30. Mai 2026 Redaktion Sozialismus.de: Papst Leos KI-Enzyklika
Warnung vor »neuem Kolonialismus« durch die Tech-Konzerne
Bereits kurz nach seiner Wahl im Mai 2025 hatte Papst Leo XIV. angekündigt, dass er die Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz in den Mittelpunkt der ersten Enzyklika seines Pontifikats stellen werde. Dies hat er nun mit »Magnifica Humanitas« (»Großartige Menschheit«) umgesetzt.
Sie trägt den Untertitel »Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz«. Damit brachte der Papst ein Jahr nach seinem Amtsantritt unmissverständlich zum Ausdruck, wie viel mit der digitalen Revolution gerade auf dem Spiel steht. Unterstrichen hat er das auch dadurch, dass zum ersten Mal das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche persönlich an der Vorstellung einer Enzyklika[1] teilnahm.
Leo XIV. legt sich darin mit den KI-Unternehmen an und empfiehlt: »Perspektive der Opfer einnehmen, gesunden Realismus pflegen und den Multilateralismus wiederbeleben«. Die Frankfurt Allgemeine höhnt, der Papst habe in Romanlänge Binsenweisheiten ausgebreitet: »Bedarf es heute noch eines Papstes, um 1,4 Milliarden Katholiken und ›alle Menschen guten Willens‹, an die sich die Enzyklika ausdrücklich auch richtet, mit einem Schreiben in Romanlänge eine Binsenweisheit einzutrichtern: dass mit KI Risiken und Chancen verbunden sind? Jeder, der moralisch nicht völlig abgestumpft ist, dürfte dem Papst zustimmen, dass nicht einige Tech-Konzerne den Informationsfluss steuern dürfen und kein Algorithmus so viel Macht bekommen darf, etwa darüber zu entscheiden, wer ein Spenderherz bekommen soll.«
Allerdings macht die enorme Resonanz auf die Enzyklika inner- und vor allem außerhalb der katholischen Kirche auch deutlich, dass es einen Unterschied macht, welche gesellschaftspolitischen Positionen ein Papst anspricht und vertritt (das war zuletzt auch bei seinem Vorgängen Franziskus so). Es mag nicht alles neu und nicht originell sein, was ein Papst sagt, aber er verleiht der Aussage durch die Aura seines Amtes und seine moralische Autorität ein anderes Gewicht.
Leo XIV. ergriff in der Synodenaula des Vatikans am Ende der Zeremonie, mit der das Rundschreiben »Magnifica Humanitas« vorgestellt wurde, selbst das Wort: »Die künstliche Intelligenz muss entwaffnet und von den Logiken befreit werden, die sie zu einem Instrument der Herrschaft, der Ausgrenzung und des Todes machen.«. Den Begriff »entwaffnen« habe er bewusst gewählt, um die Gewissen zu wecken, fügte der erste Papst aus den USA hinzu. »Wie die Kernenergie muss auch die künstliche Intelligenz in den Dienst aller und des Gemeinwohls gestellt werden.«
Enzyklika trifft den Nerv der Zeit
Leo XIV. fordert, die KI in den Dienst des Menschen zu stellen – und nicht den Machtinteressen globaler Tech-Konzerne zu überlassen. »Kleine, sehr einflussreiche Gruppen können Informationen und Konsum lenken, demokratische Prozesse konditionieren und die wirtschaftliche Dynamik beeinflussen«, mahnt er. Die künstliche Intelligenz sei »der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist.« Das bedeute nicht, »auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht«.
Bereits im April hatte sich Leo XIV. in der weltweiten Debatte über Krieg und Frieden zu Wort gemeldet, als er aus Anlass seines Aufrufs zu einem weltweiten Friedensgebet eine Ansprache zu diese Thema hielt und klar Positionen bezog. Nach dem ersten Friedensgebet hatte einen Tag danach US-Präsident Donald Trump in Social-Media-Äußerungen den Papst deswegen scharf kritisiert. Die Differenz zu Trump über den Krieg in Iran hatte den bis dahin eher zurückhaltend agierenden Leo XIV. plötzlich sichtbar gemacht. Der Papst formulierte damals den Appell: »Schluss mit der Selbstvergötzung und der Anbetung des Geldes! Schluss mit Machtandrohungen! Schluss mit dem Krieg!« Sein Aufruf war von mehreren US-amerikanischen Bischöfen und Kardinälen in ihren Predigten aufgegriffen worden.
Nun legte Leo sein erstes Lehrschreiben vor, das als programmatische Regierungserklärung eines neuen Pontifex gilt. Die Enzyklika umfasst fünf Kapitel mit 245 Absätzen, ist mit mehr als 100 Seiten sehr umfangreich. Es dürfte von Trump und den mit ihm befreundeten Tech-Milliardären als Provokation aufgefasst werden.
Der Papst fordert von der Politik Richtlinien im Umgang mit der KI. Es sei »unerlässlich, dass der Einsatz von KI – insbesondere, wenn es um öffentliche Güter und Grundrechte geht – von klaren Kriterien und wirksamen Kontrollen begleitet wird«. In diesem Zusammenhang seien »die Staaten und supranationalen Institutionen gefordert, gerechte Regeln und wirksamen Schutz zu gewährleisten.«. Man dürfe nicht zulassen, »dass wenige Akteure die Prozesse allein lenken«. Vielmehr sei es notwendig, Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, um »gemeinsam Verantwortung« zu übernehmen.
Ein bemerkenswerter Aspekt der Vorstellung in Rom war die Beteiligung von Christopher Olah, dem kanadischen Mitbegründer des us-amerikanischen KI-Unternehmens Anthropic. Olah, der sich selbst als Atheist bezeichnet und an der Vorbereitung der Enzyklika mitgewirkt hat, kündigte eine Fortsetzung der Zusammenarbeit zwischen Entwicklern und moralischen Instanzen wie dem Vatikan an. Er bezeichnete den gemeinsamen Austausch als ein eindrucksvolles Beispiel für ein globales Projekt des guten Willens und als einen notwendigen Schritt, um Perspektiven einzunehmen, die den reinen Technikern von innen heraus verborgen blieben. Und er bedankte sich in seinem Redebeitrag beim Papst: »Wir brauchen sachkundige Kritiker, die uns sagen, wenn wir Fehler machen.«
Die Teilnahme von Olah, dessen Unternehmen aus dem Silicon Valley vor kurzem auf einer schwarzen Liste des Pentagons landete, weil es seine KI-Modelle nicht uneingeschränkt für autonome Waffensysteme zur Verfügung stellte, sollte vermutlich signalisieren, dass der Papst aus den USA sich auch weiterhin nicht vor Konflikten scheut.
Auch andere Sachverständige hatte der Vatikan in die Vorbereitung der Enzyklika einbezogen, so die kongolesische Ethikerin Leocadie Lushombo. Sie formulierte in ihrem Redebeitrag bei deren Vorstellung eine deutliche Warnung vor den Schattenseiten der Technologie für den Globalen Süden. KI könne sehr leicht kolonialistisch sein und bestätigte damit die päpstliche Kritik an neuen Formen des Kolonialismus. In der Praxis profitierten transnationale Konzerne oft auf Kosten der Armen. Während im Süden physische Ressourcen ausgebeutet und Menschen unter prekären Bedingungen arbeiten müssten, werde der daraus resultierende Rechenfluss primär im Norden genutzt. Regierungen investierten massive Mittel in Robotik, vernachlässigten jedoch die ganzheitliche menschliche Entwicklung.
Der Vatikan hatte bereits zur Vorbereitung der Enzyklika die Einrichtung eines Gremiums beschlossen, das sich sicherlich auch weiterhin mit den Auswirkungen von KI auf die Menschheit sowie Fragen der Würde des Menschen befassen wird. Vertreter mehrerer vatikanischer Behörden sollen an der Arbeit in dieser Kommission beteiligt werden.
Anmerkung
[1] Enzykliken sind päpstliche Rundschreiben an die Kardinäle, Bischöfe und an alle Gläubigen, die aber auch insgesamt Positionen der Päpste in die Gesellschaft bringen soll. Ihe Themen behandeln Fragen der Glaubens- und Sittenlehre sowie der Kirchenpolitik, aber mitunter auch der Sozial-, Staats- und Wirtschaftslehre.


