24. August 2026 Redaktion Sozialismus.de: Wirtschaftsverbände warnen vor Handelskrieg
Trumps Zollstreit mit Kanada
Donald Trump liebt nach eigenen Aussagen Zölle. Solche in Höhe von 50% gegen Waren aus Kanada sollen erneut nun helfen, die negative Handelsbilanz der USA zu sanieren.
Die Handelsgespräche zwischen den USA und Kanada waren am vergangenen Freitag gescheitert. Laut New York Times sind von den neuen Zöllen etwa Hockeyschläger, Möbel und Milchprodukte betroffen, insgesamt Waren im Wert von rund 20 Mrd. US-Dollar (insgesamt importierten die USA im Jahr 2025 Waren im Wert von 383 Mrd. US-Dollar aus Kanada). Das tangiert zwar nur 5,5% der kanadischen Exporte in die USA. Doch erstmals haben die USA auch Waren ins Visier genommen, die unter das nordamerikanische Freihandelsabkommen »United States–Mexico–Canada Agreement« (USMCA) fallen wie Wein und Zement. Expert*innen warnen bereits vor einem gefährlichen Teufelskreis, der am Ende vor allem Unternehmen und Verbraucher*innen treffen werde.
Der kanadische Premierminister Mark Carney sieht sein Land in einem Handelskrieg. »Man befindet sich im Krieg, wenn man angegriffen wird. Wir wurden angegriffen.« Sein Land werde auf die neuen Zölle mit Gegenmaßnahmen reagieren. Zum 8. September sollen Zölle in gleicher Höhe auf US-Produkte wie Stahl, Milchprodukte und Haushaltsgeräte erhoben werden. Carney betonte auf einer Pressekonferenz, die Maßnahmen seien eine gezielte Reaktion, um kanadische Unternehmen, Landwirte, Arbeiter und Familien zu schützen.
Der kanadische Premier betonte, die USA hätten in letzter Minute noch unannehmbare Änderungen gefordert. Diese hätten u.a. bedeutet, dass Kanadas Möglichkeiten zum Abschluss von Handelsabkommen mit anderen Ländern eingeschränkt worden wären. Doug Ford, der Regierungschef der wirtschaftlich stärksten Provinz Ontario, begrüßte, dass Carney sich nicht auf die »schlechte Vereinbarung« mit den USA eingelassen habe. Führende Vertreter aus der Industrie hätten das Angebot der USA abgelehnt, sagte er dem Sender CBC. »Präsident Trump ist die Art von Mensch, der dir am ersten Tag dein Pausengeld klauen wird, am zweiten Tag klaut er dir die Mütze vom Kopf, und am dritten Tag klaut er deine Laufschuhe.«
US-Präsident Trump hat erbost auf die von Kanada angekündigte Vergeltungszölle reagiert. »Kanada will die Vorteile eines Bundesstaates haben, ohne einer zu sein«, schrieb er am Sonntag auf seinem Onlinedienst Truth Social. Wiederholt hatte er zuvor gefordert, Kanada zum 51. US-Bundesstaat zu machen. »Sie haben auch unseren großartigen Farmern viele Jahre lang massive Zölle auferlegt«, damit sei es nun vorbei.
Nach der Eskalation im Zollstreit warnen Wirtschaftsverbände in beiden Ländern vor den Folgen und dringen auf eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. Neue Zölle könnten die Kosten für US-Unternehmen und Verbraucher erhöhen, wichtige Lieferketten stören und die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern belasten, erklärte Joshua Bolten, der Vorsitzende der US-Managervereinigung Business Roundtable.
Insgesamt reagierte die Organisation mit einer eindringlichen Warnung: »Business Roundtable begrüßt den Fokus der Trump-Regierung auf die Beseitigung von Hindernissen für amerikanische Exporteure. Gleichzeitig bergen neue Zölle und Vergeltungsmaßnahmen die Gefahr, die Kosten für amerikanische Unternehmen und Familien zu erhöhen, wichtige Lieferketten zu unterbrechen und die bedeutenden Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada zu belasten.« Der Verband fordert die US-Regierung deswegen auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. »Schädliche Zölle« gehörten abgeschafft. Außerdem soll das USMCA erhalten und gestärkt werden.
Ähnlich äußerte sich der Chef des kanadischen Industrieverbandes Dennis Darby: »Unser Wunsch wäre, dass sie schnell wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren. Ich glaube aber nicht, dass das in absehbarer Zeit passieren wird«, sagte er der Zeitung »Globe and Mail«. Darby ist auch Mitglied des Beratungsgremiums von Premierminister Carney für die Wirtschaftsbeziehungen zu den USA. Besonders problematisch sei die anhaltende Ungewissheit für die Investitionsbereitschaft von Unternehmen, sagte Darby. Wenn das Hin und Her langfristig anhalte, könne dies das Vertrauen der Firmen in ihre Investitionsentscheidungen untergraben. Die Lage sei bereits von Unsicherheit geprägt gewesen und könne nun »noch volatiler« werden
Auch der »Kanadischer Verband unabhängiger Unternehmen« (CFIB) warnt vor schweren Folgen, vor allem für kleinere Unternehmen. 40% aller kleinen kanadischen Exporteure seien durch die neuen US-Zölle direkt betroffen. Beinahe ein Drittel müsse mit Umsatzverlusten von 50% oder mehr rechnen. »Ich möchte die Entscheidung des kanadischen Verhandlungsteams, die Gespräche abzubrechen, nicht infrage stellen, doch die Auswirkungen auf kleine Unternehmen werden unmittelbar und erheblich sein«, warnte CFIB-Präsident Dan Kelly. Auch die angekündigten Gegenzölle würden kleine Unternehmen weiter belasten. Die Organisation pocht ebenfalls auf eine baldige Wiederaufnahme der Verhandlungen, um die Auswirkungen auf Unternehmen abzufedern.
Trumps erklärtes Ziel ist es, mit seinen Zöllen die Interessen der US-amerikanischen Wirtschaft zu schützen. Damit sollen einerseits weitere Steuern eingenommen werden, andererseits soll auch ein Anreiz für Verbraucher*innen entstehen, auf Produkte aus den USA zurückzugreifen. Die Konkurrenz ausländischer Produkte sei in den vergangenen Jahren schlicht zu groß geworden. Außerdem wirft er Ländern vor, mehr in die USA zu verkaufen, als sie von den Vereinigten Staaten importieren. Damit würden die USA ausgenutzt.
Der eskalierende Zollstreit zwischen den USA und Kanada schürt die Sorge vor einem ausgewachsenen Handelskrieg der Nachbarstaaten. »Sollte Ottawa die Zölle nachziehen und Trump darauf mit einer Eskalation reagieren, würden beide Seiten in eine kostspielige und schädliche Spirale aus Vergeltungsmaßnahmen geraten«, schrieb der Leiter des »Center for a New American Security«, Richard Fontaine. Nach US-Angaben sind derzeit keine neuen Gespräche geplant.
Eigentlich hätten die US-Zölle schon am Mittwoch in Kraft treten sollen – Trump gewährte Kanada jedoch drei Tage Aufschub, weil er zuversichtlich war, sich doch noch zu einigen: »Ich glaube, wir haben eine Vereinbarung mit dem Premierminister, und zwar eine gute Vereinbarung für alle.« Nach dem Scheitern der Gespräche warfen sich beide Seiten vor, eine Einigung mit kurzfristigen Forderungen verhindert zu haben.
Nach Aussagen des US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer habe Kanada es abgelehnt, das Abkommen zu den vereinbarten Bedingungen abzuschließen und stattdessen mit neuen Forderungen das in den vergangenen Tagen erzielte Gleichgewicht ins Wanken gebracht.
Die neuen US-Zölle gelten unabhängig davon, ob die kanadischen Waren unter das Freihandelsabkommen USMCA fallen, das die kanadische Wirtschaft bisher vor US-Zöllen geschützt hat. Zwar betreffen die neuen Maßnahmen nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der kanadischen Exporte, sie kommen jedoch zu bestehenden US-Zöllen auf Stahl, Holz und Autos hinzu. Diese hatten die betroffenen Branchen in den vergangenen 18 Monaten schwer getroffen. Dies könnte die zaghafte wirtschaftliche Erholung Kanadas bremsen und künftige Verhandlungen über ein umfassenderes Freihandelsabkommen erschweren.
Kanadas Premierminister Carney war 2025 mit dem Versprechen gewählt worden, sich gegen Trump zu behaupten. Umfragen zufolge lehnt zudem die Mehrheit der Kanadier große Zugeständnisse ab. Insofern hat Carney nun die kanadischen Unterhändler angewiesen, nach Ottawa zurückzukehren. Sie hätten bis zur letzten Minute hart an einem Abkommen gearbeitet, um ein bestmögliches Abkommen für Kanada zu erreichen. Die kurzfristig von den USA vorgeschlagenen Bedingungen seien jedoch unfair und wirtschaftlich nicht tragfähig gewesen. Ziel sei »niemals ein Abkommen um jeden Preis oder unter Einhaltung einer bestimmten Frist« gewesen.
Die Beziehungen zwischen Kanada und den USA haben sich seit Trumps Amtsantritt deutlich verschlechtert. Auslöser sind unter anderem bereits verhängte Zusatzzölle, wiederholte Drohungen des US-Präsidenten gegen Kanada sowie seine mehrfach geäußerte Idee, das Nachbarland zum 51. Bundesstaat der USA zu machen. Als Reaktion auf die US-Zölle entfernten viele kanadische Provinzen etwa Alkohol aus den Vereinigten Staaten aus den Regalen und riefen Verbraucher*innen zum Kauf heimischer Produkte auf.
»Frühere Zollrunden konzentrierten sich stark auf Stahl, Aluminium, Automobile und Holz. Diese Runde weitet den Streit auf kleinere Hersteller, Konsumgütermarken, Einzelhändler und Baustofflieferanten aus«, schreibt Andreas Schotter, Professor für internationale Wirtschaft an der kanadischen Wirtschaftshochschule Ivey. Er geht davon aus, dass die Regelung langfristig den Export der Güter in die USA reduzieren werde.


