22. April 2026 Redaktion Sozialismus.de: Ein weiteres Ultimatum erweist sich als Bluff
Trump will den Iran »aushungern«
Die USA halten vorerst an der Waffenruhe fest. Das verkündet Präsident Donald Trump auf Truth Social. Er begründet den Schritt damit, dass die iranische Regierung »ernsthaft gespalten« sei.
Unter anderem Pakistan habe deshalb gebeten, den »Angriff auf Iran so lange auszusetzen, bis deren Führer und Vertreter einen einheitlichen Vorschlag vorlegen« könnten. Trump schreibt weiter, er habe deshalb das »Militär angewiesen, die Blockade fortzusetzen und in jeder anderen Hinsicht bereit und einsatzfähig zu bleiben«. Er werde die Waffenruhe so lange beibehalten, bis Iran einen Vorschlag vorgelegt habe und »Gespräche auf die eine oder andere Weise abgeschlossen« seien.
Die Entscheidung, sich vorerst nicht zu entscheiden, ist offensichtlich das Resultat von Beratungen im Weißen Haus. Dort spielt die Bewertung der ökonomisch-finanzielle Situation eine wichtige Rolle. Laut Trump steht der Iran wegen der fortdauernden Schließung der Straße von Hormus kurz vor dem finanziellen Kollaps: »Der Iran bricht finanziell zusammen!«, die Islamische Republik hungere »nach Geld«.
Dem US-Präsidenten zufolge wolle Teheran eigentlich, dass die strategisch wichtige Meerenge »sofort geöffnet wird«. Die Islamische Republik habe allerdings erklärt, die Straße von Hormus weiter zu blockieren, weil sie damit »ihr Gesicht wahren« könne. Das Land verliert Trumps Angaben zufolge täglich 500 Mio. US-Dollar, »Militär und Polizei beklagen, dass sie kein Gehalt erhalten.«
Der iranische Landwirtschaftsminister Gholamresa Nuri stellte die Situation dagegen anders dar: »Trotz der US-Seeblockade haben wir keine Probleme mit der Versorgung mit Grundgütern und Nahrungsmitteln«, erklärte er der staatlichen Nachrichtenagentur Irna. Aufgrund der Größe des Irans seien »Importe über verschiedene Grenzen möglich«. Zudem würden »etwa 85% der landwirtschaftlichen Produkte und Grundgüter« im Inland produziert.
Hormus-Sperre als Hebel gegen Sanktionen, Trump zeigt sich unbeeindruckt
Iran nutzt die Sperrung der Straße von Hormus nach eigenen Angaben gezielt als politisches Druckmittel gegen internationale Sanktionen. Wie der Erste Vizepräsident Mohammed-Resa Aref sagte, sei man durch die Verwaltung der Meerenge in der Lage, allen wirtschaftlichen Strafmaßnahmen standzuhalten. Das Ende des Krieges mit den USA und Israel unterstelle ein Ende der Sanktionen.
Der US-Präsident lässt sich damit nicht unter Druck setzen, Iran gehe seit Jahren so vor, »damit können sie uns nicht erpressen«, sagte er vor Journalist*innen im Weißen Haus. Beide Seiten verhandelten weiterhin verhandelten, »wir führen derzeit sehr gute Gespräche«, bis zum Ende des Tages könnte es einige neue Erkenntnisse geben.
Hinter der Einschätzung eines in Kürze bevorstehenden Bankrotts der iranischen Republik stehen offenkundig Analysen des US-Finanzministers Scott Bessent. Die anhaltende Blockade des iranischen Seehandels beeinträchtigt nach seiner Auffassung Irans Wirtschaftskraft schwer. Im Blick hat er die Insel Charg im Persischen Golf, die als logistisches Rückgrat für die Exportwirtschaft des Landes gilt. Die dortigen Lager für den Ölhandel würden in wenigen Tagen voll sein, weshalb die Ölfelder stillgelegt werden müssten, schrieb Bessent auf der Plattform X: »Die Beschränkung des iranischen Seehandels zielt direkt auf die wichtigsten Einnahmequellen des Regimes ab.«
Iran hatte die Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen verläuft, nach den Angriffen der USA und Israels Ende Februar de facto gesperrt. Nach einer zwischenzeitlichen Öffnung für einen Tag wurde sie am Wochenende wieder geschlossen. Die US-Marine blockiert ihrerseits iranische Häfen. Beides hatte zu einem sprunghaften Anstieg der Energiepreise geführt.
Die in der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag auslaufende Waffenruhe hat der US-Präsident einseitig verlängert. Das Ultimatum an die iranische Führung war einmal mehr letztlich ein Bluff, es setzte Trump selbst stärker unter Druck als seinen Gegner. Er hat einen Krieg angezettelt, der der US-Wirtschaft und der gesamten Welt hohe Kosten aufbürdet und selbst in Amerika unpopulär ist. Noch nie in ihrer kurzen Geschichte war insbesondere die MAGA-Bewegung des Präsidenten so offen zerstritten. Das könnte für die Republikaner ein ernsthaftes Problem bei den Kongresswahlen im November werden.
Dass die iranische Führung trotz ihrer Schwächung die geplanten Verhandlungen in Pakistan erst einmal platzen ließ, ist nicht nur eine öffentliche Brüskierung der USA, sondern auch ein Zeichen, dass sie sich immer noch stark genug fühlt, um vor allem beim Atomprogramm unnachgiebig zu bleiben.
Regimewechsel in Iran unwahrscheinlich, zugleich wächst der Druck auf Trump
Die große Frage ist, wer den längeren Atem hat: der »America First«-Präsident, der die Auswirkungen des Krieges auf sein Land minimieren muss, oder das iranische Regime, das durch die fortwährende US-Blockade unter noch stärkeren wirtschaftlichen Druck gerät als bisher schon? Der Ausgang ist fürs Erste offen. Ein Regimewechsel im Iran erscheint derzeit unwahrscheinlich, und völlig entwaffnet ist das Land ja auch nicht. Trump, der in der Außenpolitik alles anders machen wollte, ist nun in einem asymmetrischen Konflikt gefangen, der Amerikas militärische Macht relativiert.
Ob Trump den Showdown gegen die Revolutionswächter gewinnt, hängt weniger von den Exporteinnahmen ab, sondern von der Heimatfront. Seine Wähler*innen zeigen derzeit wenig Verständnis für hohe Benzinpreise und teure Hypotheken. Das dürfte auch den iranischen Machthabern bekannt sein, weshalb sie nicht auf Trump selbst zielen, sondern auf seine potenziellen Wähler*innen an der Tankstelle. Irans Führung glaubt deshalb, den Wirtschaftskrieg länger durchstehen zu können.
Einen Zwischenerfolg haben sie mit ihrer Blockade erreicht: Die Amerikaner*innen glauben, dass »das Leben« teurer wird. Der Krieg hat nicht nur das Benzin verteuert, sondern auch die Kosten für Hypotheken, weil der Waffengang die langfristigen Zinsen seit Anfang März spürbar nach oben gedrückt hat. Für eine in den USA übliche 30-jährige Hypothek muss man wieder 6,3% statt unter 6% zahlen. Der Effekt ist auf dem Immobilienmarkt bereits spürbar: Im März wurden gemäß dem nationalen Maklerverband 3,6% weniger Häuser verkauft als im Februar.
Etwas länger dauert es, bis die stark gestiegenen Kosten für Dünger und Diesel auf die Lebensmittelpreise durchschlagen. Trumps Problem ist jedoch, dass die Toleranz der Leute klein ist, da die Teuerung aus Amerikas Läden nie ganz verschwunden ist. Seit seinem Amtsantritt sind manche Grundnahrungsmittel wie Eier zwar deutlich günstiger geworden, dafür Tomaten, Hackfleisch oder Orangensaft teurer.
Trump kommt noch zugute, dass sich der amerikanische Aktienmarkt seit Kriegsbeginn erholt hat: Der Leitindex S&P500 hat am Mittwoch gar erstmals die Schwelle von 7.000 Punkten übertroffen. Analysten prognostizieren, dass die amerikanischen Unternehmen in der bevorstehenden Berichtssaison wieder Rekordgewinne präsentieren, und die Anleger lassen sich gern vom Geschehen im Nahen Osten ablenken.
Gesamtwirtschaftlich können die USA die Kriegsfolgen noch abfedern, auch weil die Lage bis im Februar stabil war. Das Land produziert viel Erdöl und ist der größte Exporteur von verflüssigtem Erdgas; zumindest der Gaspreis ist in den USA weiterhin sehr tief. Allerdings sind die seit langer Zeit bestehenden Wirtschaftsprobleme des Landes nicht gelöst: eine überbordende Staatsverschuldung, ein großes Wohlstandsgefälle und damit einhergehend eine sehr geringe Sparquote eines Großteils der Bevölkerung. Viele Amerikaner*innen müssen daher Abstriche beim Lebensstandard machen.
Schlechte Konsumentenstimmung in den USA
Ob die USA im Wirtschaftskrieg gegen Iran durchhalten, hängt maßgeblich auch von der Stimmung im Land ab. Diese ist derzeit gedrückt, das Barometer der Konsumentenstimmung der Universität Michigan ist im April auf 47,6 Punkte gefallen. Das ist der schlechteste Wert seit Messbeginn vor 74 Jahren. Die Amerikaner*innen beurteilen sowohl ihre aktuelle als auch ihre erwartete Lage äußerst negativ. Sie glauben, dass die Preise auch über das nächste Jahr hinweg um 4,8% steigen werden.
Über die nächsten fünf Jahre rechnen sie noch mit 3,4%. Das wird zum Problem für das Fed, das die Inflation auf 2% beschränken möchte. In der Führung der amerikanischen Zentralbank werden deshalb, wie die kürzlich publizierten Gesprächsprotokolle der März-Sitzung zeigen, die Stimmen lauter, die wieder über eine Leitzinserhöhung nachdenken. Das würde das Wirtschaftswachstum schwächen und die Stimmung weiter drücken.
Die Leidensbereitschaft der meisten Amerikaner*innen ist auch deshalb klein, weil sie den Sinn des Waffengangs nicht erkennen. Rund 60% lehnen den Krieg ab; nebst eingefleischten Trump-Gegner*innen also auch eine Mehrheit der Wechselwähler*innen.


