg könnte der OECD zufolge auf die gesamte Weltkonjunktur durchschlagen. Der Stopp der Lieferungen durch die Straße von Hormus und die Schließung oder Beschädigung von Energieinfrastruktur haben bereits einen sprunghaften Anstieg der Energiepreise ausgelöst. Entsprechend werde sich das globale Wirtschaftswachstum voraussichtlich auf 2,9% im laufenden Jahr abschwächen, nachdem es 2025 noch bei 3,3% gelegen hatte. Im kommenden Jahr soll es bei 3,0% liegen. Der sich zuspitzende Konflikt stelle die Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft auf die Probe, betonte die OECD.
Spürbar sind die Folgen des Krieges und der gestiegenen Ölpreise längst auch in Deutschland: Die deutsche Wirtschaft wird laut der aktuellen OECD-Prognose in diesem Jahr nur um 0,8% zulegen und damit um 0,2 Prozentpunkte weniger, als noch im vorherigen Wirtschaftsausblick im Dezember prognostiziert. Auch die Inflation dürfte laut OECD in diesem und nächsten Jahr in Deutschland höher ausfallen als zuletzt erwartet.
Gestiegene Preise belasten längst die Verbraucher*innen in Deutschland – wie in den USA spüren sie die Folgen des Krieges vor allem an den Tankstellen. Mehr als zwei Euro pro Liter ist für Diesel und Benzin längst normal. Knapp vier Wochen nach Beginn des Iran-Kriegs hat der Bundestag deshalb ein Maßnahmenpaket beschlossen. Künftig dürfen Tankstellen nur noch einmal am Tag, um 12.00 Uhr, die Preise erhöhen, Preissenkungen sollen immer möglich sein. Die neue Regel könnte vor Ostern in Kraft treten. Außerdem bekommt das Bundeskartellamt mehr Befugnisse gegen überhöhte Preise. Wie effektiv das sein wird, bleibt abzuwarten.
Die Bemühungen um eine Beendigung des Iran-Kriegs werden intensiver – doch eine Einigung auf eine Waffenruhe ist vorerst nicht in Sicht. Die US-Regierung hat der Führung in Teheran einen 15 Punkte umfassenden Plan für ein Kriegsende unterbreitet. Der Iran lehnt den US-Vorschlag, der von Pakistan übermittelt wurde, jedoch ab.
Die meisten Punkte des US-Plans adressieren das umstrittene iranische Atomprogramm. Die USA fordern dem Vernehmen nach u.a. die Zerstörung wichtiger Atomanlagen, einen Stopp der Urananreicherung und der Herstellung ballistischer Raketen. Zudem solle der Iran seinen Bestand an bereits angereichertem Uran abgeben – und damit Befürchtungen entkräften, die Ajatollahs in Teheran könnten eines Tages Atomwaffen in ihre Hände bekommen.
Zudem geht es darum, wie künftig der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus geregelt wird. Ein Vorschlag ist demnach eine gemeinsame maritime Einsatzgruppe durch die USA, den Iran, Pakistan und einige Golfstaaten. Ein Regierungswechsel im Iran werde in dem US-Plan nicht gefordert,
Eine schnelle Einigung auf eine Waffenruhe scheint eher unrealistisch. Der Iran warnte die USA unterdessen vor einem möglichen Einsatz von Bodentruppen. »Wir beobachten alle Bewegungen der USA in der Region genau, insbesondere Truppenverlegungen.« Stellt »unsere Entschlossenheit, unser Land zu verteidigen, nicht auf die Probe«. Steve Witkoff, der US-Sondergesandte, erwartet noch diese Woche Verhandlungen mit dem Iran über eine Beendigung des Krieges. Im US-Bundesstaat Florida erklärte er, dass man dabei auch auf eine Antwort des Irans zu einem vorgelegten 15-Punkte-Plan der USA hoffe.
Inzwischen haben auch die von Iran unterstützten Huthi-Milizen im Jemen, die schon von 2023 bis 2025 während der Offensive Israels im Gazastreifen Drohnen und Raketen auf vorbeifahrende Frachtschiffe im Roten Mee abgefeuert haben, mit einer Rakete Israel angegriffen. Und haben zugleich angedroht, dies insgesamt wieder aufzunehmen. Damit könnte mit dem Suez-Kanal eine weitere wichtige Schiffsroute für den Welthandel blockiert werden und der angeschlagenen Weltwirtschaft weiteren Schaden hinzufügen.
Anmerkung
[1] Siehe ausführlicher auch den Beitrag von Joachim Bischoff und Friedrich Steinfeld im April-Heft von Sozialismus.de: »Vom Energiekollaps zur Wirtschaftskrise. Trumps Ultimaten an die Führung des Iran und die ›Erschwinglichkeitskrise‹«.


