14. September 2019 Jena | 10:00 Uhr | Universität, Rosensäle, Fürstengraben 27

Dem Wirklichen auf der Spur ...

Was ist linkes Denken? In Erinnerung an Dieter Strützel (1935-1999)

Am 9. Mai 1999 starb Dieter Strützel. 20 Jahre später scheint er vergessen – zu Unrecht. Strützel war Kultur- und Literaturwissenschaftler, Lektor beim Mitteldeutschen Verlag, Kultursoziologe an den Universitäten Leipzig und Jena sowie ab 1990 Vorsitzender der PDS Gera und stellvertretender Landesvorsitzender der PDS Thüringen. Er wirkte in zwei politischen Systemen – in beiden gegen den Strom der Zeit.

Ein Sokrates der DDR, ein Lehrer, der nicht große Werke schrieb, sondern lieber mit den „kleinen Leuten“ stritt. Einer, dem die Wahrheit des anderen wichtiger war als sein eigenes Besserwissen. Er hat im Alltag des geistigen Lebens so verunsichernd und so aufregend gewirkt, wie nur wenige. Es war ihm eine Lust, die Menschen über ihr Woher und Wohin zu befragen, sie zum Nachdenken über die Gründe ihres eigenen Treibens zu verführen. Strützel war den sozialen Wirklichkeiten auf der Spur, die er von unten zu erkunden versuchte. Mitte der 1980er Jahre führte er mit seiner Arbeitsgruppe in Jena eine computergestützte Befragun von 1.800 Arbeiter*innen nach ihren kulturellen Bedürfnissen durch. Die Ergebnisse der Befragung wurden intensiv diskutiert, aber nie publiziert. Denn sie zeigte: die DDR war nicht mehr in der Lage, die Bedürnisse zu befriedigen, die sie geweckt hat. Die Produktivkräfte sprengten die Produktionsverhältnisse, das System musste untergehen. Ab 1988 wirkte Strützel maßgebend an einem grenzüberschreitenden Projekt mit: an der gemeinsamen Verständigung von Ökonomen, Politologen, Juristen, Literatur- und Kulturwissenschaft­lern der Universitäten Jena und Tübingen zu „Lebensweisen in der DDR“. Dennoch wurde er, wie viele andere, nach der Vereinigung „abgewickelt“ und entlassen.

Wissenschaft und Politik, Denken und politisches Handeln, waren für ihn Eins. Sein Wirken war darauf gerichtet, wie „kapitalbeherrschte Klassen zu selbstbestimmter Aktion“ finden könnten, und: Gemeinsam mit jenen, die ein Interesse an gesellschaftlicher Veränderung haben, politisch aktiv zu werden – eine Haltung, in der er sich durch die kollektive Lektüre des Romans „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss Mitte der 1980er Jahre bestärkt sah.

Als stellvertretendem Vorsitzenden der PDS Thüringen ging es ihm nach 1990 darum, eine neue Partei „von unten“ zu formen und den „Ring um die PDS“ zu sprengen – die Partei also (wieder) zu einem legitimen und demokratischen Akteur gesellschaftlichen und politischen Lebens zu machen. Er trieb auch die Debatte um ein „linkes Reformprojekt“ für Thüringen voran, die Idee gemeinsamer links-reformerischer Politik von PDS, SPD und Grünen. Die Debatten um das Projekt Mitte der 1990er Jahre nahmen vieles von dem vorweg, was 20 Jahre später in der ersten rot-rot-grünen Landesregierung sichtbar und Realität wurde.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen will Dieter Strützel ehren, indem sein sein Werk auf Keime von Zukunft befragt wird. Sein Credo war: Ideen, Konzepte und Strategien im Dialog mit denen zu entwickeln, die ein vitales Interesse daran haben, die bestehenden Verhältnisse zu ändern, um ihr eigenes Leben zu gestalten. Oder anders gesagt: Denken und Handeln in den Nöten des Alltags zu verankern.

Programm:

  • 10.00–10.15 Uhr: Begrüßung & Einführung (Paul Wellsow, RLS Thüringen)
  • 10.15–11.30 Uhr: Dieter Strützel – Ein Sokrates der DDR (Jens-Fietje Dwars, Jena)
  • 11.30–12.30 Uhr: Von der SED zur PDS – Dieter Strützels Wirken in der Politik und der Debatte um ein »Linkes Reformkonzept« (Dieter Hausold, Gera)
  • 12.30–13.30 Uhr: Politische Bildung & Debatte in der »AG Konkrete Demokratie« (Christiane Schneider, Hamburg)
  • 13.30–14.00 Uhr: Abschlussdiskussion & Schlusswort

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