Die Entzauberung eines Kanzlers
Mittwoch, den 17.7.2024 |
19:00 Uhr | Hamburg | Stabi C.v. Ossietzky, Vortragsraum Von-Melle-Park 3
Im Rahmen der Reihe »indie stabi« der Liste Unabhängiger Verlage (LuV) in der Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky stellt  der VSA: Verlag seinen Autor Torsten Teichert und sein neues Buch vor. Der Eintritt ist frei.

Giuseppe Fiori
Das Leben des Antonio Gramsci
Herausgegeben von Christoph Nix
304 Seiten | EUR 19.80
ISBN 978-3-96488-218-9

Andreas Fisahn (Hrsg.)
Demokratie in Gefahr?
75 Jahre Grundgesetz
AttacBasisText 61
96 Seiten | EUR 8.50
ISBN 978-3-96488-219-6

Torsten Teichert
Die Entzauberung
eines Kanzlers

Über das Scheitern der Berliner Politik | Eine Flugschrift
108 Seiten | EUR 12.00
ISBN 978-3-96488-216-5

Thomas Eberhardt-Köster
Globalisierungskritik neu denken!
Eine andere Welt ist noch immer möglich!
Wie wir sie ändern müssen in Zeiten der großen (Un)Ordnung
AttacBasisText 60
88 Seiten | EUR 8.50
ISBN 978-3-96488-200-4

Hajo Funke
AfD-Masterpläne
Die rechtsextreme Partei und die Zerstörung der Demokratie | Eine Flugschrift
108 Seiten | EUR 10.00
ISBN 978-3-96488-210-3

Michael Brie
Linksliberal oder dezidiert sozialistisch?
Strategische Fragen linker Politik in Zeiten von Krieg und Krise
Eine Flugschrift
126 Seiten | EUR 12.00
ISBN 978-3-96488-215-8

Antje Vollmer/Alexander Rahr/Daniela Dahn/Dieter Klein/Gabi Zimmer/Hans-Eckardt Wenzel/Ingo Schulze/Johann Vollmer/Marco Bülow/Michael Brie/Peter Brandt
Den Krieg verlernen
Zum Vermächtnis einer Pazifistin | Eine Flugschrift
120 Seiten | EUR 12.00
ISBN 978-3-96488-211-0

Margareta Steinrücke/Beate Zimpelmann (Hrsg.)
Weniger Arbeiten, mehr Leben!
Die neue Aktualität von Arbeitszeitverkürzung
160 Seiten | EUR 16.80
ISBN 978-3-96488-196-0

15. Dezember 2023 Redaktion Sozialismus.de

Wir trauern um Sybille Stamm (24.3.1945–14.12.2023)

Wir sind tief betroffen vom Tod der Mitherausgeberin unseres Zeitschriftenprojektes, die nach kurzer Krankheit im Alter von 78 Jahren in Stuttgart verstorben ist. Wir trauern gemeinsam mit ihrem Mann, Jürgen Stamm, und vielen anderen um eine langjährige Weggefährtin, Freundin, Kollegin und Genossin.

Sybille war immer politisch, vor allem aber gewerkschaftlich aktiv. Sie arbeitete u.a. in den Bezirksleitungen der IG Metall und der IG Medien in Baden-Württemberg, wurde später Leiterin der Abteilung Tarifpolitik der IG Medien. Sie war maßgeblich an der Zusammenführung von ÖTV, der DAG, der HBV der DPG und der IG Medien zur Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di beteiligt. Nach deren Gründung im Jahr 2001 war sie bis zum Eintritt in den Ruhestand Ende 2007 baden-württembergische Landesvorsitzende von ver.di. Von 1991 bis ebenfalls 2007 gehörte sie in der Gruppe der Mitglieder ohne Befähigung zum Richteramt dem Verfassungsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg an. 1973 der SPD beigetreten, verließ sie 2007 diese Partei und schloß sich der Partei DIE LINKE an, für die sie Landessprecherin wurde. Außerdem war sie bis 2919 Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Wir dokumentieren in Erinnerung an Sybille im Folgenden den Beitrag »Meine Zeit ist mein Leben. Eine Debatte zur Neuaufnahme der Kämpfe um Arbeits- und Lebenszeit« aus der Mai-Ausgabe von Sozialismus.de im Jahr 2020. Eine ausführliche Würdigung ihres gewerkschaftlichen und politischen Lebens hat das Forum Gewerkschaften in der Print-Ausgabe 1-2024 vorgenommen. Einen Tag zuvor verstarb auch Detlef Hensche im Alter von 85 Jahren, der häufig Autor unserer Zeitschrift war. Mit ihm hat Sybille in der IG Medien nicht nur lange zusammengearbeitet, sondern war auch eng befreundet. Franziska Wiethold erinnert an ihn ebenfalls in der Print-Ausgabe 1-2024. Und wir verweisen auf den Nachruf auf der Website von ver.di.


Meine Zeit ist mein Leben

Eine Debatte zur Neuaufnahme der Kämpfe um Arbeits- und Lebenszeit
von Sybille Stamm

Auseinandersetzungen um die Verteilung der Arbeits- und Lebenszeit sind allgegenwärtig. Und sie können schnell ihre Erscheinungsformen ändern. In der Reaktion auf die Pandemie des Covid-19-Virus steht Kurzarbeit ganz oben auf der Tagesordnung. 725.000 Betriebe hatten bis Mitte April diese von der Bundesagentur für Arbeit subventionierte Form krisenbedingter Arbeitszeitverkürzung beantragt, rund vier Millionen Beschäftigte sind davon betroffen. Deutlicher noch als in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/9 zeigt sich der enge Zusammenhang von zeitlichen und materiellen Ressourcen. Das Gros der »Held*innen der Arbeit« in den für die öffentliche Versorgung »systemrelevanten« Berufen kann sich kurzarbeitsbedingte Einkommensverluste schlicht »nicht leisten«. Zurecht fordert ver.di einen »Lohnausgleich« von 90%.

Niemanden wundert es, dass Arbeitgeberverbände das entschieden zurückweisen (die Erstattung der Beschäftigten-Beiträge zur Sozialversicherung hingegen gerne entgegennehmen). Auch nicht, dass sie mit einer Gegenoffensive kontern: Suspendierung des Acht-Stunden-Tages, Flexi-Korridor für Arbeitszeiten von 48-60 Wochenstunden, Kürzung der Ruhezeiten. Das waren die Forderungen bereits in den zurückliegenden Jahren. Die Corona-Krise wird genutzt, den weiteren arbeitszeitpolitischen Rollback mit vermeintlicher Dringlichkeit erneut auf die Tagesordnung zu setzen. Mit Erfolg: Das sozialdemokratisch geführte Bundesarbeitsministerium ist diesen Begehren nachgekommen. Zunächst zeitlich begrenzt, doch das will in der gegenwärtigen Krisensituation, deren Ende nicht absehbar ist, nur wenig heißen. Arbeitszeitverkürzung (Kurzarbeit) geht so mit Arbeitszeitverlängerung Hand in Hand.

Der Ausgangspunkt der Neuaufnahme der gewerkschaftlichen Kämpfe um Arbeits- und Lebenszeit lag vor der Pandemie. Der »Basso continuo« war zum einen die Auseinanderentwicklung von tatsächlichen und tariflichen Arbeitszeiten, kurz: die faktische Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche bei Vollzeitbeschäftigung. Dies geschah in einer Arbeitswelt, in der die Leistungsschraube kontinuierlich und in den letzten Jahren forciert durch Digitalisierungsschübe weiter angezogen wird. Mit Rückkopplungseffekten: Vor allem in sozialen Dienstleistungsberufen gehen Beschäftigte in Teilzeit, weil sie dem Leistungsdruck über einen ganzen Arbeitstag nicht statthalten. Hinzu kommt: Wachsende Teile der Beschäftigten sind nicht mehr bereit, ihre Lebensperspektiven hintanzustellen. Exakt das macht die Neuaufnahme der gewerkschaftlichen Kämpfe um neue Arrangements von Arbeits- und Lebenszeit aus.  Vor die schwierige Wahl gestellt, tarifliche Verhandlungserfolge als Einkommens- oder Zeitgewinne zu nutzen, entscheiden sich Mehrheiten für letzteres: Meine Zeit ist mein Leben!

Die Debatte leiten wir in dieser Ausgabe des Forum Gewerkschaften mit einem Beitrag von Reinhard Bispinck ein, der den historisierenden und resümierenden Blick auf die gewerkschaftliche Tariflandschaft mit der Perspektive einer – unterschiedlichen Bedürfnislagen der Beschäftigten entsprechenden – neuen Arbeitszeitpolitik verbindet.

In den nachfolgenden Ausgaben werden sektorale Tarifkämpfe – in der Industrie und verschiedenen Dienstleistungen – sowie Auseinandersetzungen um Arbeitszeit in europäischen Nachbarländern bilanziert. Auch dabei geht es um den in der Vergangenheit nicht gelösten, stattdessen beständig aktualisierten regulatorischen Zusammenhang von Arbeitsintensivierung und gewerkschaftlicher Arbeitszeitpolitik. Dass dieses Themenfeld allein tarifpolitisch nicht zu bearbeiten ist, ist eine Jahrhunderterfahrung – Initiativen in Richtung eines progressiven Arbeitszeitgesetzes sollten verstärkt Gegenstand betrieblicher und zivilgesellschaftlicher Auseinandersetzung sein.

Auch unter Krisenbedingungen zeigt sich: Kämpfe um Zeit sind Klassenkämpfe. Und: Arbeitsplatzsicherheit, humane Arbeits- und Leistungsbedingungen sind nicht zu trennen von erweiterter Zeitautonomie für die Beschäftigten.Aufgeblättert werden damit strategische Überlegungen gewerkschaftlicher Zeit-Politik.

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