3. Januar 2026 Redaktion Sozialismus.de: Die Aktualisierung der Monroe-Doktrin
Trump räumt in Venezuela auf
In der Nacht zum Samstag und am frühen Morgen haben die USA Ziele in Venezuela angegriffen, den dortigen Präsidenten Nicolás Maduro und seine Ehefrau Cilia Flores gefangen genommen und in die USA verschleppt.
Die vorgeschobene Begründung lieferte zunächst die amerikanische Justizministerin Pam Bondi auf der Plattform X: Maduro sei wegen »Verschwörung zum Drogenhandel und Terrorismus, Verschwörung zur Einfuhr von Kokain, sowie Verschwörung zum Besitz von Maschinengewehren und Sprengkörpern« von einem Gericht im Südbezirk von New York angeklagt worden.
US-Präsident Donald Trump, der den Angriff auf das südamerikanische Land und die Gefangennahme Maduros bereits zuvor auf seiner Plattform Truth Social bestätigt hatte, wiederholte diesen Aspekt in seiner späteren Pressekonferenz in Mar-a-Lago. Aber weder er noch sein Kriegsminister Pete Hegseth machten bei dieser Gelegenheit einen Hehl daraus, dass es um weit mehr ging.
Auch wenn Maduro jetzt weg sei, werde man das Land so lange regieren, bis es einen »sicheren, ordnungsgemäßen und vernünftigen Übergang« erreicht hätte, nötigenfalls sei man bereit einen zweiten Angriff zu starten, um den Regime Change abzusichern. Außerdem habe Venezuela einst die USA um die Erdölvorkommen dort bestohlen, die man in Zukunft wieder effektiver ausbeuten werde. Und schließlich richtete Trump auf der Pressekonferenzinteressen eine letzte Botschaft an den Rest der Welt: Wir haben das effektivste und machtvollste Militär, das solche Operationen überall erfolgreich durchführen könne.
Die US-Kampagne gegen den venezolanischen Präsidenten ist das jüngste Kapitel in einer langen Geschichte der US-Intervention im karibischen Becken, die in der Monroe-Doktrin von 1823 wurzelt, aber im 20. Jahrhundert nur unvollständig verwirklicht wurde – angeblich um die Interessen der USA zu schützen und dem Kommunismus entgegenzuwirken.
Bereits in den letzten Monaten haben die USA Boote zerstört und dabei über 100 Menschen getötet, von denen das Weiße Haus behauptet, dass sie venezolanische Drogen transportiert hätten. Zu den weiteren Formen militärischer Intervention gehörten die Beschlagnahme von venezolanischen Öltankern, und zuletzt ein CIA-Angriff auf ein venezolanisches Dock.
Diese völkerrechtswidrigen Aktionen der USA finden ihre Begründung in der neuen nationalen Sicherheitsstrategie der Trump-Administration vom November 2025 (siehe hierzu auch den Beitrag von Joachim Bischoff und Friedrich Steinfeld in der Januar-Ausgabe von Sozialismus.de), in der es unter anderem heißt: »Nach Jahren der Vernachlässigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin wieder geltend machen und durchsetzen […] Diese ›Trump-Ergänzung‹ zur Monroe-Doktrin ist eine vernünftige und wirksame Wiederherstellung der amerikanischen Macht und Prioritäten.«
Dieser Selbsteinschätzung als eine vernünftige Wiederherstellung der amerikanischen Macht muss scharf widersprochen werden. Wie die jetzt erfolgte praktische Umsetzung zeigt, handelt es sich um einen Rückfall in die Zeiten der kolonialer Eroberungsstrategien. Die Monroe-Doktrin wurde vor mehr als einem Jahrhundert von US-Präsident Theodore Roosevelt als Handlungsmaxime ausgeben.
In der Doktrin von 1823 warnte der damalige Präsident James Monroe die europäischen Mächte davor, sich in die Region einzumischen (»Amerika den Amerikanern« hieß es darin unter anderem). Er fürchtete eine Intervention europäischer Monarchien in den jungen Republiken Südamerikas, erklärte diese vor dem Kongress kurzerhand zum exklusiv amerikanischen Einflussgebiet, so »dass die amerikanischen Kontinente fortan nicht als Ziele künftiger Kolonisierung durch irgendwelche europäischen Mächte gelten sollen«. Sein Gegenversprechen: Amerika werde sich aus Europa heraushalten.
Theodore Roosevelt, der selbst 1898 in Kuba gegen Spanien kämpfte, erweiterte diese Doktrin um das US-Recht als regionaler Polizist mit militärischer Gewalt zu agieren, falls der diplomatische Druck nicht ausreiche, um US-Interessen durchzusetzen. Und die aktuelle nationale Sicherheitsstrategie verkündet nicht weniger als »eine Trump-Folgerung aus der Monroe-Doktrin«, und erklärt ganz Lateinamerika zum strategischen Vorfeld der USA, Das hässliche Wort von Lateinamerika als »Hinterhof« der USA geht auf diese an Monroe geschulte Politik zurück. Die Monroe-Doktrin in all diesen Varianten war historische und ist aktuell Bestandteil der kolonialistisch-imperialistischen Eroberungspolitik nicht nur der USA, sondern der kapitalistischen Hauptländer.
Aus ihr folgte eine lange Reihe von US-Militärinterventionen in Lateinamerika – um von den diversen Aktivitäten der CIA dort (wie z.B. beim Putsch in Chile 1973 gegen Salvador Allendes »Unidad Popular«) nicht zu reden. Aber man erinnere sich an die Invasion in Panama Ende 1989, die, ganz ähnlich wie jetzt in Venezuela, zur Festnahme von Präsident Manuel Noriega führte. Er wurde außer Landes gebracht und 1992 von einem US-Gericht unter anderem wegen Drogenhandel verurteilt; den Rest seines Lebens verbrachte er in US-amerikanischen, französischen und panamaischen Gefängnissen.
Die Parallelen zu Trumps neuer Strategie sind offensichtlich, ebenso wie die Variationen: Die neue Sicherheitsstrategie akzeptiert die NATO, aber nicht ihre weitere Ausdehnung. Sie spricht von »unserer Hemisphäre«, schickt Grüße außer nach Venezuela auch nach Grönland, verzichtet allerdings nicht auf die aktive Einmischung in Übersee. Was »America First« in der neuen Auflage bedeutet, ist unter anderem an seiner erratischen Ukraine-Politik zu besichtigen, die nicht zuletzt Geschäftsabsichten verfolgt.
Trump ist also kein Sonderfall der US-Geschichte, sondern eher der Normalfall. Im Rückblick erscheint die Periode von 1941 bis 2017, vom Kriegseintritt der USA bis zu Trumps erster Vereidigung, fast als Ausnahme, wenn man nur die bekundeten Grundsätze in den Blick nimmt: eine Zeit des Internationalismus, mit einer wertegetriebenen Außenpolitik, die die eigenen Verfassungsprinzipien in der Welt verbreiten wollte.
So hehr allerdings die Grundsätze, so schmutzig waren bisweilen die Methoden – freilich fiel dies denjenigen nicht auf, die sich von Anbeginn auf der richtigen Seite der Geschichte sahen. In ihrem Sinne war alles Handeln Ausfluss der eigenen moralischen Überlegenheit über die Alte Welt. Ex-Außenminister Henry Kissinger hat das auf die spöttische Formel gebracht: »Die amerikanische Außenpolitik bestand darin, keine zu betreiben.«
Mit seiner neuen Nationalen Sicherheitsstrategie von November 2025 hat es der aktuelle US-Präsident persönlich übernommen, die im 20. Jahrhundert erreichten Errungenschaften des internationalen Rechts auszusetzen. Diese Operation erfolgt zugleich unter eklatanter Verletzung der demokratischen Verfassungsordnung der USA.
Nach dem aktuellen Angriff der USA auf Venezuela haben mehrere US-Parlamentarier zurecht Kritik an der Rechtmäßigkeit des Vorgehens geäußert. Der demokratische Senator von Arizona, Ruben Gallego, schrieb im Kurznachrichtendienst X: »Dieser Krieg ist illegal. Es ist beschämend, dass wir uns vom Weltpolizisten zum Weltmobber entwickelt haben. Es gibt keinen Grund, warum wir mit Venezuela im Krieg sein sollten.«
Und selbst ein Parteifreund von Trump, der republikanische Senator Mike Lee von Utah, meldete Zweifel an: »Ich bin gespannt darauf zu erfahren, was – falls überhaupt etwas – diese Handlung verfassungsrechtlich rechtfertigen könnte, angesichts des Fehlens einer Kriegserklärung oder einer Genehmigung zum Einsatz militärischer Gewalt.«
Der brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva verurteilte den US-Angriff und die Gefangennahme Maduros, das sei »ein schwerwiegender Affront gegen die Souveränität Venezuelas und ein extrem gefährlicher Präzedenzfall für die internationale Gemeinschaft«. In Europa rief die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas zwar ebenfalls zur Achtung des Völkerrechts auf, äußerte aber zugleich Verständnis für den Regime Change, denn die EU habe wiederholt erklärt, dass Maduro die Legitimität fehle.
Das Auswärtige Amt Deutschlands verfolgt immerhin die Lage »mit größter Sorge«, der Transatlantik-Koordinator der Bundesregierung, Metin Hakverdi (SPD), verweist darauf, man müsse den US-Angriff vor dem »Hintergrund der neuen nationalen Sicherheitsstrategie der USA« verstehen. Roderich Kiesewetter (CD) sagte der Bild-Zeitung: »Die USA verlassen mit Präsident Trump endgültig die regelbasierte Ordnung, die uns seit 1945 geprägt hat«. Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, spricht dagegen im Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) von einem »Signal der Hoffnung für Venezuela«, denn Maduro habe »seit vielen Jahren die Zivilgesellschaft unterdrückt und Terror und Drogen in der Region verbreitet«.
Auch für Omid Nouripour (Grüne) hat »Maduro hat den Menschen in Venezuela ihre Freiheit geraubt«, doch mit Trumps Alleingang »zerbröselt die regelbasierte internationale Ordnung«. Der Ko-Parteichef der Linken, Jan van Aken, erklärte: »Wer wie Trump das Völkerrecht bricht und Präsidenten entführen lässt, der betreibt brutalen Staatsterrorismus.« Und der Fraktionsvorsitzende der Partei im Bundestag Sören Pellmann schrieb in seiner Pressemitteilung: »Trumps Regime-Change-Politik […] riskiert einen Flächenbrand, destabilisiert eine ganze Region und trifft am Ende vor allem die Zivilbevölkerung«.












