15. März 2026 Redaktion Sozialismus.de: Die Bedeutung von Öl-Exporten im Iran-Krieg

Eskalation und rote Linien

Ölanlagen auf Kharg (Foto: Screenshot)

Die USA haben den Krieg gegen Iran weiter eskaliert und die im nördlichen Persischen Golf liegende Insel Kharg angegriffen. Laut US-Präsident Donald Trump wurde »jedes militärische Ziel« ins Visier genommen und zerstört. Erneut spricht er vorschnell von einem vollständigen Sieg nach zwei Wochen Luftkrieg. Das militärische Kräfteverhältnis legt jedoch vorsichtigere Schlussfolgerungen nahe.

Der Angriff auf Kharg am Freitagabend war laut Angaben des US-Zentralkommandos (Centcom) ein groß angelegter Präzisionsschlag. »Die US-Streitkräfte haben erfolgreich mehr als 90 iranische Militärziele auf der Insel Kharg angegriffen, wobei die Ölinfrastruktur verschont blieb«, schreibt Centcom auf X und zeigt Videoaufnahmen von den Bombenangriffen.

Der Angriff zerstörte danach Lager für Seeminen, Raketenbunker und zahlreiche weitere militärische Einrichtungen. Trump hatte zuvor damit gedroht, die Ölinfrastruktur auf Kharg anzugreifen, sofern Teheran nicht aufhöre, Schiffe in der Straße von Hormuz anzugreifen. Auf der Insel im Persischen Golf befindet sich Irans wichtigster Ölhafen. Dort wird fast dessen gesamter Ölexport umgeschlagen.

Die US-Streitkräfte haben nach Angaben von Trump die militärischen Anlagen dort zwar zerstört, aber auf eine Zerstörung der Öl-Infrastruktur habe er vorerst verzichtet, schrieb er auf Truth Social. Sollte Iran oder jemand anders die Durchfahrt von Schiffen durch die Straße von Hormus versuchen dauerhaft zu behindern, werde er die Entscheidung »sofort überdenken«. Auch die iranische Führung ließ unterdessen mitteilen, dass der Ölbetrieb auf der Insel trotz der Angriffe »normal« weiterlaufe und bestätigen, dass bei den Angriffen keine Ölinfrastruktur beschädigt wurde.

Obwohl der Kriegspartner Israel bereits vor einer Woche Öldepots in Teheran angegriffen hatte, sind die USA bei Attacken auf die iranische Energieinfrastruktur zurückhaltend und treten auf die Bremse, auch weil die Risiken zu hoch sind: Das Land könnte mit Angriffen auf die Ölindustrie am Golf antworten, China direkt in den Konflikt hineingezogen, außerdem solle einer möglichen neuen iranischen Regierung keine verbrannte Erde hinterlassen werden.

Laut Berichten des Nachrichtenportals «Axios» und der «Times of Israel» hielten die USA die Angriffe für »keine gute Idee«. Der US-Energieminister Chris Wright hatte im Gespräch mit dem Fernsehsender CNN geäußert, die USA hegten »keine Pläne, die iranische Ölindustrie, die iranische Erdgasindustrie oder irgendetwas anderes im Zusammenhang mit der iranischen Energieindustrie ins Visier zu nehmen«.

Für die USA sind Attacken auf Khargs Energieinfrastruktur offenbar eine rote Linie. Demgegenüber hatte der israelische Oppositionsführer Yair Lapid die Angriffe auf die iranische Ölindustrie nicht nur verteidigt, sondern für eine weitere Eskalation plädiert: »Israel muss alle Ölfelder und die gesamte Energieindustrie Irans auf der Insel Kharg zerstören.«

Es gibt wichtige Gründe, die die USA derzeit von einem Angriff auf das Herz der iranischen Ölindustrie abhalten. Laut «Financial Times» werden weiterhin Supertanker auf Kharg beladen und auch deren Weiterfahrt nicht gestoppt. So passierten laut einem Öl-Experten mindestens zwei Tanker die Straße von Hormus in Richtung China. Die USA lassen die Schiffe durchfahren, obwohl Iran die Seeroute für ausländische Frachter faktisch geschlossen hat. Die US-Regierung will den Konflikt vor allem gegenüber China nicht eskalieren lassen.

Die Straße von Hormus ist eine Schlüsselroute auch für Rohstofftransporte. Sollten die USA Khargs Ölanlangen angreifen, könnte China zurückschlagen, indem es die Ausfuhr für seltene Erden verschärft, was die US-Wirtschaft empfindlich treffen würde. China verarbeitet rund 90% der Rohstoffe, die unter anderem für Mikrochips benötigt werden.

Jüngst hatte der US-Präsident den Einsatz von »boots on the ground«, also den Einsatz von Spezialkräften für Bodenoperationen nicht ausgeschlossen. Am Freitag haben die USA laut dem «Wall Street Journal» beschlossen, zusätzliche Schiffe mit5.000 Marines in den Nahen Osten zu verlegen, die ggf. die Insel besetzen könnten. Es gibt dennoch Gründe, die gegen eine Eroberung von Kharg sprechen.

Erstens könnte Iran die Pipelines, die das Öl vom Festland nach Kharg pumpen, zerstören und die Insel als Umschlagplatz unbrauchbar machen. Zweitens wäre Irans Vergeltung für die Kommandoaktion wahrscheinlich massiv. »Wir gehen davon aus, dass Iran in dem Fall die Ölproduktion in den Emiraten, in Saudi Arabien und vielleicht auch im Irak und in Kuwait angreift.« Irans Streitkräfte drohten nach dem Angriff gegen militärische Ziele auf Kharg bereits mit solchen Konsequenzen, falls Iran Ölindustrie ins Visier genommen werden würde: »Sollte dies geschehen, wird die gesamte Öl- und Gasinfrastruktur in der Region, an der die USA und ihre Verbündeten Interessen haben, in Brand gesetzt und zerstört werden.«

Bisher hat Iran zwar eine Raffinerie in Saudi-Arabien und ein Flüssiggasterminal in Katar beschossen. Die Ölproduktion in den Nachbarländern blieb jedoch unangetastet. Sollte sich das iranische Regime dazu entschließen, würden die Energiemärkte in den Abgrund gerissen werden. Ein Szenario, das Trump unbedingt vermeiden möchte, denn sollte das iranische Regime tatsächlich stürzen und eine den USA genehme Regierung an die Macht kommen, will Washington von der iranischen Ölindustrie profitieren.

Entsprechendes hatte auch der einflussreiche republikanische Senator Lindsey Graham, der sonst für immer härtere Schläge gegen Iran votierte, auf der Plattform X geschrieben: »Unser Ziel ist es, das iranische Volk auf eine Weise zu befreien, die seine Chance auf ein neues und besseres Leben nach dem Sturz dieses Regimes nicht zunichtemacht […] Irans Ölwirtschaft wird für dieses Unterfangen von entscheidender Bedeutung sein.«


Ölpreis über der 100-US-Dollar Marke

Der Erdölmarkt reagiert nervös auf die Eskalation im Nahen Osten. Neue Angriffe auf Schiffe und die Schließung wichtiger Terminals in der Region treiben die Preise hoch. Der Iran-Krieg sorgt laut Angaben der Internationalen Energieagentur IEA für eine beispiellose Störung der Ölversorgung. Er schaffe die »größte Versorgungsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarktes«, schreibt die IEA in einer Zusammenfassung ihres monatlichen Ölmarktberichts. Die Golfstaaten hätten die Ölproduktion um mindestens zehn Mio. Barrel pro Tag heruntergefahren.

Die IEA vermutet, dass die Versorgungsausfälle ohne eine rasche Wiederaufnahme des Verkehrsflusses weiter zunehmen. Für März rechnet die IEA mit einer um acht Millionen Barrel pro Tag niedrigeren Ölversorgung weltweit. Die Organisation geht von einer täglichen Rohöl-Nachfrage von gut 100 Mio. Barrel aus. Die IEA nennt vor allem den einbrechenden Verkehr durch die Straße von Hormus als Grund für die Engpässe. Vor dem Krieg seien täglich etwa 20 Mio. Barrel Öl durch die Meeresenge transportiert worden. Nun sei es nur mehr ein Rinnsal. Die Möglichkeiten, die Wasserstraße zu umgehen, seien eingeschränkt. 

Auch die Freigabe von Ölreserven durch die IEA am Donnerstag sorgte nicht für eine Entspannung. Die 32 Mitgliedsländer wollen 400 Mio. Barrel Rohöl an den Markt geben mit dem Ziel, die angespannten Märkte zu beruhigen.


Diskussion über Ende des Krieges und den Einsatz von Bodentruppen

Einen kräfteschonenden K.O.-Sieg gegen das iranische Regime wird es für die USA kaum geben. Zudem dürfte es für Donald Trump aus drei Gründen nicht einfach sein, einen Triumph nach Punkten für sich zu reklamieren. Trotz der harten Schläge durch die israelische und die amerikanische Luftwaffe und der gezielten Tötung iranischer Führungskräfte ist das Regime nicht kollabiert und zeigt sich in der Lage, den USA und ihren Verbündeten ebenfalls empfindliche Schmerzen zuzufügen.

Und auch wenn es stimmen sollte, dass die gesamte iranische Flotte und 60% der Raketenabschussrampen zerstört worden seien, halten nicht nur iranische Angriffe mit Raketen und Drohnen gegen andere Golf-Staaten an und die Meerenge von Hormus bleibt blockiert. Allein die Drohung mit Angriffen auf Tankschiffe hat den Verkehr im Nadelöhr der globalen Erdölversorgungpraktisch zum Erliegen gebracht. Das spüren auch Trumps Wähler*innen direkt in ihrem Portemonnaie. Zudem war der Krieg unter den amerikanischen Bürger*innen von Beginn an unpopulär (siehe hierzu ausführlicher Was wollen die USA im Iran-Krieg erreichen?).

Um doch noch ohne Gesichtsverlust mehr in diesem Krieg zu erreichen, diskutiert man im Weißen Haus angeblich über den Einsatz von Bodentruppen. Nach einem vertraulichen Iran-Briefing im Verteidigungsausschuss am Dienstag erklärte der demokratische Senator Richard Blumenthal: »Wir scheinen auf dem Weg zu sein, amerikanische Truppen am Boden in Iran einzusetzen, um eines der möglichen Ziele zu erreichen.«

Trump hat den Einsatz von Bodentruppen bisher nicht ausgeschlossen. Eine große Offensive bedürfte allerdings einer Vorbereitung von vielen Monaten. Kleinere Operationen wären zwar denkbar – etwa die Besetzung von Inseln in der Straße von Hormus, die Kontrolle über die iranischen Erdölterminals auf Kharg oder die Sicherstellung von 400 Kilogramm hochangereichertem Uran. Alle diese Missionen würden aber das Risiko von weiteren amerikanischen Toten oder Gefangenen bedeuten.

Republikanische Wähler*innen unterstützen den Luftkrieg bis jetzt mehrheitlich, aber den Einsatz von Bodentruppen lehnen auch sie ab. Ohnehin müssen Trump und die Republikaner mit einer heftigen Niederlage bei den Zwischenwahlen im November rechnen. Auf eine solche Niederlage hofft auch Iran. Denn kehren die Demokraten im Kongress in eine Machtposition zurück, dürften sie auch Netanyahus Rolle in diesem Krieg und die amerikanische Unterstützung dafür vermutlich kritisch hinterfragen.

Am Ende droht den USA erneut ein Schlamassel in einem asymmetrischen Krieg, obwohl die Amerikaner*innen diese Gefahr spätestens seit Vietnam kennen müssten. Damals sagte der Berater für nationale Sicherheit und spätere Außenminister Henry Kissinger: »Die Guerilla gewinnt, wenn sie nicht verliert. Die konventionelle Armee verliert, wenn sie nicht gewinnt.«

Der iranische Präsident Masud Pezeshkian hat Bedingungen für ein mögliches Kriegsende formuliert. Der einzige Weg zu einem Stopp der Kämpfe seien »feste internationale Garantien« für ein dauerhaftes Ende aller Angriffe, schrieb er auf X. Er forderte außerdem Reparationszahlungen. Zudem müssten die »legitimen Rechte von Iran« anerkannt werden. Beobachter*innen der iranischen Innenpolitik gehen davon aus, dass er damit auf die Wahl des neuen obersten Führers Mojtaba Khamenei und dessen internationale Anerkennung anspielte.

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