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18. August 2018 Ulrich Duchrow

Religionen als Bundesgenossen für Kapitalismuskritik

Mit dem Zusammentreffen von 500 Jahren Reformation und 150 Jahren »Das Kapital« im Jahr 2017 hat der Dialog zwischen Christen und Marxisten an Intensität zugenommen. Es gibt beim Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung grundlegende Gemeinsamkeiten zwischen Menschen, die sich in religiösen Gemeinschaften engagieren, und Menschen, die sich auf Marx berufend in linken politischen Zusammenhängen betätigen.

Dies hatte bereits durch die Wahl von Jorge Mario Bergoglio SJ zum Papst Franziskus und dessen Schreiben »Evangelii Gaudium« mit dem öffentlichkeitswirksamen Slogan »Diese Wirtschaft tötet« zusätzliche Aufmerksamkeit hervorgerufen und internationale Debatten befördert. Sichtbar wurde eine große Ökumene in der klaren Ablehnung von Geist, Logik und Praxis des Kapitalismus, die »von den Rändern ins Zentrum«3 rückte, sowohl in den Vollversammlungen des Lutherischen und des Reformierten Weltbundes (Accra-Bekenntnis) 2003 und 2004, der Bischofskonferenz der Alt-Katholiken (2006) wie auch in der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen 2013 in Busan, zu dem zusätzlich orthodoxe, anglikanische, baptistische, methodistische und pfingstlerische Kirchen gehören. Sie alle, zusammen mit Papst Franziskus (2013) kritisieren einmütig den »Götzendienst« im Kapitalismus und verwenden damit eine Grundkategorie der Kapitalismuskritik bei Marx.

Insofern lag es nahe, dass aus linker christlicher Sicht auch der 200. Geburtstag von Marx angesichts des Zustandes der Welt zum Anlass genommen wurde, Kapitalismuskritik als Herausforderung aufzugreifen und auf das gemeinsame Erbe von Christen und Marx nicht nur aufmerksam zu machen, sondern ein Angebot an Marxist*innen und Linke zu unterbreiten, voneinander zu lernen und ein gemeinsames Verständnis dessen, wie der Kapitalismus funktioniert, voranzubringen. Auf diese Debatten beziehen sich Ulrich Duchrow und Franz Hinkelammert im Supplement der September-Ausgabe von Sozialismus.de. Wir dokumentieren im Folgenden den Schluss des Beitrags von Ulrich Duchrow.


Ulrich Duchrow

Durch Religionskritik hindurchgegangene Religionen als Bundesgenossen für die Überwindung des Kapitalismus

 

Inzwischen haben sich in allen Weltreligionen Bewegungen gebildet, die den imperialen Kapitalismus verwerfen und an Alternativen arbeiten (vgl. Duchrow 2017: 119ff.). In der christlichen Ökumene wirken diese Bewegungen in den Kirchen der protestantischen Weltbünde und des protestantisch-orthodoxen Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) ebenso wie in der Römischen Kirche seit dem II. Vaticanum. Sie heißen auch befreiungstheologische Bewegungen. Seit Jahrzehnten wird im ÖRK und den protestantischen Weltbünden an diesen Fragen gearbeitet. 2003 hat der Lutherische Weltbund die kapitalistische Globalisierung bereits als Götzendienst gebrandmarkt. Der Reformierte Weltbund hat nach einem siebenjährigen Prozess 2004 im Accra-Bekenntnis eine regelrechte Verwerfung des kapitalistisch-imperialen Systems vorgenommen (siehe Kairos Europa 2005). Bei der letzten Vollversammlung des ÖRK in Busan/Korea im November 2013 gab es mehrere Dokumente im gleichen Sinn (siehe Kairos Europa 2013). Die Alternative heißt hier »Wirtschaften im Dienst des Lebens«. Ebenfalls im November 2013 folgte Papst Franziskus mit seinem Apostolischen Brief »Evangelii gaudium«. Darin heißt es klipp und klar (siehe hierzu auch Segbers/Wiesgickl 2015): »Diese Wirtschaft tötet! ... Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung... Nein zur neuen Vergötterung des Geldes... Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen: Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt.«

Befreiungstheologische und damit kapitalismuskritische Ansätze finden sich heute in allen Achsenzeitreligionen und -philosophien (ausführlich dargestellt in Duchrow 2013: 123ff.) Diese positive Bezugnahme auf Religion kann aber erst glaubwürdig sein, wenn sie die Religionskritik durchschritten hat. Die entscheidende Frage dabei ist die nach dem Verhältnis von Religion und Macht. Weil Religion große Macht über Menschen ausübt, interessiert sich (politische, wirtschaftliche und ideologische) Macht für Religion, um diese ihren Interessen nutzbar zu machen. Das hat jetzt Hans Joas erneut herausgearbeitet (2017: 419ff.). Er geht aus von der Existenz von Transzendenzvorstellungen als Tatsache, was Sakralisierung als anthropologisches Phänomen aufweist. Es geht dabei um Spiel, Selbstwerdung in sozialer Interaktion und Selbsttranszendenz im Sinn des Ergriffenwerdens. Daraus ergibt sich die Frage nach Sakralität und Macht. Historisch zeigt sich dies einerseits an der Sakralisierung von Herrscherfiguren als einer Form von Selbstsakralisierung, die immer auch kollektive Selbstsakralisierung bedeutet. Andererseits zeigt Sakralisierung sich als kritische Infragestellung von Macht. Beides ist zu studieren am Christentum als ursprünglich imperiumskritischer Bewegung, die mit Konstantin ab 312 zur Selbstsakralisierung mutiert (wie heute wieder im Nationalismus oder »christlichem Abendland«), dann aber immer wieder auch Reformbewegungen hervorbringt.

Dieser Schlüssel der Interpretation für vielfältige Konstellationen zwischen Religion und Macht ist nicht neu. Schon das Südafrikanische Kairosdokument (1985) unterschied Staats-/Kapitaltheologie und prophetische Theologie – fügte aber eine dritte Kategorie hinzu, die bei Joas fehlt: Kirchentheologie, die Versöhnung ohne Gerechtigkeit predigt. Erstere hat sich aktiv an die politische und oder die ökonomische Macht angepasst. Kirchentheologie will Versöhnung ohne Gerechtigkeit und ist damit passive Anpassung. Marx gibt ein Beispiel: »Die englische Hochkirche z.B. verzeiht eher den Angriff auf 38 von ihren 39 Glaubensartikeln als auf 1/39 ihres Geldeinkommens. Heutzutage ist der Atheismus selbst eine culpa levis (kleine Sünde), verglichen mit der Kritik überlieferter Eigentumsverhältnisse.« (MEW 23: 16)

Den Quellen angemessene prophetische Theologie entsteht zur Zeit nicht nur in allen großen Glaubensgemeinschaften, sondern vor allem auch in den indigenen Kulturen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Letztere bringen in die interkulturelle Frage nach einer alternativen Kultur des Lebens die Frage nach dem »guten Leben« (sumak kawsay u.a.) als Ausgangspunkt des Denkens und Handelns ein – weg vom in Geld gemessenem BIP. Damit wird das Leben, ja das Gut Leben für alle in Harmonie mit der Natur anstelle des maximalen Profits der wenigen ins Zentrum der Wirtschaftsorganisation und des Denkens gerückt.

Mit diesen Überlegungen zeigt sich, dass Religion über Marx hinaus als ambivalent zu verstehen ist. Schon er sah, dass Religion gleichzeitig Ausdruck von elenden Verhältnissen und Protest dagegen ist. Dass aber die Frage von Sakralität und Macht in jeder Situation neu bearbeitet werden muss und damit Religion auch bei Verbesserung der Verhältnisse nicht einfach verschwindet, sondern jeweils der Kritik zu unterziehen ist, aber hindurch durch diese Kritik unverwechselbare machtvolle Beiträge zum Menschsein des Menschen bietet, vernachlässigte Marx.

Der zentrale Punkt, an dem alle humanistischen Kräfte benötigt werden, ist die religionskritische Aufdeckung des Kapitalfetischismus. Dieser Automatismus raubt der Menschheit die Kontrolle über ihr zukünftiges Schicksal. Er macht die zerstörerischen Wirkungen des Kapitalakkumulationszwangs und damit des Wachstumszwangs der Wirtschaft unsichtbar und treibt uns immer weiter in das »Kapitalozän« – das Erdzeitalter, in dem die Menschheit dem Kapital die Macht gegeben hat, ihr eigenes Überleben infrage zu stellen (siehe hierzu Moore 2016 und Altvater 2016).

Nach dem Scheitern des Staatssozialismus und der Zerstörung der Solidarität der Arbeiter*innenklasse durch den neoliberalen Kapitalismus ist es höchste Zeit, dass alle Bewegungen, die um der Erde und der Menschen willen bereit sind, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«, Bündnisse bilden und ihre jeweiligen Stärken in den Kampf einbringen (siehe hierzu Ramminger/Segbers 2018). Dabei können sie ihre alten Differenzen bearbeiten und eine Kultur des Lebens entwickeln, die nicht nur post-kapitalistische politisch-ökonomische Strukturen, sondern auch post-imperiale Lebensweisen und solidarische menschliche Beziehungen untereinander inklusive ihrer ästhetischen Qualitäten verwirklicht – in Richtung auf das »Reich der Freiheit«, das auch ein Reich der Schönheit und der Freude ist.


Literatur

  • Altvater, Elmar (2016): Rationale Naturzerstörung. Der Mensch lebt im »Anthropozän« – oder eher im »Kapitalozän«? Zum Streit um einen Namen für das Zeitalter eines kaputten Planeten, in: Junge Welt vom 1.2.
  • Duchrow, Ulrich (2013): Gieriges Geld: Auswege aus der Kapitalismusfalle – Befreiungstheologische Perspektiven. München: Kösel; ulrich-duchrow.de/wp-content/uploads/2017/02/0000-Buch-Gieriges-Geld-komplett-9783466370696.pdf
  • Duchrow, Ulrich (2017): Mit Luther, Marx und Papst den Kapitalismus überwinden. Eine Flugschrift in Kooperation mit Publik-Forum, Hamburg, VSA.
  • Joas, Hans (2017): Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp (2. Aufl.).
  • Kairos Europa (Hrsg.) (2005): Kirchen im ökumenischen Prozess für gerechte Globalisierung – Von Winnipeg 2003 über Accra 2004 nach Porto Alegre 2006. Heidelberg: Kairos Europa e.V.
  • Kairos Europa (Hrsg.) (2013): Von den Rändern her in Richtung globale Transformation! »Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens« – Hoffnung auf einen neuen kirchlichen Aufbruch für das Leben?, Heidelberg: Kairos Europa.
  • Moore, Jason W. (Hrsg.) (2016): Anthropocene or capitalocene? Nature, history, and the crisis of capitalism. Oakland, CA: PM.
  • Ramminger, Michael/Segbers, Franz (Hrsg.) (2018): »Alle Verhältnisse umzuwerfen und die Mächtigen vom Thron zu stürzen«. Das gemeinsame Erbe von Christen und Marx, Hamburg: VSA.
  • Segbers, Franz/Wiesgickl, Simon (Hrsg.) (2015): »Diese Wirtschaft tötet« (Papst Franziskus). Kirchen gemeinsam gegen den Kapitalismus. Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung für Ulrich Duchrow. Hamburg: VSA in Kooperation mit Publik-Forum.

Ulrich Duchrow ist apl. Prof. für systematische Theologie an der Universität Heidelberg. Seit 1969 ist er in der ökumenischen Bewegung tätig; er ist Mitbegründer des ökumenischen Basisnetzwerkes Kairos Europa und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von attac. Letzte Buchveröffentlichung: Mit Luther, Marx und Papst den Kapitalismus überwinden, Hamburg 2017.

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