27. März 2026 Christoph Lieber: »dazu beizutragen, die stets drohenden Regressionen aufzuhalten«

Zeitdiagnostiker Habermas

Anlässlich des Todes von Jürgen Habermas (1929–2026)[1] fokussieren die meisten Würdigungen auf den »großen Aufklärer« und leidenschaftlichen Verteidiger demokratischer Vernunft.

Angetrieben durch das Problem, wie ein immer wieder fragiles soziales Zusammenleben und Individuierung durch Vergesellschaftung gelingen können, setzte er auf die »befreiende Kraft des Wortes« (2024: 15), die er in seinen Theorien der Öffentlichkeit, des kommunikativen Handelns, seiner Diskursethik und Diskurstheorie des demokratischen Rechtsstaates bis hin zu Überlegungen einer »Weltinnenpolitik ohne Weltregierung« (2004: 133) ausbuchstabierte. Das rückt den »Philosophen und Soziologen« Habermas in den Mittelpunkt. Aber am Beginn seiner öffentlichen »Wortergreifung« stand der Journalist und Polemiker, der seine Bonner und Berliner Republik immer wieder mit zeitdiagnostischen Deutungen aus seiner spitzen Feder konfrontierte und der im Folgenden in Erinnerung gerufen werden soll.

Der Medienintellektuelle

Insbesondere im Scheitelpunkt der Nachkriegsentwicklung Westdeutschlands – die Jahre »nach dem Boom« (1975–1989) – bündelten sich seine politisch-publizistischen Interventionen, die ihren Anfang nahmen mit seiner FAZ-Besprechung »Mit Heidegger gegen Heidegger denken« (25.7.1953), einer Veröffentlichung der ursprünglich 1935 gehaltenen Vorlesung »Einführung in die Metaphysik«, in der ­Heidegger unkommentiert daran festhielt, von der »inneren Wahrheit und Größe des Nationalsozialismus« zu sprechen. Habermas stellt Heidegger zur Rede: »Läßt sich auch der planmäßige Mord an Millionen Menschen, um den wir heute alle wissen, als schicksalhafte Irre seinsgeschichtlich verständlich machen? […] Ist es nicht die vornehme Aufgabe der Besinnlichen, die verantwortlichen Taten der Vergangenheit zu klären und das Wissen darum wachzuhalten? – Statt dessen betreibt die Masse der Bevölkerung, voran die Verantwortlichen von einst und jetzt, die fortgesetzte Rehabilitation.« (1953: 75)

Fortan wird Habermas immer wieder konservative Strömungen und Gesinnungsgemeinschaften in der BRD thematisieren und vor regressiven Tendenzen warnen. 

Christoph Lieber ist Redakteur von Sozialismus.de, lebt in Berlin. Zuletzt schrieb er in Heft 2-2026: Das Marx-Engelssche Erbe mit Walter Benjamin aktualisieren. Zu Joachim Bischoffs »Ende oder Renaissance sozialistischer Utopien?«.
[1] Siehe auch die Würdigung der Redaktion auf Sozialismus.deAktuell vom 17.3.2026.

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