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11. Februar 2021 Joachim Bischoff/Bernhard Müller: Die Bedeutung von Kurzarbeit

Beschäftigungsentwicklung in der Corona-Pandemie

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) Detlef Scheele blickt optimistisch auf den Beschäftigungssektor, denn »die Verlängerung des Lockdowns selbst hat nur geringe Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt«. Es sei »in der Tat erstaunlich, dass wir aktuell recht gut durch die Krise kommen«.

»Wir sehen derzeit lediglich den üblichen saisonalen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Aber: Dieser findet auf deutlich erhöhtem Niveau statt. Denn zu Beginn der Krise hat der Arbeitsmarkt schon einen erheblichen Einbruch erlitten. Grund zur Entwarnung gibt es deshalb nicht.« Auch Scheeles Ausblick ist positiv: Es werde in den kommenden Monaten voraussichtlich keinen erneuten sprunghaften Anstieg bei der Arbeitslosigkeit und bei der Kurzarbeit geben.

Schauen wir uns die Daten genauer an: Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im Januar saisonüblich um 193.000 auf 2,901 Mio. gestiegen. Die Arbeitslosenquote stieg damit im Januar um 0,4 Prozentpunkte auf 6,3%. Der Januar-Anstieg fiel damit in diesem Jahr sogar noch etwas geringer aus als im Vorjahr. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stieg sie allerdings deutlich: Im Januar 2021 waren 475.000 Menschen mehr arbeitslos als noch im Januar 2020.

»Der Arbeitsmarkt zeigte sich im Januar alles in allem in einer robusten Verfassung. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie hinterlassen aber Spuren«, so Scheele. »Verstärkte Entlassungen gab es vor allem in den ersten Monaten der Pandemie. Zeitweilig hatten wir als Corona-Effekt eine um mehr als 600.000 Personen erhöhte Arbeitslosigkeit. Aktuell haben wir im Vergleich zum Vorjahresmonat rund 480.000 Arbeitslose mehr. Die Lage hat sich also seit Pandemiebeginn nicht weiter verschlechtert, sondern eher etwas gebessert. Und auch wenn die Kurzarbeit in dieser Phase jetzt wieder etwas zunimmt, ist das nicht annähernd mit der Lage im April 2020 vergleichbar.«. Scheeles Blick ist durchaus zutreffend, aber es gibt eben auch krasse Verlierer.


Prekär Beschäftigte und Langzeitarbeitslose auf der Verliererseite

Zu den Verlierern am Arbeitsmarkt zählen vor allem die prekär Beschäftigten, z.B. die Minijobber:innen, von denen viele ihren Job verloren haben, auch weil bei ihnen das Instrument der Kurzarbeit nicht greift. Die neuerlichen Lockdown-Maßnahmen haben dazu geführt, dass sich die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten im November saisonbereinigt um 81.000 verringert hat. Im Vergleich zum Vorjahr nahm die ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigung um 375.000 oder 8,3% auf 4,16 Mio. ab. Damit ist der negative Vorjahresabstand wieder deutlich größer geworden. Im Februar – dem Monat vor Beginn der Corona-Krise – wurde der Vorjahreswert »nur« um 103.000 oder 2,2% unterschritten.

Auch die Zahl der »geringfügig Beschäftigten« im Nebenjob hat sich saisonbereinigt deutlich um 40.000 verringert. Auch im Vorjahresvergleich sind deutliche Abnahmen zu verzeichnen. So waren im November 2,90 Mio. oder 8,6% der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zusätzlich im Nebenjob geringfügig entlohnt beschäftigt, 136.000 oder 4,5% weniger als vor einem Jahr.

Die zweiten großen Verlierer am Arbeitsmarkt sind die Langzeitarbeitslosen. Die Corona-Krise führt zu einer Verfestigung der Arbeitslosigkeit. Die Langzeitarbeitslosigkeit steigt enorm. Die Zahl derjenigen, die mehr als ein Jahr lang vergeblich Arbeit suchen, ist seit Ende 2019 um ein Drittel gestiegen – deutlich stärker als die Arbeitslosigkeit insgesamt.

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen (länger als 12 Monate ohne Arbeit) hat sich von Dezember auf Januar um 60.000 oder 7% auf 989.000 erhöht. Im gleichen Monat des Vorjahres, im Januar 2020, ist die Langzeitarbeitslosigkeit »nur« um 26.000 oder 4% gestiegen. Entsprechend erhöht sich der Abstand zum Vorjahr im Januar auf +266.000 oder +37%, nach +232.000 oder +33% im Dezember. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen ist gegenüber dem Vorjahr von 29,8% auf 34,1% gestiegen.

Die coronabedingte Zunahme der Langzeitarbeitslosigkeit hat zum einen den Hintergrund, dass Beschäftigungsaufnahmen und Förderungen vor Eintritt der Langzeitarbeitslosigkeit deutlich weniger geworden sind. Zum anderen beendeten weniger Langzeitarbeitslose ihre Arbeitslosigkeit, etwa durch eine Beschäftigungsaufnahme oder eine Fördermaßnahme.

Vor der Pandemie war die Zahl der Langzeitarbeitslosen auf unter 700.000 gesunken, inzwischen ist sie wieder auf fast eine Mio. gestiegen. »Wer zuvor schon arbeitslos war oder eher wenig qualifiziert ist, trägt auf dem Arbeitsmarkt das höchste Risiko in dieser Pandemie. Und Strukturveränderungen – Stichworte: technologischer Wandel und Transformation – kommen nun hinzu. Ich befürchte, dass wir es erstmals seit den Arbeitsmarktreformen der 2000er Jahre wieder mit steigender Sockelarbeitslosigkeit zu tun bekommen.« (Scheele). Von einer Aufstockung der Hartz IV-Leistungen und dem Aufbau eines sozialen Arbeitsmarkts, der die Langzeitarbeitslosen gezielt fördert, hält der Chef der Bundesagentur für Arbeit offensichtlich nichts.


Bedeutung und Auswirkung von Kurzarbeit für die Beschäftigten[1]

Nach vorläufigen Daten der Statistik der BA wurde im November für 2,26 Mio. Arbeitnehmer:innen konjunkturelles Kurzarbeitergeld gezahlt, nach 2,06 Mio. im Oktober und knapp 6,0 Mio. im April, dem Monat mit der höchsten Kurzarbeiterzahl in der Corona-Krise. Der durchschnittliche Arbeitsausfall belief sich im November 2020 auf 51%. Damit hat der Einsatz von Kurzarbeit in diesem Monat rechnerisch Arbeitsplätze für 1,14 Mio. Beschäftigte gesichert und deren vorübergehende Arbeitslosigkeit verhindert. Im Oktober betrug der Arbeitsausfall 38%, im April aber noch 51%.

Die Inanspruchnahme von Kurzarbeit liegt damit weiter deutlich über den Werten zur Zeit der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009. Damals wurde im Mai 2009 ein Höchstwert von 1,44 Mio. erreicht, das entsprach einem Anteil von 5,2% an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Vor Beginn der Kurzarbeit müssen Betriebe den voraussichtlichen Arbeitsausfall anmelden; diese Anzeigen können als Frühindikator für die künftige Inanspruchnahme interpretiert werden. Nach den aktuellen Daten dazu wurde vom 1. bis einschließlich 25. Januar für 745.000 Personen konjunkturelle Kurzarbeit angezeigt, nach 781.000 im Dezember und 628.000 im November, aber 8,02 Mio. im April, dem Monat mit der höchsten angezeigten Personenzahl.

Die seit November wieder deutlich zunehmende Zahl der angezeigten Personen erklärt sich mit den infolge der gestiegenen Infektionszahlen zusätzlich ergriffenen Eindämmungsmaßnahmen vor allem in der Gastronomie und im Handel.

Der erneute Anstieg der Kurzarbeit hat sich im neuen Jahr beschleunigt fortgesetzt. So ist die Zahl der Kurzarbeiter*innen im Januar um knapp 20% gestiegen. Nach Schätzungen des Ifo-Instituts waren 2,6 Mio. Menschen in Kurzarbeit, nach 2,2 Mio. im Dezember. Damit waren 7,8% aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer:innen in Kurzarbeit, nach 6,6% im Dezember.

Besonders hart getroffen sind Hotels und Gaststätten mit geschätzt 594.000 Menschen, knapp 56% aller Arbeitnehmer:innen im Gastgewerbe. Im Handel waren es nach den Berechnungen der Ifo-Arbeitsmarktexperten 556.000 Kurzarbeiter:innen, mit einem Anteil von gut 12% der Beschäftigten mehr als doppelt so viele wie Anfang Dezember.

In absoluten Zahlen lag die Industrie mit geschätzt 611.000 Kurzarbeiter:innen zu Beginn des neuen Jahres noch vor Gastronomie und Handel. Doch da die Industrie insgesamt sehr viel mehr Menschen beschäftigt, war der Anteil der Kurzarbeiter mit 8,8% niedriger.

Kurzarbeit stabilisiert in der Corona-Pandemie ganze Branchen, sie hat bislang rein rechnerisch mindestens eine Million Arbeitsplätze über die Krise gerettet und verhindert, dass zahlreiche Beschäftigte durch Jobverlust drastische Einkommenseinbußen erleiden. Trotzdem ist Kurzarbeit für viele Betroffene eine erhebliche Belastung, knapp die Hälfte verzeichnen deutliche finanzielle Einschränkungen, etwas mehr als die Hälfte haben Existenzängste. Das zeigt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.[2]

Für ihre Untersuchung werteten die WSI-Forscher die dritte Welle der Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung aus. Dafür wurden im November 2020 mehr als 6.100 Erwerbstätige und Arbeitsuchende online befragt. Dieselben Personen hatten bereits im April und im Juni Auskunft gegeben, so dass Trends im Zeitverlauf analysiert werden können. Die Befragung bildet die Erwerbspersonen in Deutschland im Hinblick auf die Merkmale Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland repräsentativ ab.

Im November gaben rund 8% der Befragten an, in Kurzarbeit zu sein. Hochgerechnet auf die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten insgesamt wären das etwa zweieinhalb Mio. Personen. Durch den »Lockdown Light« waren Beschäftigte im Gastgewerbe mit einer Kurzarbeitsquote von rund 50% besonders stark betroffen, was wesentlich dazu beitrug, dass Frauen (9%) etwas häufiger in Kurzarbeit waren als Männer (7,6%).

Leicht über dem branchenübergreifenden Durchschnitt lagen die Kurzarbeits-Anteile bei den Sonstigen Dienstleistungen, der Logistik und im Verarbeitenden Gewerbe (zwischen 10,8 und 9,4%). Relativ niedrige Quoten von weniger als 2% wiesen die Baubranche, die Energie- und Wasserversorgung und die Bereiche Erziehung und Unterricht, Gesundheit und Soziales sowie der öffentliche Dienst auf.

Anders als in früheren Wirtschaftskrisen war Kurzarbeit unter Beschäftigten in kleinen Betrieben bis zehn Personen mit einer Quote von knapp 13% deutlich weiterverbreitet als in größeren. Da der gesetzliche Kündigungsschutz in diesem Bereich nicht greift, hat Kurzarbeit hier eine besonders wichtige Funktion zur Stabilisierung von Beschäftigung.

Kurzarbeit habe, so die WSI-Forscher, gesamtwirtschaftlich eine große positive Wirkung, weil sie Beschäftigung sichert und Unternehmen ermöglicht, nach Abklingen der Krise mit eingespielten Belegschaften durchzustarten – ein Aspekt der in Zeiten zunehmend agilen Arbeitens noch an Bedeutung gewinne. Auch individuell sei die Situation von Beschäftigten in Kurzarbeit besser als die von Arbeitslosen.

Dennoch sei angesichts des historisch beispiellosen Umfangs von Kurzarbeit in der Corona-Krise bei etlichen Kurzarbeitenden »mit sich im Laufe der Zeit verschärfenden sozialen Problemen zu rechnen, da finanzielle Rücklagen vielfach bereits aufgebraucht sind und bei immer mehr Personen weiter schrumpfen werden.«. Parallel zeige die Zustimmung zur wirtschaftlichen Stabilisierungspolitik, die insbesondere bei Kurzarbeitenden mit Aufstockung bislang deutlich höher liegt als bei Arbeitslosen, »Erosionstendenzen«.

Das hat auch damit zu tun, dass das individuelle monatliche Nettoeinkommen der Kurzarbeiter:innen im Vergleich zu den übrigen Beschäftigten deutlich niedriger ist, was allerdings zum Teil auch auf strukturelle Faktoren wie die Branchenzusammensetzung der Kurzarbeit zurückzuführen ist. Besonders groß fällt der Abstand mit ca. 400 Euro bei den Kurzarbeiter:innen ohne aufstockende Leistungen aus. Deutlich kleiner ist er auch hier bei Kurzarbeiter:innen mit aufstockenden Leistungen, was auch darauf zurückzuführen sein dürfte, dass diese häufiger in tarifgebundenen Betrieben arbeiten. Verdienste von Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben sind im Schnitt höher als solche in Betrieben ohne Tarifbindung.

Individuelles Nettoeinkommen (November 2020 in Euro

Anmerkung: Die Einkommen wurden mit den mittleren Werten der abgefragten Einkommensklassen approximiert.
Quelle: HBS Erwerbspersonenbefragung

Rund 42% der befragten Kurzarbeitenden erhielten im November eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes (KuG) über das ursprüngliche gesetzliche Ausgangsniveau von 60% des Nettoentgelts (bzw. 67% mit Kindern) hinaus. Angesichts der langen Dauer der Pandemie sei ein Teil der erhöhten Leistungen darauf zurückzuführen, dass das KuG nach den aktuellen gesetzlichen Regelungen nach vier bzw. sieben Monaten Bezugsdauer automatisch ansteigt, so die Forscher. Eine große Rolle spielten ebenso tarifliche und betriebliche Vereinbarungen für ein erhöhtes Kurzarbeitergeld: »Gute Chancen auf relativ geringe Einkommensverluste haben Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeiter in Betrieben mit Betriebsrat oder Tarifbindung.« So erhielten von den Kurzarbeitenden in Betrieben mit Tarifvertrag knapp 53% eine Aufstockung, während es ohne Tarifvertrag lediglich knapp 29% waren. Noch größer war der Vorsprung in Betrieben mit Betriebsrat (gut 66% mit Aufstockung) gegenüber solchen ohne betriebliche Mitbestimmung.

Aufstockende Leistungen (Juni und November 2020)

Ob das KuG aufgestockt wird oder nicht, hat laut den Befragungsdaten einen spürbaren Einfluss darauf, wie problematisch Kurzarbeitende ihre finanzielle Situation einstufen. So berichten knapp 53% der Kurzarbeitenden ohne Aufstockung, ihre finanzielle Situation sei stark belastend, unter denen mit Aufstockung sehen das knapp 42% so. Die Gesamtgruppe der Kurzarbeitenden ist mit 48% weit häufiger finanziell stark belastet als der Durchschnitt aller Befragten mit gut 17%. Der Anteil liegt relativ nahe bei den befragten Arbeitslosen, die mit gut 55% am häufigsten finanzielle Belastungen aufweisen, und er ist deutlich höher als bei Selbständigen (30%), Minijobber:innen (knapp 26%) und erst recht Beschäftigten ohne Kurzarbeit.

Grad der Belastung durch finanzielle Situation (November 2020 in %)

Quelle: HBS Erwerbspersonenbefragung

Die finanziellen Probleme spiegeln sich bei etlichen Kurzarbeitenden in Existenzängsten wider, 53% berichten davon. Der Anteil ist erneut weitaus höher als unter Selbständigen (knapp 31%), Minijobber:innen (rund 26%) und gut dreimal so hoch wie bei Beschäftigten ohne Kurzarbeit (knapp 17%). Ein wesentlicher Grund für die häufigen Sorgen um die eigene wirtschaftliche Zukunft dürfte die von rund 44% der Kurzarbeitenden geäußerte Furcht sein, doch noch arbeitslos zu werden. Diese ist mehr als doppelt so verbreitet wie unter Selbständigen und Minijobber:innen und sogar gut viermal so häufig wie in der Gruppe der Beschäftigten ohne Kurzarbeit.

Grad der Belastung durch finanzielle Situation (November 2020 in %)

Quelle: HBS Erwerbspersonenbefragung

Trotz der erheblichen wahrgenommenen Belastungen beurteilen Kurzarbeitende die politischen Hilfsmaßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft und zum Erhalt von Arbeitsplätzen bislang deutlich positiver als Arbeitslose. Allerdings ist die Zufriedenheit mit der wirtschaftlichen Antikrisenpolitik – wie in allen befragten Gruppen – nach einem Zustimmungshöhepunkt im Juni bis zum November deutlich zurückgegangen.

Zudem zeigen sich erneut große Unterschiede: Unter den Kurzarbeitenden mit Aufstockung des KuG äußerten im November gut 48% Zustimmung – das war der insgesamt höchste Wert, vor Beschäftigten ohne Kurzarbeit und Selbständigen mit jeweils rund 45%. Unter den Kurzarbeitenden ohne Aufstockung zeigten sich hingegen lediglich 34% zufrieden. Niedriger fiel die Zustimmung nur unter Arbeitslosen aus (rund 24%).


Fazit

Durch Kurzarbeit und andere Hilfsmaßnahmen werden in der Corona-Pandemie ganze Branchen stabilisiert. Dies gilt vor allem für die stark von Kurzarbeit betroffene Gastronomie. Kurzarbeit sichert (zunächst) nicht nur bedrohte Arbeitsverhältnisse, sie dämpft vor allem die Einkommenseinbußen, die ansonsten im Fall von Arbeitslosigkeit eintreten würden. »Eine wesentliche Rolle dabei spielen aufstockende Leistungen, die jedoch Kurzarbeiter:innen in tariffreien Betrieben seltener als in tarifgebundenen erhalten. Umso wichtiger ist vor allem mit zunehmender Dauer der Kurzarbeit der erhöhte Bezug des Kurzarbeitergelds. Kurzarbeiter:innen haben zwar im Vergleich zu Arbeitslosen seltener mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Gleichwohl ist auch bei ihnen mit sich im Laufe der Zeit verschärfenden sozialen Problemen zu rechnen, da finanzielle Rücklagen vielfach bereits aufgebraucht sind und bei immer mehr Personen weiter schrumpfen werden.«

Leistungen, die das Einkommen stabilisieren, sowie die Arbeitsplatzsicherung dürften wesentlich dazu beitragen, dass Beschäftigte in Kurzarbeit die Krisenpolitik der Bundesregierung positiver bewerten als Arbeitslose. »Die Zustimmungswerte zeigen aber Erosionstendenzen. Dieser Prozess könnte sich fortsetzen oder gar beschleunigen, wenn es Kurzarbeit immer weniger gelingt, die Krisenphase zu überbrücken. Bereits im November war die Furcht vor Jobverlusten unter Kurzarbeiter:innen gerade in den besonders bedrohten kleinbetrieblichen Teilbereichen des Handels und vor allem dem Gastgewerbe stark verbreitet.«

Der erneute Lockdown seit November letzten Jahres hat die Zahl der Kurzarbeiter:innen wieder ansteigen lassen. Gleichzeitig sind davon erneut prekär Beschäftigte besonders betroffen und die Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt sich weiter. Die Kurzarbeitenden kommen selbst bei Aufstockung durch die Arbeitgeber kaum über die Runden. Und die, die arbeitslos werden, müssen mit dem bescheidenen Arbeitslosengeld auskommen, und fallen schnell in Hartz IV. Nicht zuletzt deshalb haben ver.de und die Gewerkschaft NGG eine Online-Petition Mindest-Kurzarbeitergeld JETZT! auf den Weg gebracht. Hier wie bei den sozialen Mindestsicherungsleitungen müsste dringend nachjustiert werden, was aber von der schwarz-roten Bundesregierung nicht zu erwarten ist.

Vor allem die Mini-Jobs müssten neu reguliert werden. Für die Linkspartei fordert Sabine Zimmermann im November im Bundestag, dass jede abhängige Beschäftigung ab dem ersten Euro der vollen Sozialversicherungspflicht unterliegen müsse: »Die Minijobs müssen in dieser Form abgeschafft werden. Wir haben in Deutschland in den letzten Jahren einen enormen Niedriglohnsektor hier gesehen, der mit den Hartz-IV-Reformen schon vor 20 Jahren sozusagen eingeführt worden ist. Wir sind in Europa fast der größte Niedriglohnsektor. Und hier muss sich was verändern.«

Anmerkung

[1] Siehe hierzu auch den Beitrag Zombifizierung der Wirtschaft? Über die abenteuerliche Auffassung, dass Kurzarbeit auf Kosten des Strukturwandels gehe von Otto König und Richard Detje in Sozialismus.de, Heft 1-2021.
[2] Toralf Pusch/Hartmut Seifert, Stabilisierende Wirkungen durch Kurzarbeit, Wirtschaftsdienst 1/2021. Die folgende Darstellung stützt sich auf diese Studie.

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