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21. Dezember 2020 Joachim Bischoff/Gerd Siebecke

Wir trauern um Leo Panitch (3. Mai 1945-19. Dezember 2020)

Am 19. Dezember verstarb in Toronto der marxistische Wissenschaftler und langjährige Mitherausgeber des »Socialist Register« Leo Panitch. Mit ihm verliert nicht nur die Linke in Kanada und in den USA einen wichtigen Theoretiker und politischen Akteur.[1]

Leo Victor Panitch wurde am 3. Mai 1945 im kanadischen Winnipeg, Manitoba, als Kind von jüdisch-ukrainischen Einwanderern geboren. Er besuchte eine weltliche jüdische Schule und erlangte 1967 einen Bachelor of Arts in Wirtschafts- und Politikwissenschaften an der University of Manitoba. Im Alter von 22 Jahren ging er nach London an die »London School of Economics«. Von 1984 an lehrte er Politikwissenschaft an der York University in Toronto. Ab 1985 war er Mitherausgeber des »Socialist Register«, das sich selbst als »jährliche Bewertung von politisch-sozialen Bewegungen und Ideen aus der Sicht der unabhängigen neuen Linken« verstand.[2]

Leo war nicht nur Hochschullehrer, sondern zugleich ein herausragender linker Intellektueller des angelsächsischen Raumes. Er stand in den letzten Jahrzehnten im Zentrum der internationalen marxistischen Diskussionen über die Gestalt und Zukunft der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaftsformation und sozialistischer Gegenstrategien. Sein Verdienst war neben seiner universitären und außeruniversitären Unterrichts- und Forschungstätigkeit die Gestaltung der weltweiten Debatte der »Neuen Linken«. Über seine Herausgebertätigkeit des »Register« organisierte er wichtige Debatten der sozialistischen Intellektuellen und baute so eine Brücke  zwischen den Diskursen und Kontinenten der verschiedenen sozialistischen Traditionsstränge.

Zweck und Ziel des »Registers« am Ende des 20. Jahrhunderts umschrieb Leo wie folgt: Aufgrund ihres »dogmatischen Bezugs auf die Vergangenheit, der zu einem fehlerhaften oder einseitigen Verständnis der Gegenwart und irrigen Prognosen des Kommenden führte«, war die Linke »oft im Unrecht, verwirrt und geblendet« gewesen. Gerade deshalb bedürfe es nun für eine wirklich ernsthafte »Betrachtung der gegenwärtigen Welt« vor allem einer »gut informierten, sachlichen und präzise kritischen Auseinandersetzung mit den herrschenden Ideen und der Politik der Machthaber und derjenigen, die sie an der Macht halten«.[3]

Zur Richtschnur der Herausgeber und ihres Einwirkens auf die internationalen Debatten gehörte weiter, dass heute zugleich »endlich begriffen werden [muss], dass einem großen Teil der Theorien, die in den 1980er Jahren zum Rückzug der Intellektuellen führten, entging, dass die strategischen Entscheidungen der Partei- und Gewerkschaftsführer von höchst pragmatischen Kalkulationen bestimmt waren und nicht von Marx’ Schriften oder diesem oder jenem marxistischen Theoretiker«. Von dieser Überlegung aus komme man zu der zentralen Fragestellung, »worin heute, mitten in einer enormen Umstrukturierung der Arbeit auf globalem Niveau, eine Strategie der Arbeiterbewegung bestehen könnte«.

Der Kurzschluss einer Konzentration auf die Industriearbeiterschaft müsse vermieden werden, denn »die Frage nach den damit verbundenen organisatorischen und politischen Implikationen in erster Linie auf die schwindende industrielle Basis der Arbeiterbewegungen zu beziehen, ist reichlich kurzsichtig, da es die schon lange existierende gewerkschaftliche Organisierung vieler ›Dienstleistungs‹-Arbeiter ignoriert – angefangen bei den städtischen Arbeitern in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts über die Lehrerinnen und Krankenschwestern in den 1960er und 1970er Jahren bis zu der Walmart-Arbeiterklasse heute«.

2012 veröffentlichte Leo Panitch zusammen mit seinem Freund Sam Gindin das Buch »The Making of Global Capitalism: The Political Economy of American Empire« (2012) – eine Studie über das mehr als ein Jahrhundert umfassende Wachstum eines globalen kapitalistischen Systems. Die Autoren argumentieren, dass »Globalisierung« kein unvermeidliches Ergebnis des expansiven Kapitalismus war, sondern bewusst von Amerika, dem mächtigsten Staat der Welt, geplant und verwaltet wurde.

Die These von der Zentralität der US-Wirtschaft für den globalen Kapitalismus prägte später auch ihre Analyse und Bewertung des Trumpismus:[4] »So wie das synchronisierte globale Wachstum endlich das Ende der ersten großen Wirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts zu markieren schien, läutete die Wahl von Donald Trump eine politische Krise für den globalen Kapitalismus ein. Wie die Ereignisse von 2018 zeigen, wird diese Krise die Leistungsfähigkeit der politischen Administration und der staatlichen Strukturen auf eine harte Probe stellen, auch wenn völlig klar bleibt, dass kein anderer Staat in der Lage sein wird, die Führungsrolle der USA zu übernehmen.«

Schon in dieser Fortschreibung ihrer Analyse des US-Kapitalismus deuten Panitch und Gindin das Ende des Trumpistischen Albtraums an: »Wir sollten ... erwarten, dass die angesammelten Frustrationen und anhaltenden Widersprüche im Zusammenhang mit der kapitalistischen Globalisierung, die Trump hervorgebracht hat, nicht verschwinden werden. Angesichts der immer größer werdenden Herausforderungen, die die Verwaltung der globalen kapitalistischen Ordnung mit Sicherheit mit sich bringen wird, wird es auch nicht einfach sein, die ideologische Hegemonie des informellen Imperiums wiederherzustellen.«

Die Administration Trump ist nunmehr abgewählt worden und hat sowohl in den USA als auch im globalen Kapitalismus einen Trümmerhaufen hinterlassen. Das neue Team unter Joe Biden und Kamala Harris muss unter den verschärften Bedingungen der globalen Corona-Pandemie enorme Anstrengungen zur Rekonstruktion unternehmen. Zugleich ist eine Rekonstruktion des gesellschaftlichen Gesamtreproduktionsprozesses des US-Kapitalismus neben der Wiederherstellung der globalen Wertschöpfungsketten konfrontiert mit der aufsteigenden Weltmacht VR China. Und diese Rekonstruktion ist dadurch belastet, dass die Ökonomie auf nachhaltige Produktion umgestellt werden muss.

Ob diese große Transformation einer globalen kapitalistischen Gesellschaftsformation gelingen wird oder ob demgegenüber nicht eine Transformation in eine sozialistische Gesellschaftsformation zukunftsfähiger wäre und stark gemacht werden müsste, gehört zu den Weichenstellungen, vor denen die internationale sozialistische Linke steht.

Bei der Bewältigung dieser Herausforderung der Analysen und der Entwicklung realistischer Alternativen zum Kapitalismus wird uns der große sozialistische Intellektuelle Leo Panitch fehlen.

Anmerkungen

[1] Ein ausführlicherer Nachruf erscheint in der Januar-Ausgabe 2021 von Sozialismus.de.
[2] Seit 1997 wird dieser Jahresband der internationalen sozialistischen Linken vom VSA: Verlag im deutschsprachigen Raum vertrieben.
[3] Leo Panitch, Klassen und Politik 1964-2014. 50 Jahre SOCIALIST REGISTER. Supplement der Zeitschrift Sozialismus 6/2014; die folgenden Zitate sind aus diesem Text.
[3] Leo Panitch/Sam Gindin. »Trumping the Empire«. Sozialismus.de, Supplement zu Heft 1/2019; der Beitrag erschien zuerst im Socialist Register 2019: A World Turned Upside down? Hrsg. von Leo Panitch und Greg Albo; die folgenden Zitate sind aus diesem Text.

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