4. August 2021 Otto König/Richard Detje: »Wilde« Streiks beim Lieferdienst Gorillas

»Wir lassen uns niemals besiegen«

Foto: Gorillas Workers Collective

»The workers united – will never be defeated«. In diesen Tagen und Wochen sind es Fahrradkuriere, sogenannte Rider. Sie streiken und protestieren beim Express-Lebensmittel-Lieferdienst Gorillas in Berlin für bessere Arbeitsbedingungen.

Das Start-up präsentiert sich nach außen als Erfolgsgeschichte einer fröhlichen Gemeinschaft, und Kagan Sümer, einer der Gründer, spricht von einer »Familie«. Doch die Arbeitsrealität ist weniger hip. Unter der Oberfläche brodelt es gewaltig.

Zum ersten »wilden« Streik kam es Anfang Juni. Auslöser war die willkürliche Kündigung des Riders Santiago aufgrund einer Lappalie: Er hatte sich verspätet. Für viele Kuriere brachte dieser Vorfall das Fass zum Überlaufen. Schnell weitete sich der Streik mit Lagerblockaden auf die Berliner Standorte aus. »Alle Rider stehen still«, titelte die taz.

Aufgerufen hatten Aktivist:innen des Kollektivs »Gorillas Workers Collective« (GWC), das mit der anarcho-syndikalistischen Freien Arbeiter Union (FAU) und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zusammenarbeitet. Die Aktionen selbst werden fast ausschließlich über den Messenger-Dienst Telegram und What-Apps-Gruppen koordiniert.

Seitdem flammt der Arbeitskampf immer wieder auf. Er richtet sich gegen die »Hire and Fire«-Politik der Unternehmensleitung (die lange Probezeiten nutzt, um Beschäftigten zu kündigen), gegen miese Arbeitsbedingungen, mangelhaften Arbeitsschutz und »digitale Sklaverei«. Die Geschäftsführung des Berliner Jungunternehmens weiß über die App, über die auch der Bestellvorgang abgewickelt wird, zu jeder Zeit, wo sich ein Fahrer gerade befindet. Das erzeugt Arbeitsstress.

Das Start-up Gorillas wurde zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 von den Berliner Unternehmern Jörg Kattner und Kagan Sümer[1] gegründet. Der schnell expandierende Online-Lebensmittellieferdienst wirbt mit Lieferungen innerhalb von zehn Minuten zu Supermarktpreisen zuzüglich eines Lieferpreises von 1,80 Euro. Für die Logistik betreibt das Unternehmen Lagerhäuser in Wohngebieten, sogenannte »Dark Stores«. Davon gibt es 14, in denen die Waren des täglichen Bedarfs lagern.

Nach eigenen Angaben Jahr stellte der Lieferdienst für Lebensmittel und Supermarktwaren in nur einem Jahr 10.000 Menschen weltweit ein, davon ca. 5.000 in Deutschland. Die meisten von ihnen arbeiten als Lagerarbeiter (Picker) oder Fahrradkuriere (Rider). Sie bekommen einen Stundenlohn von 10,50 Euro, also knapp über dem Mindestlohn.

Das Unternehmen aus Berlin-Kreuzberg entwickelte sich Innerhalb weniger Monate zum sogenannten Einhorn (»Unicorn«), ein Start-up, dessen Wert von seinen Investoren mit mindestens einer Milliarde Euro bewertet wird. Erst im März dieses Jahres sammelte das Berliner Unternehmen weitere 245 Millionen Euro von Investoren ein, dazu gehören neben aggressiven US-Finanzinvestoren auch die chinesische Tech-Holding Tencent. Medial ist der Arbeitskampf ein Desaster für das Start-Up, denn in einer nächsten Finanzierungsrunde wollten die Gorillas weitere 500 Millionen Euro einsammeln und eine Bewertung von 6 Milliarden Euro erreichen.[2]

Um das Wachstum zu befeuern, setzt der Lieferdienst auf Expansion: Gorillas gibt es mittlerweile in 18 deutschen Städten. Europaweit wird bereits in fünf Ländern ausgeliefert. Der Markt ist allerdings hart umkämpft. In Deutschland konkurriert Gorillas zum Beispiel mit den Start-ups Flink, bring.de oder Bringoo, außerdem mit Supermarktketten wie Rewe und Edeka. Letztere liefern jedoch langsamer.

»Zudem stehen mehrere große Konkurrenten wie Delivery Hero und Getir aus der Türkei in den Startlöchern für eine Expansion ihrer Lebensmittellieferdienste in Deutschland«, berichtet das Handelsblatt. Der geplante Bringdienst Foodpanda von Delivery Hero soll sogar in nur »sieben Minuten« liefern können. So zeichnet sich ein Vernichtungs- und Verdrängungswettbewerb ab.

Die Start-ups, die in den vergangenen eineinhalb Jahren »aus dem Boden gestampft« wurden, sind »voll auf Expansion und Gewinnerzielung ausgerichtet«, was zu Lasten der Beschäftigten geht, erläutert Maren Ulbrich, Handelsexpertin der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, der Berliner Zeitung (24.06.2021). Der Zeitdruck ist immens, die Arbeitszeiten sind biorythmusfeindlich. Bezahlt wird im Stücklohn, der den Mindestlohn häufig unterläuft.

Die Streiks bei Gorillas haben eine Vorgeschichte: Schon im Februar hatten Fahrer:innen für kurze Zeit die Arbeit niedergelegt, weil eisige Temperaturen und verschneite Straßen die Auslieferung unzumutbar machten. Seitdem nimmt der Konflikt immer schärfere Formen an. Während für die Unternehmensleitung feststeht, dass die Diskussionen um Arbeitsbedingungen, Kündigungen und Wahl eines Betriebsrats durch externe Akteure »eskaliert« werde, schließlich seien die meisten Kuriere »mit ihrem Job hochzufrieden«, berichten die GWC-Aktivist:innen in den sozialen Medien über miserable Arbeits- und Entlohnungsbedingungen sowie schlechte Ausrüstung wie mangelnde Regenkleidung. Es komme vor, dass die Rucksäcke, in denen die Waren transportiert werden, oft über das offizielle Maximum von 10 Kilo hinaus beladen sind, was insbesondere bei Fahrten auf Kopfsteinpflaster zu Rückenproblemen führe.

Die Auseinandersetzung beim Lieferdienst Gorillas steht beispielhaft für die Probleme von zehntausenden Beschäftigten in der Plattformökonomie und für die schwierige Durchsetzung von Arbeitnehmer:innenrechten in rasant wachsenden Start-ups, also für eine Arbeitswelt, in der es an Mitbestimmungsstrukturen fehlt. Zwar sind die Beschäftigten bei Gorillas nicht zur Scheinselbständigkeit gezwungen wie viele andere in der wachsenden Gig-Economy, doch lassen sie sich nur schwer organisieren.

»Oft sind es Minijobs, wodurch man nicht sozialversichert ist, keine Rentenansprüche erwirbt und auch bei Arbeitslosigkeit nicht abgesichert ist. Übrigens hat man da auch keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Die meisten, die hier arbeiten, machen das nicht langfristig. Das liegt auch an den Arbeitsbedingungen« erläutert die Göttinger Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja im Interview mit der taz (6.7.2021).

Die Plattformwirtschaft dringt inzwischen in fast alle Bereiche der gesellschaftlichen Arbeitsteilung vor, vor allem in den urbanen Metropolen, wo Dienstleistungen aller Art jederzeit abrufbar sind. Zur genauen Größe der Gig Economy gibt es kaum belastbare Zahlen. Plattformarbeit fällt meist durch das Raster üblicher Erhebungsmethoden zu Arbeitsmärkten. Die Datenlage wird auch dadurch erschwert, dass diese Arbeit oft den Zweit- oder Drittjob darstellt und schwer von ähnlichen Formen flexibler Arbeit abgrenzbar ist.

»Die Lieferdienste gehören zu dem Teil des Arbeitsmarkts, zu dem man relativ leicht Zugang findet, wenn man keine Qualifikation hat oder diese in Deutschland nicht anerkannt wird. Das ist zum Beispiel auch bei Logistikzentren von Amazon so, wo im großen Stile Geflüchtete rekrutiert werden. Wenn die Arbeit so organisiert ist, dass sie wenig Kooperation und Kommunikation erfordert und man sie technisch gut überwachen kann, haben Mi­gran­t:in­nen mit wenig Sprachkenntnissen gute Chancen«, so Mayer-Ahuja. In einer Studie der Europäischen Kommission wird geschätzt, dass in Deutschland »zwischen 6 und 10% der erwachsenen Bevölkerung regelmäßig auf digitalen Plattformen ihre Arbeit anbieten.«[3]

Die Internetökonomie gilt als Zukunftsbranche. Doch für die Menschen in der Stadt erweise sie sich »allzu oft als Dystopie«, stellt Nicolas Šustr in seinem Beitrag »Die Gesellschaft als Beute« im Neuen Deutschland fest. Immer noch würden die Unternehmen von dem Image von Freiheit, Abenteuer und ökologischem Bewusstsein profitieren, den die in den 1980er Jahren in Deutschland aufkommende Fahrradkurierszene umgab. »Doch selbstbestimmt ist da wenig. Oft lückenlos werden die Fahrerinnen und Fahrer überwacht. Irre knappe Lieferzeiten von nur zehn Minuten nach Bestellung, wie bei Gorillas, sorgen für extremen Stress. Und der nächste Konkurrent, der mit sieben Minuten Lieferzeit wirbt, steht schon in den Startlöchern.«

Der an der University of Leeds entwickelte »Index of Platform Labour Protest« listet seit 2015 über 300 Arbeitskämpfe bei Plattformunternehmen weltweit auf. Die Proteste wurden zumeist von informellen Netzwerken, Basisgewerkschaften und Gruppen, die über soziale Medien und Messenger organisiert sind, angestoßen, aber auch Organizer:innen der Gewerkschaft ver.di gehören zu den Aktiven.

Der Organisationsgrad unter den Pickern und Ridern ist gering. Und nach wie vor sind in der Start-up-Szene »mitbestimmungsfreie Zonen« die Regel. Laut »Betriebspanel 2019« des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gibt es in nur 9% aller Unternehmen in der Bundesrepublik einen Betriebsrat. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) schätzt den Betriebsratsanteil unter Berliner Start-ups auf gerade mal 5%. Bei Zalando, dem Vorzeige-Start-up in Berlin, dauerte es zwölf Jahre, bis ein Betriebsrat gewählt werden konnte.

Bei der Smartphone-Bank N26 mussten Aktivist:innen mit Unterstützung der IG Metall lange gegen die Widerstände aus dem Management ankämpfen, bis im November 2020 eine Arbeitnehmervertretung gewählt wurde. Untersuchungen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung kommen zu dem Ergebnis, dass etwa jede sechste Betriebsratsneugründung in Deutschland mit Methoden des Union Busting behindert wird. Auch beim Start-up Gorillas.

Im Mai 2021 leiteten die Beschäftigten von Gorillas mit Unterstützung der FAU und der NGG die Wahl eines Betriebsrats ein, die vom Management mit schmutzigen Methoden verzögert wird. So haben leitende Angestellte, die nicht wahlberechtigt sind, Anfang Juni versucht, den Versammlungsort zur Wahl des Wahlvorstandes zu betreten. Anschließend beschwerte sich das Unternehmen über deren Ausschluss von der Versammlung, zweifelte die Rechtmäßigkeit des Wahlvorgangs an und will die Wahl gerichtlich überprüfen lassen.

Die Position des Firmenchefs Sümer legte jüngst das »Gorillas Workers Collective« offen, in dem sie eine geleakte Mitteilung von ihm an das mittlere Management veröffentlichte, in der es heißt: »Ich habe zu Public Affairs und PR-Agenturen gesprochen«, und weiter: »Sie haben mir gesagt, ich sollte deeskalieren. Ich würde lieber sterben, um die Werte zu verteidigen, als zu deeskalieren«. Auch deshalb setzen die Riders ihren Arbeitskampf fort.

Anmerkungen

[1] Aus der aktuellen Gesellschafterliste beim Amtsgericht Charlottenburg geht hervor, dass CEO Kagan Sümer über seine Firma Kaganlabs selbst 18,25% des Online-Lieferdienstes hält. 28,69% entfallen auf zwei Unternehmen, die zur New Yorker Investmentgesellschaft Coatue Management gehören. Der Berliner Risikokapitalgeber Atlantic Food Labs, der einer der ersten Gorillas-Investoren gewesen war, ist über mehrere Firmen mit insgesamt etwa 14,8% beteiligt (Tagesspiegel, 14.7.2021).
[2] Eine neue Studie der Beratungsgesellschaft EY zeigt, dass es genug Geld gibt. Demnach hat sich der Gesamtwert der Investitionen in deutsche Start-ups im ersten Halbjahr 2021 auf 7,6 Milliarden Euro mehr als verdreifacht. Besonders viel Geld floss in die Berliner Start-up-Szene. Dort ist das Investitionsvolumen von 1,2 auf 4,1 Milliarden Euro angewachsen. (Neues Deutschland, 21.07.2021
[3] Siehe auch: »Kampf um Regulierungen«, Jacobin 10.6.2021.

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