21. September 2026 Redaktion Sozialismus.de: Die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern
Rot-Rot + Grün-ist möglich – trotz AfD-Wahlerfolg
Aus der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD als stärkste Partei hervorgegangen. Sie kam auf einen Stimmenanteil von 38,2% und konnte ihr Ergebnis gegenüber der letzten Wahl mehr als verdoppeln (+21,5%) Die SPD mit der Ministerpräsidentin Manuela Schwesig erreichte nach einer bemerkenswerten Aufholjagd 35,5% der Wähler*innen (-4,1% gegenüber 2021).
Die Bevölkerung von Mecklenburg-Vorpommern sah sich mit einer Richtungswahl konfrontiert und erlebte den polarisiertesten Wahlkampf ihrer Geschichte. Das führte zu einer sehr hohen Wahlbeteiligung von 78,1%. Das sind 7,3% mehr als 2021, als die Landtagswahl mit der Bundestagswahl zusammenfiel. Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt hatte Manuela Schwesig ein neues Wahlplakat vorgestellt: »Die Frau gegen blau«. Damit knüpfte die SPD-Politikerin an eine Strategie an, mit der es in der Vergangenheit etablierten Länderchefs gelungen war, sich gegen die AfD durchzusetzen.
Die Linke (-3,4%) und die Grünen (-0,6%) haben bei der polarisierten Wahl Stimmen verloren, werden aber wahrscheinlich einer rot-rot-grünen Koalition in Mecklenburg-Vorpommern angehören. Die CDU wurde deutlich abgestraft und ist mit 4,9% nicht mehr im Landtag vertreten – ein für die CDU bisher einmaliges Ergebnis bei einer Landtagswahl. Das BSW erreichte 4,8% und ist anders als in Sachsen-Anhalt nicht im Schweriner Landtag vertreten.
Bei der Frage, welche Probleme die künftige Landesregierung am dringendsten lösen müsse, stand das Thema Kosten/Preise/Löhne an erster Stelle, gefolgt von Schule/Bildung und Wirtschaft. Die Sorge vor steigender Arbeitslosigkeit rangiert dahinter. Verbesserungen erhoffen sich die Menschen auch bei der medizinischen Versorgung, der Alterssicherung und der Bekämpfung sozialer Ungerechtigkeit. Vor allem SPD und AfD wird zugetraut, diese Probleme zu lösen.
Wenn man die Ministerpräsidentin oder den Ministerpräsidenten in Mecklenburg-Vorpommern hätte direkt wählen können, hätten sich im Duell der Spitzenkandidaten von SPD und AfD sechs von zehn Wahlberechtigten (61%) für die Manuela Schwesig entscheiden und 30% für den Herausforderer Leif-Erik Holm von der AfD. Zudem war eine Mehrheit der Befragten (58%) mit der Arbeit von Schwesig sehr zufrieden bzw. zufrieden. AfD-Spitzenkandidat Holm kam auf 27% Zufriedenheit und 37% Unzufriedenheit. Auch in der Frage, welche Partei die nächste Landesregierung anführen sollte, lag die SPD deutlich mit 55% vor, jeder Dritte (32%) präferierte die AfD.
Mit Blick auf die Regierungsbildung nach der Wahl haben alle Parteien eine Koalition mit der AfD ausgeschlossen. So ist angesichts des Wahlergebnisses erstmals in diesem Bundesland ein Dreierbündnis aus SPD, Linkspartei und Grünen die einzig denkbare Variante, um eine Landesregierung mit einer Mehrheit im Parlament bilden zu können. Eine solche Koalition könnte mit 39 von 71 Sitzen regieren.
Die AfD betonte im Wahlkampf immer wieder, die vermeintlich einzige politische Erneuerungskraft zu sein. Sie wollte in Mecklenburg-Vorpommern als »Ultima Ratio« einen landesweiten Aufnahmestopp für Asylsuchende verhängen, den Ausbau der Windkraft stoppen, den NDR-Staatsvertrag kündigen und die Nord Stream-Gaspipelines wieder in Betrieb nehmen.
Dem radikalen Veränderungsversprechen der AfD setzte die SPD die Vermittlung von Stabilität und Kontinuität entgegen und verwies unter anderem auf den Erhalt von Arbeitsplätzen, der kostenfreien Kita und einer offenen Gesellschaft. In ihrer Bilanz musste die scheidende rot-rote Landesregierung jedoch eingestehen, dass zwischen 2020 und 2025 rund 7,5% der Industriearbeitsplätze im Land verloren gegangen sind oder dass finanzschwache Kommunen ernsthafte Schwierigkeiten haben, das Prestigeprojekt der kostenfreien Kita zu finanzieren.
Schmale industrielle Basis
Mecklenburg-Vorpommern ist kein klassisches Industrieland. Trotz der attraktiven Ostseeküste mit den renommierten Seebädern und der Nähe zum Ballungsraum Berlin spielt nicht der Dienstleistungssektor mit dem Tourismus die größte Rolle, sondern die verarbeitende Nahrungs- und Futtermittelwirtschaft und der Maschinenbau. Hier arbeiten 15.900 bzw. 6.600 Menschen (insgesamt arbeiten 60.000 Menschen in Betrieben mit mehr als 20 Beschäftigten). Es gibt rund 2.000 Betriebe der maritimen Wirtschaft (Schiffbau, Schiffsreparatur, Zulieferindustrie, Hafenwirtschaft sowie die Offshore- und Meerestechnik), in denen fast ebenso 38.000 Menschen Arbeit finden. Diese industriellen Kerne bilden das dynamische Rückgrat im kleinen Bundesland im Nordosten.
Die Strategie der letzten Landesregierungen, auf die industriellen Kerne zu setzten, ging gleichwohl nicht auf. Sie haben die Landflucht und den sogenannten demografischen Wandel infolge der schwindenden Beschäftigungsperspektiven und Verdienstmöglichkeiten gerade für die Qualifizierteren nicht stoppen können. Die Bevölkerungszahl sank von etwa zwei Millionen (1990) auf zuletzt 1,5 Mio.
Heftige Kritik an der Bundesregierung
Im Wahlkampf konnten weder die SPD noch die CDU auf Rückenwind aus Berlin hoffen. Ähnlich wie in Sachsen-Anhalt stand die Bundesregierung stark in der Kritik, insbesondere wenn es um hohe Lebenshaltungskosten oder die geplante Rentenreform geht. Manuela Schwesig hatte gegen den Kompromiss der Rentenkommission, insbesondere die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren noch vor dem Einspruch von drei CDU-Ministerpräsidenten Einwände formuliert und Änderungswünsche angemeldet. Insbesondere setzte sie im Endspurt der politischen Auseinandersetzungen zentral auf die Bezahlbarkeit des Alltagslebens.
Gleichwohl war die Schlussphase ihres Wahlkampfes gegen die AfD gerichtet, die nicht gut für das Land sei. Diese knüpfte an verbreitete Unmutsstimmungen der Menschen an und ist im Wahlkampf auf insbesondere auf die ostdeutsche Identität eingegangen. Gleichwohl hat die Partei keine praktisch wirksame Konzeption zur Aufhebung der Sorgen der von ihnen adressierten Bürger*innen.
Das Aufstiegsversprechen nach der Wende ist verlorengegangen
Wer nach den Ursachen forscht, stößt auf die Bewertung der Kompetenzen. Wenn die Inflation das Einkommen auffrisst, die Rente im Alter nicht mehr auszureichen droht, die Pflege künftig unbezahlbar scheint – und parallel die Wirtschaft stagniert, das Realeinkommen schwindet und die Teilhabe in den krisengeplagten Unternehmen leidet, dann hat das klassische Aufstiegsversprechen seine Überzeugung eingebüßt. Umfragen im Vorfeld der Wahlen hatten dies auch für Mecklenburg-Vorpommern bestätigt: Jeder vierte Erwerbstätige (25%) äußerte aktuelle Ängste in Bezug auf seinen Arbeitsplatz. Mehr als jeder zweite Wahlberechtigte war in Sorge, seinen Lebensstandard künftig nicht halten zu können (54%) bzw. im Alter mit Geldproblemen konfrontiert zu sein (55%).
Folgen der »Reform«debatte
Die anhaltende aktuelle Debatte über Maßnahmen zur »Reform« des Sozialstaats hat bei vielen Menschen in Deutschland Sorgen um ihre finanzielle Absicherung ausgelöst. Solche Sorgen beeinflussen über die unmittelbare Bewertung der eigenen wirtschaftlichen Situation hinaus auch das Verhältnis der Menschen zu Staat und Politik. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, in welchem Zusammenhang die Sorgen um die finanzielle Absicherung mit der Zufriedenheit mit der Bundesregierung sowie dem Vertrauen in die Bundesregierung stehen.
Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern haben darauf eine klare Antwort gegeben: Sie machen die Politik der schwarz-roten Bundesregierung für die Verunsicherung in ihren Lebensverhältnissen verantwortlich. Ein Ergebnis ist das Verschwinden der CDU aus dem Landtag im Schweriner Schloss. Die einzige Botschaft, die Bundeskanzler Friedrich Merz kurz nach der Schließung der Wahllokale unmittelbar nach den ersten Prognosen für Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zu verkünden hatte, lautete: Weiter so, es sei unverzichtbar an dem »Reform«kurs der Bundesregierung festzuhalten. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, dass sich mit diesem Kurs die Distanz großer Teile der Bevölkerung zu CDU und Sozialdemokratie weiter vergrößern dürfte.
Manuela Schwesig steht vor der schwierigen Aufgabe, mit einer rot-rot-grünen Koalition in der Landespolitik Akzente für mehr wirtschaftlichen Aufschwung und soziale Sicherheit zu setzen und gleichzeitig auf Bundesebene vor allem auf die SPD einzuwirken, Korrekturen am bisherigen Kurs vorzunehmen. Nur wenn das gelingt, kann der weitere Niedergang der Sozialdemokratie, die ja auch in Berlin drastische Verluste hinnehmen mussten, gestoppt werden.
Eine ausführlichere Wahlauswertung mit mehr Hintergrundmaterial erscheint in der gedruckten Oktober-Ausgabe von Sozialismus.de.


