12. März 2026 Peter Stahn: Günstige Aussichten für Die Linke in Frankfurt

Vor den Kommunalwahlen in Hessen am 15. März

Das Linken-Team für den Römer

Die Partei Die Linke in Frankfurt am Main ist im Machtvakuum nach dem Ausstieg der FDP aus der Römer-Koalition von einer ausgegrenzten Oppositionsfraktion zu einer faktischen Mehrheitsbeschafferin mit programmatischem Einfluss auf den kürzlich beschlossenen Haushalt 2026 der Stadt aufgestiegen. Ihr Einfluss schlägt sich im zentralen Steuerungsinstrument der Kommune – dem Etat – in deutlich erkennbaren sozialpolitischen Weichenstellungen nieder.

Mit dem Austritt der FDP nach ihrer Weigerung, der Einrichtung eines Crack-Suchthilfezentrums im Frankfurter Bahnhofsviertel zuzustimmen, zerbrach die Vierer-Koalition aus Grünen, SPD, Volt und FDP. Seither regieren die übrigen Koalitionspartner im Stadtparlament ohne eigene Mehrheit. Sie setzten erklärtermaßen auf »wechselnde demokratische Mehrheiten«.

In dieser Konstellation wurde Die Linke aus der Opposition heraus zur Schlüsselfigur eines neu austarierten Blocks, der sich programmatisch eher nach links als zur Mitte orientiert. Dass die FDP den Bruch selbst mit »Mehrheiten außerhalb der Koalition« begründete, markiert bereits jene Verschiebung, von der Die Linke im weiteren Verlauf profitieren konnte.


Haushalt 2026 als Terrain linker Hegemonie

Die Verhandlungen zum Haushalt 2026 brachten die strukturelle Lage auf den Punkt: Grüne, SPD und Volt suchten bewusst die Verständigung mit der Linksfraktion, um einen tragfähigen Etat durch das Parlament zu bringen. Dabei wurde explizit angekündigt, man wolle den Haushalt »gemeinsam« mit deren Fraktion verabschieden, um dem Etat eine sozialere Ausrichtung zu geben.

Die Linke selbst spricht von einem Haushalt »mit linker und sozialerer Handschrift«, der »zehntausende Menschen in Frankfurt entlasten« solle. Dazu gehören unter anderem ein kostenloses Frühstück in Grundschulen und Kitas, Entgeltfreiheit bereits ab dem ersten Krippenjahr, der Ausbau von Sozialwohnungen durch 10.000 zusätzliche Wohnungen bei der ABG (dem Wohnungsbau- und Immobilienkonzern der Stadt) bis 2030 sowie eine monatliche Arbeitsmarktzulage von 200 Euro für viele städtische Beschäftigte.

Die Maßnahmen einer stärkeren arbeits- und sozialpolitischen Schwerpunktsetzung musste selbst die CDU als »unverkennbare Handschrift der Linken« – wenn auch alarmistisch konservativ zugespitzt – anerkennen.


Politischer Einfluss ohne Koalitionsvertrag

Bemerkenswert ist, dass dieser Einfluss ohne formellen Koalitionsvertrag und ohne Regierungsbeteiligung zustande gekommen ist. Die Linke agiert als externe Stütze einer Minderheitsregierung, die für zentrale Entscheidungen – allen voran den Haushalt – auf ihre Zustimmung angewiesen ist, zugleich aber die Option wechselnder Mehrheiten rhetorisch offenhält.

In dieser asymmetrischen Kooperation trägt Die Linke Verantwortung für einen zentralen Akt der Stadtpolitik, ohne sich vollständig in die Logik von Regierungshandeln und Koalitionsdisziplin einbinden zu lassen. Ihr Einfluss spiegelt sich in den Inhalten des Haushalts wider, nicht aber in der formellen Struktur von Ämtern und Ressorts.

Gleichwohl bleibt der neu gewonnene Einfluss in das fiskalische Regime einer hochverschuldeten Großstadt eingebettet, ist linke Sozialpolitik im Korsett der Schuldenlogik. Der Spielraum für eine stärkere umverteilende Politik ist durch Investitionsprogramme, Schuldenregeln und langfristige Verpflichtungen begrenzt. Innerhalb dieses engen Rahmens ist die »linke Handschrift« vor allem als Prioritätenverschiebung im bestehenden Budget zu lesen, nicht als Bruch mit der Logik der Austerität.

Die Linke bewegt sich damit in einem Spannungsfeld: Sie kann zwar sichtbare sozialpolitische Akzente setzen, riskiert aber, dass die angestrebten Maßnahmen nicht als spürbare Entlastung im Alltag »für zehntausende Menschen« ankommen, sondern in einer weiterhin investitions- und schuldengetriebenen Haushaltsstruktur versanden.


Über den Haushalt hinaus und Aussichten für die Kommunalwahlen

Mit dem Haushalt 2026 hat Die Linke bewiesen, dass sie in einer fragmentierten Parteienlandschaft zur gestaltenden Kraft werden kann, ohne Regierungspartei zu sein. Ob sich dieser kurzzeitige Machtgewinn in eine längerfristige hegemoniale Position im linken Spektrum der Stadtpolitik transformieren lässt, hängt davon ab, ob sie aus der Rolle der punktuellen Mehrheitsbeschafferin ein konsistentes Projekt urbaner Sozialpolitik entwickeln kann, das über den Etatzyklus hinausweist.

Im Frankfurter Römer zeigte sich exemplarisch eine Konstellation wie die Partei Einfluss gewinnen konnte, nicht durch Eintritt in eine stabile Mehrheitskoalition, sondern durch ihre Fähigkeit, im Moment der Fraktionierung der Mehrheitskoalition einen sozial gerechteren Haushalt zu legitimieren. Durch ihre sichtbare Prägung des Haushalts verschafft sich die Die Linke inhaltliche Glaubwürdigkeit. Zugleich birgt die Rolle als Mehrheitsbeschafferin immer das Risiko, für unpopuläre Haushaltsrisiken mitverantwortlich gemacht zu werden. Umfragen zur Kommunalwahl am 15. März sehen die Partei allerdings seitdem klar im Plus.

Eine Forsa‑Umfrage im Auftrag der F.A.Z. (siehe auch die Frankfurter Rundschau vom 18.2.2026) sieht Die Linke in Frankfurt bei rund 12% – deutlich über den 7,9% von 2021 und damit stabil als vierte Kraft hinter CDU, SPD und Grünen. Zusammen mit SPD, Grünen und Volt würde ein rechnerisches linkes Bündnis demnach auf eine Mehrheit von gut über 50% kommen, was der Partei eine Schlüsselrolle bei der Regierungsbildung zukommen ließe.

Zumal sie innerhalb der »linken« Parteienlandschaft diejenige Kraft ist, die im Vergleich zur letzten Wahl in Umfragen prozentual am stärksten zugelegt hat, der SPD nur moderate Stimmengewinne prognostiziert werden, während die Grünen deutlich unter ihren früheren Werten bleiben. Das nährt die Erwartung, dass Die Linke im neuen Römer eine stärkere Verhandlungsposition einnehmen könnte.

Kurzfristig sind die Aussichten der Patei Die Linke für die Kommunalwahlen angesichts der steigenden Umfragewerte, einem sichtbaren politischer Erfolg bei den Beschlüssen zum Haushalt und einer mögliche Schlüsselrolle in einer neuen linken Mehrheit ausgesprochen günstig. Ob sich daraus eine dauerhafte Stärkung ergibt, entscheidet sich daran, ob es ihr gelingt, die symbolische Macht des »Haushalts mit linker Handschrift« in erfahrbare Verbesserungen umzusetzen – ohne im Schatten der größeren Koalitionspartner in der Alltagsverwaltung zu verschwinden.

Peter Stahn lebt in Frankfurt am Main und arbeitet mit in der Sozialistischen Studiengruppe (SOST).

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